Ulmerin auf Reisen
: Als Anhalterin und Couchsurferin allein um die Welt

Selina Renz liebt das Abenteuer. Auf ihren Rucksack-Reisen hat sie schon eine Menge erlebt: viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft, kaum brenzlige Situationen.
Von
Magdi Aboul-Kheir
Ulm
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Selina Renz zu Gast bei einer Familie auf dem Philippinen

Die Ulmer Couchsurferin Selina Renz zu Gast bei einer Familie auf den Philippinen: "Sie haben mich aufgenommen, obwohl die Mutter zwei Wochen vor meiner Ankunft ihren Job verloren hatte. Aus geplanten zwei Nächten wurde eine Woche. Sie haben mir die Stadt gezeigt, für mich gekocht, und ich bekam hautnah mit, wie sie lebten."

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Die Ulmerin Selina Renz reist seit neun Jahren allein als Couchsurferin und Anhalterin um die Welt. Sie hat in 30 Ländern bei über 90 Gastgebern gelebt und betont die vielen positiven Erfahrungen und die Gastfreundschaft, die sie unterwegs erlebt hat. Trotz einiger brenzliger Situationen verlässt sie sich auf ihr Bauchgefühl und schätzt besonders die kulturellen Einblicke und persönlichen Begegnungen. Als nächstes plant sie eine Reise nach Süd- und Mittelamerika.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn man Selina Renz zuhört, möchte man gleich seinen Koffer packen. Oder den Rucksack. Denn so ist die Ulmerin am liebsten in der Welt unterwegs. Allein, als Anhalterin und Couchsurferin.

Immer wieder schaut sie auf die Weltkarte, die in ihrem Wohnzimmer hängt. Bei gut 90 Gastgebern in 30 Ländern war sie in den vergangenen neun Jahren auf diese Weise, hat fast nur gute Erfahrungen gemacht. „Ich liebe das Abenteuer“, sagt sie. „Es wird mir schnell langweilig, und ich will Neues sehen.“

Selina Renz kommt aus Eggingen, hat auf der Valckenburgschule Abitur gemacht, in Tübingen Erziehungswissenschaften studiert und ist als Schulsozialarbeiterin tätig. Mit 20 war sie zum ersten Mal allein unterwegs, sechs Wochen an der amerikanischen Ostküste von Boston bis Florida.

Damals probierte sie auch erstmals Couchsurfing aus, das riesige Online-Gastfreundschafts-Netzwerk. Es begeisterte sie, so offene, freundliche Menschen kennenzulernen. Bei einer älteren Frau in Jacksonville, die sich viel Zeit für sie nahm, „wäre ich am liebsten gleich zwei Wochen geblieben, so willkommen habe ich mich gefühlt“. Zudem kam ihr Englisch in Schwung.

Selina Renz in Vietnam

Als Selina Renz in Huế (Vietnam) aus der Stadt nach Hause kam und zu ihrem Couchsurfing-Host wollte, "haben die Nachbarn mich gesehen und mich zu sich eingeladen. Sie konnten kein Englisch, aber trotzdem hat man sich irgendwie verstanden. Sobald ein Schluck Bier aus meinem Glas war, wurde nachgeschenkt. Ich musste zum Schluss mein Glas umdrehen, da ich nichts mehr wollte."

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Nach dem Studium wollte sie nicht sofort arbeiten. „Ich wusste: Ich muss nochmal raus.“ So zog sie 2018/19 los, sieben Monate lang: nach Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien, Australien. Erst für die Hochzeit ihres Bruders kehrte sie zurück.

Dann begann sie zu arbeiten. Es folgten die Corona-Jahre, doch ihre Träume von der Welt ließen sie nicht los. 2023/24 ging sie in ein Sabbatical und erneut auf Reisen. Elf Monate war sie unterwegs. Zunächst noch einmal in Südostasien: Sie arbeitete im Norden Thailands mit Elefanten, war in Laos, Vietnam, Kambodscha, Sri Lanka, auf den Philippinen, engagierte sich in einem Umweltprojekt auf Sumatra.

Kein Problem, wenn man sich der Kultur anpasst

Als ihre Oma starb, flog sie nach Deutschland zurück - um dann nochmal loszufahren, nach Marokko. Freundinnen hatten ihr gesagt, dort müsse sie als Alleinreisende vorsichtig sein. „Doch wenn man sich der Kultur anpasst, lange Hosen trägt, die Schultern bedeckt, hat man keine Probleme.“

Ein Trip durch Österreich, Italien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Bosnien und Slowenien schloss sich an. Stets zwei, drei Tage im Vorlauf die nächste Unterkunft buchend, „wenn man ein gutes Couchsurfing-Profil mit vielen positiven Bewertungen hat, wird das immer leichter“. Man lerne mit der Zeit immer besser, potentielle Gastgeber einzuschätzen: „wo es passen könnte und wo eher nicht“. Manchmal machte sie „Urlaub gegen Handwerk“, also Unterkunft für Arbeit.

Selina Renz reist als Anhalterin.

