Schräge Dates
: „Er hat mir erzählt, dass er schon mal im Gefängnis saß – so ganz nebenbei“

Ein blutender Chirurg, ein Mann in Wollsocken, ein Macho in Lederkluft. Die Ludwigsburgerin Christina Herrmann hatte viele schräge Dates. Mindestens ein Mal bekam sie es auch mit der Angst zu tun.
Von
Dominique Leibbrand
Ludwigsburg
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Frau am Handy: SYMBOLBILD - 03.07.2024, Berlin: Eine Frau öffnet auf ihrem Smartphone einen Ordner mit Apps verschiedener sozialer Medien. (zu dpa: «Ende der Dating-Apps? Wieso Singles nicht mehr online suchen») Foto: Niklas Graeber/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Das Internet ist heutzutage der Ort Nummer eins, wenn es um die Anbahnung von Dates geht. Dabei gibt es oft Überraschungen.

Niklas Graeber/dpa
  • Christina Herrmann berichtet von schrägen Online-Dates, teils mit Angstmomenten.
  • Frühes Treffen an den Stuttgarter Bärenseen: gespenstische Atmosphäre, mulmiges Gefühl.
  • Date gesteht „so ganz nebenbei“, dass er „schon mal im Gefängnis saß“ – Herrmann will weg.
  • Polizei rät zu öffentlichen Treffpunkten; Psychologin: „Es muss mich jemand schreien hören.“
  • Trotz Erlebnissen findet Herrmann 2013 per App ihren „Traummann“; Hochzeit, vier Kinder.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein kalter Tag im Spätherbst. Als Christina Herrmann in ihr Auto steigt, dämmert es gerade. Um sie herum fahren die Menschen zur Arbeit, zur Ausbildungsstätte oder zum Arzt. Christina Herrmann fährt zu einem Date. Es ist gegen 8 Uhr am Morgen, als die Ludwigsburgerin an den Stuttgarter Bärenseen ankommt – ein im Wald gelegenes Naherholungsgebiet, das vor allem an Wochenenden Besuchermassen anzieht, unter der Woche, zumal morgens früh, aber nur vereinzelt von Joggern und Hundebesitzern angesteuert wird. Auf dem Parkplatz, auf dem sie ihr Auto abstellt, steht sonst kein anderes Fahrzeug.

Die Atmosphäre, so beschreibt es die 40-Jährige mehr als 15 Jahre später, sei gespenstisch gewesen. Der Nebel, viele hohe, dunkle Bäume, Tiergeräusche im Dickicht und weit und breit kaum eine Menschenseele. Nur sie. Und ihr Date. Ein Mann, den sie zuvor noch nie gesehen hat. Und der sowohl den Treffpunkt als auch die ungewöhnliche Uhrzeit vorgeschlagen hat. Wegen der Arbeit sei nur dieser frühe Termin möglich, hatte er ihr erklärt. Christina Herrmann beschleicht ein mulmiges Gefühl. Ob das eine gute Idee war?

Polizei: Verabreden Sie sich in einem Lokal!

Dating ist nichts für schwache Nerven. Zumal, wenn die Anbahnung, so wie heutzutage üblich, online stattfindet, das erste reale Treffen also zur totalen Überraschung werden kann. Bei einer Erhebung des Statistikportals Statista gaben 53 Prozent der Internetnutzer an, bereits Online-Dating-Dienste in Anspruch genommen zu haben. Das Internet und Dating-Apps rangieren sogar auf Platz eins der häufigsten Kennenlernorte. Und weil das so ist, hat die Polizei Tipps für Dates zusammengestellt, die über Online-Portale zustande kommen: „Verabreden Sie sich in einem Lokal oder in einer Gegend, die Sie kennen!“, heißt es da. In einer Wohnung oder an einem unbekannten Ort solle man sich hingegen lieber nicht treffen. Zum Date solle man außerdem eigenständig an- und abreisen, eine Vertrauensperson über seinen Aufenthaltsort informieren und ein geladenes Handy bei sich haben.

Dating-Geschichten

Ihre Geschichte hat Christina Herrmann bei der Dating-Aktion der Südwest Presse eingeschickt, wie viele andere Leserinnen und Leser. Einige davon werden in den nächsten Tagen und Wochen in loser Folge veröffentlicht.

Christina Herrmann hält nach Joggern Ausschau, während sie mit dem Fremden um die Bärenseen läuft und ist jedes Mal erleichtert, wenn ihnen jemand entgegenkommt. Sie selbst wäre mit Sportschuhen wohl auch gut beraten gewesen, denn ihr Date gibt ein straffes Tempo vor. „Er hat einen sehr gestressten Eindruck gemacht und ist sehr schnell gelaufen“, berichtet die Ludwigsburgerin. Sie habe richtig stramm marschieren müssen, um mitzuhalten. Die Kommunikationsfreude des Mannes wird dadurch aber nicht getrübt. „Er hatte ein sehr großes Redebedürfnis“, erinnert sie sich.

