Mit dem Flüchtlingsgipfel in der vergangenen Woche hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zwei Ziele verfolgt: Er wollte ein positives Signal senden, dass Land, Kommunen, Wirtschaft und Gesellschaft die Herausforderung meistern können. Und er wollte für mögliche Härten sensibilisieren – etwa, dass es notwendig werden könnte, viele Turnhallen in Notunterkünfte umzuwidmen. Schließlich hat das Land in diesem Jahr bereits mehr als 142.000 Schutzsuchende aus der Ukraine und mehr als 25.000 Asylsuchende aus aller Welt aufgenommen – und damit deutlich mehr Menschen als 2015, dem Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise.

73 Prozent der Bürger für weitere Aufnahme

Die Bevölkerung jedenfalls unterstützt in großer Zahl grundsätzlich die weitere Aufnahme von Schutzsuchenden aus der Ukraine. Anders als die Kommunalverbände macht sie sich bislang auch nicht so große Sorgen um die Aufnahmekapazität. Das geht aus der neuesten Ausgabe des BaWü-Check hervor, einer gemeinsamen Umfrage der baden-württembergischen Tageszeitungen. Danach signalisieren 73 Prozent der Befragten eine große Aufnahmebereitschaft, wobei sich ein großer Teil davon eine Kontingentierung wünscht. Lediglich 18 Prozent möchten nur noch sehr wenige oder gar keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Jeder dritte Baden-Württemberger wäre grundsätzlich auch bereit, bei entsprechender Wohnsituation Schutzsuchende aus der Ukraine bei sich zu Hause aufzunehmen.

© Foto: Grafik Scherer / Quelle: IfD-Allensbach

Integrationschancen werden positiv eingeschätzt

Damit trifft die durch den Angriff Russlands ausgelöste Flüchtlingswelle auf ein viel positiveres gesellschaftliches Klima als 2015. Damals war die Mehrheit der Bevölkerung trotz starken ehrenamtlichen Engagements außerordentlich besorgt.
Aktuell sieht die Hälfte der Bevölkerung noch Spielraum bei den Aufnahmekapazitäten, die meisten davon indes nur einen begrenzten. Gut jeder Vierte hat den Eindruck, dass die Unterbringungsmöglichkeiten erschöpft sind. Viele trauen sich kein Urteil zu.
Eine knappe Mehrheit der Baden-Württemberger hätte auch kein Problem damit, wenn in der Nähe der eigenen Wohnung eine Notunterkunft errichtet würde, ein gutes Viertel würde sich daran stören.

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Die Grundhaltung zur Umwidmung von Turnhallen für Schutzsuchende ist tendenziell ebenfalls positiv: 44 Prozent finden das in Ordnung, 38 Prozent nicht. Die Integrationschancen für Schutzsuchende aus der Ukraine sehen 54 Prozent positiv, 34 Prozent skeptisch.

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Kritik an Mangel an Kontrollen

Knapp die Hälfte der Bevölkerung geht davon aus, dass die meisten Ukraine-Flüchtlinge nach Ende des Krieges in ihre Heimat zurückkehren, ein gutes Drittel glaubt das nicht. Diejenigen, die von einem langfristigen Aufenthalt in Deutschland ausgehen, sind generell skeptischer – egal ob bei der Einschätzung der Aufnahmekapazitäten oder der Integrationschancen.
Verbreitetes Unbehagen lösen einige Punkte aus. So glauben 48 Prozent, dass die Aufnahme der vielen ukrainischen Kinder und Jugendlichen die Schulen überfordert. Weitere 42 Prozent sind überzeugt, dass die Schulen diese Herausforderung nur mit Schwierigkeiten bewältigen.

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Die Angst, dass zu wenig kontrolliert wird, welche Flüchtlinge ins Land kommen, treibt 51 Prozent der Baden-Württemberger um. Der gleiche Prozentsatz sorgt sich, dass die deutschen Sozialleistungen Flüchtlinge anziehen, die sonst kommen würden. Diese Kritik betrifft in erster Linie die Bundespolitik, strahlt aber auf die Bewertung der Flüchtlingspolitik des Landes aus: diese werten nur 27 Prozent positiv, 49 Prozent aber kritisch. Kretschmann hat also noch viel Arbeit vor sich.

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Die Umfrage der Tageszeitungen

Wie zufrieden sind die Menschen in Baden-Württemberg mit der Arbeit der Landesregierung? Werden die richtigen Schwerpunkte gesetzt, wo wird nur geredet, wo wird tatsächlich gehandelt?
Das wollen die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer gemeinsamen Umfrage, dem BaWü-Check, genauer wissen und arbeiten dafür mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zusammen. Das IfD befragt viermal im Jahr im Auftrag der Tageszeitungen 1000 Menschen im Land, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten. Das IfD gehört zu den namhaftesten Umfrage-Instituten Deutschlands. Auf den Rat der IfD-Chefin Renate Köcher greifen Vorstandsvorsitzende, Regierungschefs und Verbände zurück.
Die gedruckten Tageszeitungen in Baden-Württemberg erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen die Leserinnen und Leser auf den reichweitenstarken Online-Portalen der Tageszeitungen.