Selina Renz reist als Anhalterin: "In Marokko wartete ich meistens nur zehn Minuten, bis das erste Auto mich mitnahm." An einer weniger befahrenen Straße könnten es aber auch mal 45 Minuten sein. Auf der kroatischen Insel Vir hatten sie einen Gastgeber, der Reisende aufnimmt, obwohl er im Rollstuhl sitzt: "Er hatte so eine positive Lebenseinstellung, von der ich noch viel lernen konnte."

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Ob sie niemals Angst hat als allein reisende Frau, auch beim Trampen? „Angst ist nicht grundsätzlich was Schlechtes. Sie schützt einen einzusteigen, wenn man kein gutes Gefühl hat. Ich verlasse mich auf meinen Bauch.“ Nur einmal war es „brenzlig“: In Australien fuhr ein Mann mit ihr in eine andere Stadt als verabredet. „Dann muss man selbstbewusst auftreten und wehrhaft sein.“

Aber sie habe auch als Anhalterin so tolle Leute kennengelernt. Und interessante Fahrzeuge: Sie fuhr in Riesen-Trucks mit und auf der Ladefläche von Pick-Ups, bei einem DHL-Boten und in Marokko sogar in einem Krankenwagen. In Deutschland und Österreich sei es freilich schwierig mit dem Daumen am Straßenrand: „Man spricht lieber Leute an Tankstellen an, dann hat man auch gleich einen ersten Eindruck.“

In manche Länder würde sie nicht reisen

Und wenn es beim Couchsurfing nicht passt, könne man ja einfach gehen. Was sie bei all den Reisen aber nur zweimal gemacht hat. Meist klappe es menschlich: „Die Leute haben ähnliche Werte, sind aufgeschlossen, hilfsbereit. Sonst würden sie das auch nicht anbieten.“ Eine Indonesierin habe ihr mal gesagt: „Ich habe kein Geld, um zu reisen, also lade ich mir die Welt nach Hause ein.“

Für allein reisende Frauen sei Südostasien empfehlenswert, es sei dort sehr sicher, sagt Selina Renz. Nach Afghanistan, Pakistan oder den Iran würde sie nicht reisen, schon wegen der politischen Lage. Passieren könne einem natürlich überall etwas: In Thailand hat sie sich einmal nach einem Sturz vom Roller eine bakterielle Infektion am Bein zugezogen, in Vietnam stürzte sie beim Wandern und erlitt eine heftige Bänderdehnung. „Aber sonst war ich nie richtig krank.“

Selina Renz in Marokko

In Marokko nahm ein Krankenwagen Selina Renz mit - was nicht erlaubt ist. "Deshalb musste ich nach hinten, sobald eine Polizeikontrolle kam. Wer kann schon von sich behaupten, dass er das erste Mal in seinem Leben in einem Krankenwagen saß und in diesem Moment sehr glücklich war?"

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Das Reisetagebuch der Ulmerin ist voller Erinnerungen, vor allem an besondere Menschen. Da war zum Beispiel der Aufenthalt bei einem kroatischen Rollstuhlfahrer: „Seine Lebenseinstellung war so inspirierend, er hat in allem das Positive gesehen.“ Oder auf den Philippinen, bei einer Frau mit zwei Kindern, die zuvor ihre Arbeit verloren hatte. „Trotzdem hat sie mich aufgenommen, in ihrer Wellblechhütte. So gastfreundlich.“ Statt zwei Tagen blieb Selina Renz eine Woche und revanchierte sich mit Geschenken.

Als Tourist sitze man im Hotel, besichtige Sehenswürdigkeiten, betrachte alles von außen, sagt Selina Renz. Als Couchsurfer integriere man sich, bekomme Eindrücke vom Alltag: „Ich will wissen, wie die Menschen wohnen, welche Sorgen sie haben, was sie glücklich macht.“ Man lerne als Deutscher „dankbar zu sein, für alles was wir haben“ - auch für den deutschen Pass, „mit dem man problemlos in so viele Länder reisen kann“.

Einige ihre Gastgeber haben sie dann auch in Eggingen besucht, das bezeugen gut 20 liebevolle Einträge in ihrem Gästebuch: von der taiwanesischen Ulm-Touristin über Norddeutsche auf der Durchreise zum Skifahren bis zu Urlaubern auf dem Donauradweg. Couchsurfing sollte ein „Geben und Nehmen“ sein, findet die 29-Jährige. „Und wenn man mal damit anfängt, kann man nicht mehr aufhören.“

Ein nächstes großes Ziel für eine lange Reise hat sie schon: Süd- und Mittelamerika. Selina Renz deutet auf die Weltkarte und strahlt.

20 Millionen Mitglieder

Das Gastfreundschafts-Netzwerk Couchsurfing wurde 2004 gegründet und hat nach eigenen Angaben 20 Millionen Mitglieder in 230 Ländern. Über die Webseite und die App können Gastgeber und Reisende miteinander in Kontakt treten. Um die Vertrauenswürdigkeit der Mitglieder besser einschätzen zu können, gibt es ausführliche Nutzerprofile. Die Gebühr beträgt 14 Euro pro Jahr.