Rüstungstracker BW
: Rüstungsfirmen bauen nicht nur Gewehre – fünf Beispiele aus dem Südwesten

HintergrundDer „Rüstungstracker“ beobachtet rund 180 Unternehmen aus dem Bereich Rüstung und Verteidigung. Wir stellen fünf davon vor - bekannte wie Heckler & Koch, aber auch Hersteller von Material zur Krim-Invasion.
Von
Jan Georg Plavec
Oberndorf am Neckar
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Rüstungstracker

In Baden-Württemberg werden sehr unterschiedliche Arten von Rüstungsgütern hergestellt - am Bodensee etwa das Luftabwehrsystem Iris-T von Diehl Defence.

KI/Midjourney, Illustration: Locke
  • Der Rüstungstracker listet rund 180 BW-Unternehmen und ordnet sie nach Rüstungsanteil ein.
  • Heckler & Koch: Waffenhersteller aus Oberndorf, Gewehre und Pistolen für Bundeswehr und Polizei.
  • Diehl Defence am Bodensee: baut das Luftabwehrsystem Iris-T, Lieferung an die Ukraine angekündigt.
  • Rotinor aus Stuttgart: schnelle Tauchscooter für Spezialkräfte – Exportkontrolle, Einsatz weltweit.
  • Elbit Systems Deutschland in Ulm: Funk- und Sensorsysteme für den „Infanterist der Zukunft“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der „Rüstungstracker“ unserer Zeitung vermisst und kartiert die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie in Baden-Württemberg. Rund 180 Unternehmen stehen zum Auftakt auf der dahinterliegenden Liste. Wir teilen sie in drei Kategorien ein, basierend auf dem Anteil, den das Rüstungsgeschäft für die Tätigkeiten des Unternehmens hat.

Es ist unmöglich, die Vielzahl der Firmen auf einmal darzustellen. Deshalb stellen wir beispielhaft fünf Firmen vor, die für die Branche im Südwesten stehen.

Heckler & Koch (Oberndorf am Neckar, Kreis Rottweil)

Die Stadt im Schwarzwald ist seit mehr als 200 Jahren ein Zentrum der Waffenproduktion. Bereits 1811 ließ König Friedrich von Württemberg das ehemalige Kloster zur Gewehrfabrik umbauen. Dort entstanden Musketen für seine Armee. An diese Tradition knüpft Heckler & Koch an. Das Unternehmen produziert Sturmgewehre, Maschinengewehre, Maschinenpistolen und Pistolen – vor allem für Streitkräfte und Polizeibehörden, daneben auch für Sportschützen.

Die Firma wurde 1949 von Edmund Heckler, Theodor Koch und Alex Seidel gegründet. Zunächst verhinderten alliierte Auflagen die Waffenproduktion. Erst als die Alliierten die Herstellung von Sportwaffen erlaubten, begann das Unternehmen mit der Fertigung von Schusswaffen. Den Durchbruch brachte das CETME-Sturmgewehr. Entwickelt hatte es der ehemalige Wehrmachtskonstrukteur Ludwig Vorgrimler im Auftrag des Franco-Regimes in Spanien. Heckler & Koch übernahm 1954 die Produktion. Wenige Jahre später kaufte die Bundesrepublik die Lizenz und führte das Gewehr als G3 bei der neu gegründeten Bundeswehr ein.

Heckler & Koch: ARCHIV - 15.06.2026, Frankreich, Paris: Bei der Rüstungsmesse Eurosatory steht ein Mitarbeiter von Heckler & Koch beim Messestand seiner Firma und hält eine Maschinenpistole in der Hand. Im Hintergrund sind weitere Maschinenpistolen zu sehen. Die Firma hat Umsatz und Gewinn im ersten Halbjahr 2026 deutlich steigern können. (zu dpa: «Heckler & Koch macht so viel Gewinn wie noch nie») Foto: Wolf von Dewitz/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Spezialisiert auf Gewehre: die Firma Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar.

Wolf von Dewitz/dpa

Mit dem Ende des Kalten Krieges geriet Heckler & Koch in eine schwere Krise. Die Verteidigungsetats schrumpften, und die Bundeswehr verzichtete auf das zuvor mit hohem Aufwand entwickelte G11. Das Unternehmen wechselte mehrfach den Eigentümer. Mittlerweile liegt der Jahresumsatz wieder bei rund 393 Millionen Euro (Gewinn: 39,5 Millionen Euro), damit gehört das als H&K AG firmierende Unternehmen wieder zu den größten deutschen Rüstungsherstellern.

Die Produkte des Unternehmens sind allgegenwärtig. Soldaten der Bundeswehr tragen Gewehre aus Oberndorf. Viele deutsche Polizeibehörden setzen Pistolen oder Maschinenpistolen von Heckler & Koch ein. In Baden-Württemberg trägt jede Polizistin und jeder Polizist eine Dienstpistole des Unternehmens. Selbst das Logo der linksterroristischen RAF zeigte eine Maschinenpistole vom Typ MP5 – eine makabre Form weltweiter Bekanntheit.

Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW

Diehl Defence (Überlingen, Bodenseekreis)

Der Bodensee ist eines der größten Zentren der deutschen Rüstungsindustrie. Vor mehr als 100 Jahren baute man hier Flugzeuge und Zeppeline. Diehl Defence spezialisiert sich heute darauf, wie man militärisches Fluggerät vom Himmel holt. 2024 hat die Firma laut eigenen Angaben 2,3 Milliarden Euro umgesetzt. Sie gilt als führender deutscher Anbieter für bodengesteuerte Luftabwehrsysteme. Das Unternehmen entstand 2004 aus der Fusion der Bodenseewerk Gerätetechnik GmbH und der Diehl Munitionssysteme GmbH & Co. KG.

ARCHIV - 05.09.2023, Schleswig-Holstein, Panker: Ein Launcher des Luftverteidigungssystems IRIS-T SLM der Firma Diehl Defence steht während der Vorstellung der European Air Defence Academy in der Kaserne Todendorf auf einer Platte. (zu dpa: «Rüstungssparte von Diehl investiert am Bodensee») Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Spezialist für Luftabwehr: Diehl Defence baut das Luftverteidigungssystem IRIS-T.

dpa

Das bekannteste Produkt von Diehl ist das Luftabwehrsystem Iris-T. Einige davon hat Deutschland an die Ukraine geliefert, wo sie ukrainische Städte vor russischen Drohnen und Raketen beschützen. Weitere sollen im Laufe des Jahres 2026 geliefert werden.

Bei Diehl Defence zeigt sich der Effekt der Zeitenwende besonders deutlich. Seit 2021 hat das Unternehmen seinen Umsatz nahezu verdreifacht. Luftabwehr ist besonders gefragt, wenn es um die Aufrüstung geht. Städte ohne Luftabwehr sind Drohnen und Raketen schutzlos ausgeliefert. Für Diehl Defence bedeutet das absehbar prall gefüllte Auftragsbücher.

Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW, Sitz der gesamten Diehl-Gruppe in Nürnberg

Rotinor (Stuttgart)

Der Sitz der Firma Rotinor liegt unscheinbar direkt neben einem Möbelgeschäft in Stuttgart-Weilimdorf. Wesentlich spektakulärer sind die Produkte der Firma: Tauchscooter für Spezialkräfte. Damit können Soldaten unter Wasser zum Einsatzort gelangen. Die Rotinor-Geräte sind wesentlich schneller als die meisten anderen Unterwasserscooter auf dem Markt. Statt Propellern haben sie einen jetskiähnlichen Antrieb.

Rotinor

Für unbemerktes Anpirschen unter Wasser: Rotinor-Tauchscooter

Rotinor

Die Tauchscooter der Firma sind weltweit bei maritimen Spezialkräften im Einsatz. Darunter in PolenGriechenland - und Russland, welches die Tauchscooter offenbar vor der Invasion der Krim im Jahr 2014 für seine maritimen Spezialkräfte kaufte. Eine auf der auf investigative Militärrecherchen spezialisierten Website Hisutton aufgetauchte Analyse vermutet, dass russische Soldaten noch 2022 Rotinor-Geräte gegen ukrainische Kräfte im Einsatz hatten. Unterwasserschwimmgeräte unterliegen der Exportkontrolle.

Gegründet wurde Rotinor 2004. Nach zwei Jahren mit Verlusten kam die Firma 2024 wieder in die Gewinnzone mit 809 Millionen Euro Jahresüberschuss.

Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Hauptsitz in BW

Elbit Systems Deutschland (Ulm)

Die israelische Mutterfirma produziert Material für fast alle Bereiche moderner Kriegsführung - von Aufklärungs- und Kampfdrohnen über Funkgeräte und Nachtsichtgeräte bis zu Gefechtstürmen und Raketen. Im Gründungsjahr 1966 lag der Fokus noch auf Minicomputern, später kam Bordelektronik dazu. Nach verschiedenen Aufspaltungen und Zukäufen gründete die Firma Niederlassungen unter anderem in den USA, Großbritannien und Deutschland.

ARCHIV - 20.09.2025, Baden-Württemberg, Ulm: Ein Schild mit der Aufschrift «Willkommen auf dem ShutElbitDown Camp!» steht auf einem Protestcamp vor einem Bürogebäude, in dem sich unter anderem Räume des Rüstungskonzerns Elbit Systems befinden.  (zu dpa: «Anklage nach Angriff auf israelischen Rüstungskonzern in Ulm») Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die international tätige israelische Rüstungsfirma Elbit ist im Palästinakrieg immer wieder Gegenstand von Kritik - hier der Standort in Ulm.

dpa

Erst seit 2020 heißt die in Ulm ansässige Firma Elbit Systems Deutschland, zuvor knüpfte der Name an die Telefunken-Tradition an (Telefunken Radio Communication Systems). In Ulm werden entsprechend keine großen Waffen hergestellt, sondern hochspezialisierte Funkgeräte oder Systeme für das Gefechtsmanagement.

