Studie enthüllt: Atombomben lassen unsere Wildschweine bis heute strahlen

Wildschweine fressen gerne Hirschtrüffel. Der Pilz wächst tief im Boden und speichert radioaktives Cäsium. Deshalb sind immer wieder einzelne Wildschweine, die sich den Bauch mit Hirschtrüffel vollgeschlagen haben, radioaktiv belastet.
Ralf Hirschberger/dpaImmer noch sind einzelne Wildschweine im Südwesten stark radioaktiv belastet: Die Spitzenreiter im abgelaufenen Jagdjahr 2022/23 fanden sich im Bodenseekreis bei Tettnang und im Kreis Biberach bei Wain. 8611 und 6630 Bequerel Cäsium-137 pro Kilo wurden bei den beiden geschossenen Sauen gemessen. Der Grenzwert liegt bei 600 Bequerel, so stark belastetes Fleisch darf nicht auf den Tisch.
Auch in den Kreisen Freudenstadt (4200 Bequerel) und Ravensburg (4479) fanden sich stark belastete Tiere. 21 Prozent der 2676 untersuchten Proben lagen über dem Grenzwert, teilte das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg (CVUA) jetzt mit. Jedes Jahr veröffentlicht das CVUA die aktuellen Werte. Die Messungen erfolgen an den Untersuchungsämtern Stuttgart und Freiburg und bei 25 Messstellen der Jägerschaft.
Zum Vergleich: Im Jagdjahr 2021/22 (immer von 1. April bis 31. März) lagen 26 Prozent der Proben über dem Grenzwert, 1210 von damals insgesamt 4725. Die höchsten Werte gab es im Südosten des Landes: Ein bei Leutkirch (Kreis Ravensburg) erlegtes Wildschwein lieferte mit 13 780 Bequerel pro Kilo den Rekordwert.
Anders als bisher angenommen, spielen die Atombombentests der 1950er und 1960er Jahre dabei eine stärkere Rolle als der Reaktor-GAU in Tschernobyl (Tschornobyl auf Ukrainisch). Erst 1963 beendeten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien ihre oberirdischen Atomtests. Unterirdisch gingen sie noch weiter.
Forscher um den Radioökologen Georg Steinhauser von der TU Wien haben letzten Sommer nachgewiesen, dass die teils hohen radioaktiven Werte bei Wildschweinen in Bayern – bis zu 15 000 Bequerel pro Kilo – zum großen Teil durch Waffentests verursacht wurden.
10 Prozent Atomwaffentests, 90 Prozent Tschernobyl?
Bis zu 68 Prozent Anteil Bomben-Cäsium ermittelten die Wissenschaftler in Proben von 48 in Bayern erlegten Tieren. Beim baden-württembergischen Schwarzwild wird es nicht anders sein. Die höchsten Werte im Südwesten finden sich ja auch immer wieder im württembergischen Allgäu, in der Region an der bayerischen Grenze.
Das wirft alle bisherigen Annahmen um, die Tschernobyl 90 Prozent und den Waffentests zehn Prozent Anteil am Cäsium im Wildbret zuschreiben.
Steinhauser und sein Team haben das Verhältnis von Cäsium-135 (Cs-135) zu Cäsium-137 (Cs-137) untersucht. Cs-135 ist langlebiger, strahlt aber weniger. Am Mischungsverhältnis der beiden Isotope lässt sich die Quelle – Atombombe oder Reaktorexplosion – festmachen.
Die Untersuchungspraxis in Baden-Württemberg wird sich trotz der Studie nicht ändern: Bei der Überwachung der Radioaktivität stehe der Verbraucherschutz im Vordergrund, es gehe darum, dass Wildbret mit mehr als 600 Bequerel pro Kilo nicht als Lebensmittel in Verkehr gebracht wird, sagt Sebastian Hascher vom Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz. Die Messergebnisse seit 2005 belegten einen Zusammenhang zwischen erhöhten Messwerten und den 1986 von Tschernobyl-Fallout betroffenen Gebieten im Südwesten. „Die ursprüngliche Quelle und damit die Bewertung der Plausibilität dieser wissenschaftlichen Studie ist für den Verbraucherschutz irrelevant.“
Arbeit für Wissenschaftler, nicht für Lebensmittelüberwacher
Die Analytik auf Cs-135 sei auch sehr aufwändig und könne nicht im Routinebetrieb mit erledigt werden, so Hascher. Sammeln und Auswerten von Daten zu Cs-135 und dem Isotopenverhältnis sei eher Aufgabe einer Forschungseinrichtung oder einer Universität, nicht der Lebensmittelüberwachung.
Ministerium und Landesjagdverband betonen, dass angebotenes Wildfleisch aus Baden-Württemberg unbelastet ist. Dafür sorge das engmaschige Prüfnetz. In den Gebieten im Südwesten, die nach der Reaktorkatastrophe 1986 stärker von radioaktivem Fallout betroffen waren, wird nach wie vor jedes erlegte Wildschwein untersucht, sagt René Greiner vom Landesjagdverband. Außer Oberschwaben betrifft das zum Beispiel im Schwarzwald das Schluchseegebiet und Teile der Kreise Freudenstadt und Calw. Landratsämter und Jagdverband haben die Messstellen eingerichtet. „Jeder Jäger will ja, dass nur einwandfreies Fleisch auf den Tisch kommt.“ In die Jahre gekommene Messegeräte würden gerade ausgetauscht, sagt Greiner.
Auch in den anderen Landesteilen wird das Wildbret untersucht, hier gibt es ein Monitoring mit Stichproben. Fleisch über dem Grenzwert wird vernichtet. Die Belastung der Wildschweine ist nicht flächendeckend und sie schwankt auch nach Jahreszeiten sehr stark. Die Cäsiumgehalte anderer Wildarten wie Reh oder Hase liegen auch in Oberschwaben weit weg vom Grenzwert.
Ein Pilz tief aus dem Boden ist schuld
Ursache für die hohe Strahlenbelastung ist eine Nahrung der Wildschweine, der Hirschtrüffel. Wenn anderes Futter knapp wird, graben die Tiere nach dem Pilz 20 bis 40 Zentimeter tief im Boden. Das Cäsium sinkt nur sehr langsam in tiefere Schichten. Die radioaktiven Stoffe – neben Cäsium-137 auch Strontium-90 und Plutonium-239 – gelangten mit den Bombentests in die Atmosphäre. Durch Niederschläge wurden radioaktive Spaltprodukte ausgewaschen und auf dem Boden abgelagert. Das langsame Absinken im Boden erklärt laut den Forschern um Steinhauser auch, warum sich Bomben-Cäsium im Wildbret findet. Das Tschernobyl-Cäsium komme gerade erst beim Hirschtrüffel an. Heißt: Die radioaktive Belastung bleibt noch sehr, sehr lange bestehen.
Sogar ohne Tschernobyl, so die Forscher, würden einige der Proben aus Bayern über dem Grenzwert liegen. Das zeigt, wie groß die radioaktive Verschmutzung durch weltweite Atomtest-Fallouts war. Die Halbwertszeit von Cäsium-137 liegt bei 30 Jahren, erst dann ist die Hälfte der Radioaktivität weg. Rund 25 Prozent sind so heute noch übrig. Vom Tschernobyl-Cäsium steckt dagegen über 40 Prozent im Boden.