Und dann fällt ein Satz, der die junge Frau, sie ist damals 23 Jahre alt, innerlich erstarren lässt. „Er hat mir erzählt, dass er schon mal im Gefängnis saß – so ganz nebenbei.“ Die Haftstrafe sei wohl schon eine Weile her, es sei um geschäftliche Dinge gegangen. Die genauen Hintergründe sind Christina Herrmann da aber auch schon egal. Sie will nur noch weg. „Ich hatte richtig Herzklopfen und einen Kloß im Hals.“

Mehr als 15 Jahre später hört man die Ludwigsburgerin am Telefon schmunzeln. „Ich hatte in meiner Singlezeit schon ein paar schräge Dates“, sagt sie. Der Straftäter war da quasi nur die Spitze des Eisbergs. Mal sei ein Mann zu einem Date von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet gekommen, mit einem komplett schwarzen Auto. „Nur der Kofferraum war rot. Das hat mir Unbehagen bereitet.“

Ein anderes Mal sei sie gemeinsam mit ihrem Date bei einem winterlichen Treffen im Schwarzwald beinahe einen Hang hinabgerutscht. „Er hat sich an einem Dornenbusch festgehalten und uns damit gerettet.“ Süß sei das gewesen, wenngleich sich der Mann, ein Chirurg, so schwer an der Hand verletzt habe, dass er danach mehrere Monate arbeitsunfähig gewesen sei.

Und wieder ein anderes Mal erscheint ein Mann wegen Glätte und Schnee nicht in Schuhen zum vereinbarten Kinodate, sondern in Wollsocken. „Er hatte Gummis von Einmachgläsern um die Socken gespannt und hat mir erzählt, dass er diesen Tipp irgendwo gelesen hat.“ So viel sei zum Ausgang verraten: Ohne Socken hat Christina Herrmann den Mann nie gesehen.

Faustregel: „Es muss mich im Notfall jemand schreien hören“

Und jetzt also ein Mann, der ohne Umschweife seine Knast-Vergangenheit offenlegt. Sollte man beim ersten Date gleich mit so einer Geschichte rausplatzen, das eigene Strafregister offenlegen? Anruf bei der Psychologin Felicitas Heyne. So leicht könne man die Frage gar nicht beantworten, sagt die 59-Jährige „Ich finde es auch mutig, so was am Anfang zu erzählen. Und es gibt der Frau ja auch die Chance, gleich zu sagen, ne, mit einem der gesessen hat, möchte ich mich lieber nicht mehr treffen. Auf der anderen Seite kann es natürlich auch ganz schön überfordernd sein.“

Generell sei das Setting bei einem Date entscheidend. „Ich würde mich vor allem als Frau bei den ersten Dates immer nur in der Öffentlichkeit treffen“, sagt auch Heyne. Ihre Faustregel: „Es muss mich im Notfall jemand schreien hören.“ In einem Lokal oder einem belebten Park könne man sich auf ein Gespräch auch ganz anders einlassen. „Vielleicht habe ich da sogar die Nerven, nachzufragen, wenn mir jemand so eine Geschichte erzählt. Und womöglich stelle ich dann fest, dass mich das gar nicht betrifft oder dass er seine Lektion gelernt hat.“ Eine Verabredung auf einen Kaffee sei ideal für das erste Date. Da könne man sich auch zügig wieder verabschieden, wenn man sich unwohl fühle – oder noch ein Abendessen dranhängen, wenn das Date gut laufe.

Wenn sich die Situation aber bedrohlich anfühle oder das Bauchgefühl einem sage, dass mit dem Mann etwas nicht stimme, „sofort gehen“, sagt die Psychologin. Frauen seien oft zu höflich, wollten nicht als Zicke rüberkommen. „Daran würde ich in so einem Moment aber nicht eine Sekunde einen Gedanken verschwenden.“ Lieber einmal zu viel einen Mann, der es vielleicht auch nicht verdient habe, vor den Kopf stoßen, als sich in Gefahr zu bringen.

Christina Herrmann lenkt den Spaziergang mit dem Ex-Insassen an jenem Herbsttag zum Parkplatz zurück. Als sie sich verabschiedet und wieder in ihrem Auto sitzt, schlägt sie innerlich drei Kreuze. Den Mann sieht sie nie wieder. „Er hat sich danach noch ein paar Mal gemeldet, fand das Date wohl gut.“ Sie habe nicht mehr reagiert.

Verurteile Straftäter, blutende Chirurgen und Männer, die einen Sturz bei Glätte offenbar mehr fürchten, als sich vor einer Frau mit eigenwilliger Fußbekleidung lächerlich zu machen: Man könnte meinen, Christina Herrmann hätte dem Dating irgendwann abgeschworen. Aber die Ludwigsburgerin beweist Durchhaltevermögen – und findet, ebenfalls über eine Dating-App, am Ende ihren „Traummann“, wie sie sagt. Die beiden treffen sich im Jahr 2013, heiraten, bekommen vier Kinder. „Ihn behalte ich bis an mein Lebensende“, sagt die 40-Jährige. Klingt vernünftig.

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