Mit seinen Produkten stattet Elbit Systems Deutschland den „Infanterist der Zukunft“ aus, insbesondere in den Bereichen Kommunikation (Funkgeräte) und Sensorik (Nachtsichtbrillen).

Einteilung im Rüstungstracker: hauptsächlich im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Standort in BW

Steep GmbH (Ulm, Meßstetten, Stuttgart, Bruchsal)

Die Firma Steep mit Hauptsitz in Bonn steht beispielhaft für die räumlich oft verteilten Standorte der Firmen aus der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie. Auch diese Firma hat eine mehr als sechs Jahrzehnte lange Geschichte. Ursprünglich hieß sie Elekluft und war auf Radarsysteme spezialisiert. Nach dem Ende des Kalten Krieges verbreiterte die Firma ihr Portfolio etwa auf die Automobilindustrie, wurde aber 1999 aufgekauft. Seit einem Management-Buyout heißt die Firma Steep GmbH.

Weiterhin wartet und modernisiert die Firma Radaranlagen. Sie testet elektrische Waffen gegen Störimpulse und Abhörbarkeit und ist in den Bereichen Ausbildung und Qualifizierung tätig. Gemeinsam mit dem Systemhaus Hensoldt liefert Steep beispielsweise besonders geschützte und leicht verlegbare Anlagen, in denen Flugdaten und Aufklärungsergebnisse direkt nach der Landung sicher ausgelesen werden können. Die Gewinne der Firma sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, von 4,1 Millionen (2021) auf 9,3 Millionen (2024). Unter der 2025 ernannten neuen Führung soll die Firma weiter wachsen.

In Ulm arbeiten die technischen Angestellten unter anderem mit Elbit Systems zusammen. Am Radar- und Luftwaffenstandort Meßstetten hält Steep die Funk- und Radartechnik instand und errichtet das „Auge der Bundeswehr“ für den Weltraum. Im Stuttgarter Büro werden technische Dienstleistungen angeboten, und auch am Bundeswehrstandort Bruchsal ist die Firma präsent.

BND Außenstelle Bad Aibling: ARCHIV - 06.05.2015, Bayern, Bad Aibling: Radarkuppeln stehen am 07.05.2015 in Bad Aibling (Bayern) auf dem Gelände der Abhörstation des Bundesnachrichtendienstes (BND). (zu dpa: «Kriege, Krisen, KI: BND zum 70. vor neuen Herausforderungen») Foto: Angelika Warmuth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Steep ist unter anderem ein Spezialist für Radartechnik. (Symbolbild)

Angelika Warmuth/dpa

Neben dem militärischen Bereich ist Steep beim Objektschutz von kritischer Infrastruktur, in der Zertifizierung von Medizin- und Elektronikprodukten, in der Weiterbildung und beim Betrieb von Fest- und Mobilfunknetzen aktiv. Wegen dieser zivilen Aktivitäten fällt die Firma in die Kategorie „teilweise im Rüstungs- und Verteidigungsbereich“.

Einteilung im Rüstungstracker: teilweise im Rüstungs- und Verteidigungsbereich, Standort in BW

Datenprojekt „Rüstungstracker“

In Deutschland existiert kein vollständiges Verzeichnis aller Firmen aus dem Rüstungs- und Verteidigungssektor. Das Projekt „Rüstungstracker“ unserer Zeitung in Kooperation mit dem Datendienstleister North Data ermöglicht erstmals einen umfangreichen Überblick für Baden-Württemberg. Die Zählung im „Rüstungstracker“ kombiniert verschiedene Quellen, erhebt aber keinen Anspruch auf absolute Vollständigkeit. Dazu zählt die amtliche Firmenklassifikation sowie Verzeichnisse von Branchenverbänden und der Informationsstelle Militarisierung (IMI) aus Tübingen.

Es wurden nur Unternehmen berücksichtigt, deren Arbeit für den Verteidigungs- und Militärbereich öffentlich bekannt ist. Die Firmen müssen entweder ihren Hauptsitz in Baden-Württemberg haben oder einen für die Rüstungsbranche relevanten Standort.

Eingeteilt haben wir die Firmen in drei Kategorien, je nach dem, ob sie sich in ihren Geschäftsfeldern hauptsächlich, teilweise oder nur wenig an das Militär oder andere Rüstungsfirmen richten. Das umfasst jeweils auch manche Zulieferer. Konkrete Daten berichten wir vor allem zu Firmen der ersten beiden Kategorien – und auch nur solche, für die aktuelle Geschäftszahlen bei North Data vorliegen.