Strafrecht
: Wenn Kinder kriminell werden

370 Straftaten soll eine Gruppe Heranwachsender im Raum Karlsruhe begangen haben. Drei Jahre dauerte es, bis die Polizei den Haupttäter in einer Einrichtung unterbringen konnte. Er war strafunmündig.
Von
epd
Karlsruhe
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Sprachbarriere: Wenn Kinder zum Beginn der Grundschule nicht ausreichend gut Deutsch sprechen, haben sie in allen Fächern Probleme.

ARCHIV - 22.02.2021, Berlin: ILLUSTRATION - Ein Schüler steht mit Schulranzen nahe einer Grundschule. Die Kinder- und Jugendkriminalität an den Schulen im Südwesten ist zuletzt sprunghaft angestiegen. (zu dpa: «Kriminalität an Schulen im Südwesten steigt sprunghaft») Foto: Annette Riedl/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Polizei registriert immer wieder Kinder, die bereits kriminell sind. Nur wenige Straftäter können in geschlossene Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht werden.

Firma dpa STATISTISCH
  • Eine Jugendbande verübte 370 Straftaten im Raum Karlsruhe; Haupttäter war strafunmündig.
  • In Deutschland fehlen geschlossene staatliche Einrichtungen für Kinder unter 14 Jahren.
  • Die Nachfrage nach Plätzen in Jugendhilfeeinrichtungen ist groß; es gibt nur wenige Plätze.
  • Die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg 2023 um 12%, die der Jugendlichen um 9,5%.
  • Jugendhilfe soll erziehen, nicht bestrafen; Isolation für Kinder wird abgelehnt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Einbrüche, Diebstähle, Vandalismus bis hin zu Gewalt gegen Personen: Wenn Kinder kriminell werden, ist die Gesellschaft oft schockiert. Eltern sind verzweifelt, die Opfer fassungslos vor Wut. In jüngerer Zeit ging eine Einbruchsserie von Kindern und Jugendlichen mit 370 Straftaten im Raum Karlsruhe durch die Medien, im August schreckte ein strafunmündiger Elfjähriger mit 70 Einbrüchen die Behörden in Hamburg auf.

Für Täter, die jünger als 14 Jahre und damit strafunmündig sind, gibt es in Deutschland keine geschlossene staatliche Einrichtung, die zu deren Aufnahme verpflichtet ist. „Es sind nur sehr wenige, die es betrifft, aber da klafft eine Lücke“, sagte der Karlsruher Jugendrichter Martin Schacht bei einem Pressegespräch von Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendbehörden der Stadt und des Landkreises Karlsruhe. Hintergrund waren die Taten von acht Kindern und Jugendlichen zwischen 2021 und 2024 im Raum Karlsruhe.

13-Jähriger mit geklautem Auto unterwegs

Ein heute 13 Jahre alter Haupttäter hatte zusammen mit einem ebenfalls Strafunmündigen und mehreren Jugendlichen Einbrüche in Bädern, Pizzaservices und Autohäusern verübt. Laut Polizeipräsidium Karlsruhe stahlen sie Autoschlüssel und fuhren mit den Autos durch die Stadt und den Landkreis. Die Fahrzeuge wurden - meist schwer beschädigt - irgendwo abgestellt.

Die beiden strafunmündigen Kinder und die zwei über 14 Jahre alten Jugendlichen seien inzwischen in geschlossenen Einrichtungen untergebracht, betonte Sozialbürgermeister Martin Lenz. Wo genau, wird aus Gründen des Personenschutzes nicht bekannt gegeben. „Was wir jetzt gehört haben, können wir fast nicht lösen“, schilderte Lenz die Schwierigkeit, delinquente Strafunmündige unterzubringen.

Schätzungsweise 200 geschlossene Plätze gibt es deutschlandweit für jugendliche Delinquenten. Betreiber sind meist private und kirchliche Träger, wie die Diakonie Baden in Niefern-Öschelbronn. Ihre Arbeit ist ein kleiner, aber zeit-, kosten- und arbeitsintensiver Bereich der Jugendhilfe, der ein Schattendasein führt.

500 Anfragen für acht Plätze

Das Angebot ist gering, die Nachfrage groß. Die Jugendeinrichtung des Landkreises Karlsruhe, Schloss Stutensee, hält acht Plätze in einer „individuell geschlossenen Wohngruppe“ für Jungen von 11 bis 15 Jahren vor. Für die erhalte er rund 500 Anfragen pro Jahr aus ganz Deutschland, sagt Geschäftsführer Jens Brandt.

Anstieg der Kriminalität

Laut Statistik ist 2023 die bundesweite Zahl tatverdächtiger Kinder unter 14 Jahren im Jahresvergleich um zwölf Prozent auf rund 104.000 gestiegen, die der Jugendlichen um 9,5 Prozent auf rund 207.000. Bereits 2022 wurde ein starker Anstieg in beiden Gruppen festgestellt. Experten rechnen damit, dass die Zahlen in den nächsten Jahren weiter steigen. Der Grund dafür liege in den Familien. Eltern seien nicht immer in der Lage ein familiäres Umfeld zu schaffen, weil sowohl Vater als auch Mutter arbeiteten und wenig Zeit für ihre Kinder hätten.

Das Angebot der Jugendhilfe ist eine „Hilfe zur Erziehung“. Nicht zu verwechseln mit Einrichtungen des Strafvollzuges, der erst ab dem Alter von 14 greift. „Jugendhilfe ist immer ein freiwilliges Angebot an die Eltern“, betont die Bereichsleiterin der geschlossenen Gruppe in Schloss Stutensee, Sabine Haid.

Ziel der - stationären - Erziehungshilfe ist nicht Strafe, sondern die Sicherstellung pädagogisch-therapeutischer Einwirkungsmöglichkeiten. Nach Haids Worten sind die Jugendlichen und ihre Probleme sehr unterschiedlich: Es seien Schulverweigerer dabei, auch Kinder mit selbstgefährdendem Verhalten oder Traumatisierungen. Alle jedoch hätten Probleme mit dem Selbstwert.

Trotz zunehmend jüngerer Straftäter erteilen Schacht, Brandt und Haid einer immer wieder diskutierten Herabsetzung der Altersgrenze für die Strafmündigkeit eine Absage. Isolation im Kindesalter wirke sich „verheerend“ aus, betonen die Pädagogen. Besser als ein Kindergefängnis seien mehr geschlossene Einrichtungen der Jugendhilfe.

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