Reinheitskult in Freikirchen: Aussteigerin erzählt – „Ich habe meinen Körper als sündig wahrgenommen“

Mona Krähling ist Podcasterin, Aktivistin und Theologin. Sie lebt mittlerweile in den USA.
privat„FCK PURITY“, zu Deutsch: „Scheiß auf Reinheit“. So heißt Mona Krählings Podcast, den sie seit mehr als zwei Jahren bespielt. Darin spricht sie mit diversen Gästinnen und Gästen unter anderem über Lust und Sex – Themen, über die in ihrem früheren Umfeld nie offen gesprochen wurde. Krähling ist in einer christlichen Freikirche in der Region Hohenlohe aufgewachsen. Heute teilt sie als Aussteigerin im Internet ihre Erfahrungen mit der Sexualmoral, die sie in diesem Umfeld vermittelt bekommen hat. Wie genau das aussah.
Frau Krähling, welche Regeln oder Erwartungen im Hinblick auf Enthaltsamkeit gab es in den christlichen Kreisen, in denen Sie sich bewegt haben?
Ich bin damit aufgewachsen, dass Sex vor der Ehe Sünde ist. Und ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass mein Körper und seine Bedürfnisse schlecht sind. Für mich war Sexualität wie ein Geschenk, das ich nicht aufmachen darf, weil ich es perfekt verpackt meinem Ehepartner schenken soll. Ich habe selbst mit 21 Jahren geheiratet. Meine Sexualität hat nie mir gehört, sondern erst Gott und dann meinem Partner. Ich hatte sehr wenig Beziehung zu meinem eigenen Körper, weil ich ihn als sündig und schlecht wahrgenommen habe.
Sie haben einen Podcast namens „FCK PURITY“, in dem Sie über diese Erfahrungen sprechen. Können Sie den Begriff „Purity Culture“ erklären?
Bei der „Purity Culture“ geht es um einen gewissen Reinheitskult. Es geht um das Konzept, dass der eigene Körper bis zur Ehe rein sein und dann nur dem Partner zur Verfügung stehen soll. Diese Vorstellung ist Teil einer christlichen Sexualethik. Zur Jungfräulichkeit werden gewisse Bilder vermittelt: Dass man zum Beispiel wie ein ausgekauter Kaugummi ist, wenn man vor der Ehe schon Sex hatte. Menschen wird darüber ein Wert zugeordnet, wie viele Sexualkontakte sie schon hatten. Aber auch Masturbation gilt oft als sündig.
Haben Sie durch diese Erwartungen Druck verspürt, früh zu heiraten?
Ich habe nicht jung geheiratet wegen Sex, sondern weil eine Beziehung in meiner Gemeinde erst wirklich anerkannt wurde, wenn man verheiratet war. Vorher soll man zum Beispiel nicht zusammenwohnen. Generell ist dieses frühe Heiraten aber kein Phänomen, das eine spezifische Gemeinde betrifft, sondern das sich durch das evangelikale Spektrum zieht.
Würden Sie sagen, dass die Purity Culture Frauen in besonderem Maße trifft oder benachteiligt?
Es geht viel um konservative Rollenverständnisse. Darum, dass Frauen zur Verfügung stehen sollen und Männer diejenigen sind, die ein unbändiges Verlangen haben. Das ist übrigens dann auch das, was potenzielle männliche Übergriffe entschuldigt. Weil die Schuld bei der Frau gesucht wird. Aber Purity Culture trifft auch Männer, die eben lernen, dass ihr sexuelles Verlangen negativ ist. Ich denke, Frauen benachteiligt es trotzdem nochmal mehr, weil sie nicht als sexuelle Wesen wahrgenommen, aber gleichzeitig objektifiziert werden.
Hat Sie die Zeit in der Freikirche auch positiv geprägt?
Auf jeden Fall. Ich hatte immer ganz viele liebevolle Menschen um mich. Und ich habe mich in sehr vielen Bereichen austoben können. Zum Beispiel, wenn es darum ging, sich Geländespiele für Freizeiten zu überlegen, auf Bühnen zu stehen oder sich musikalisch einzubringen. Es wurde ganz viel Kreativität gefördert. Und ich hatte ein großes Netzwerk an Kontakten. Das ist etwas, was ganz stark wegfällt, wenn man aussteigt.
Wie viele Menschen in Deutschland sind Mitglied in einer Freikirche?
In Deutschland sind laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 288.000 Menschen Mitglied in einer evangelischen Freikirche. Diese Zahl basiert jedoch auf verschiedenen zeitlichen Ständen. Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), zu der 13 Mitglieds- und zwei Gastkirchen gehören, zählt laut eigener Angabe rund 280.000 Mitglieder. Eine weitere Statistik des Vereins Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst (REMID) schreibt sogar von 1,9 Millionen Mitgliedern in Freikirchen und Sondergemeinschaften. Der REMID berücksichtigt hierbei allerdings nicht ausschließlich evangelische Freikirchen, sondern auch Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas.
Mona Krähling ist in einer Gemeinde aufgewachsen, die Wert auf die Erwachsenentaufe legt, auch Glaubenstaufe genannt, und die sich finanziell durch Spenden der Mitglieder trägt. Im Gottesdienst und Gemeindeleben wurde der Fokus auf ein wörtliches Schriftverständnis und auf die Relevanz sowie praktische Umsetzung des Glaubens im Alltag gelegt.
Wann haben Sie angefangen, die Werte in Ihrer Freikirche zu hinterfragen?
Das begann ganz langsam, als ich evangelische Theologie studiert habe. Da war die Welt nicht mehr schwarz-weiß, und ich dachte mir: Wer bin ich, andere zu verurteilen? Vor allem, was das Thema Homosexualität angeht. Da gibt es immer wieder eine große Debatte, in der es letztlich um ein „richtiges“ Schriftverständnis der Bibel geht. Je länger ich studiert habe, umso liberaler sind meine Ansichten geworden, weil ich gelernt habe, mir selber eine Meinung zu bilden. Weil ich selber Griechisch und Hebräisch gelernt und mich mit den verschiedenen theologischen Entwürfen auseinandergesetzt habe. Und am Ende des Studiums habe ich gemerkt: Nee, das passt nicht mehr.
Und wie ging es dann weiter?
Während Corona war ich viel auf Instagram aktiv und habe dann über Posts von liberalen Christinnen andere Leute kennengelernt, die auch in freikirchlichen Kreisen oder evangelikalen Gruppierungen aufgewachsen und da ausgestiegen sind. Die haben sich in Whatsapp-Gruppen vernetzt, die bald aus allen Nähten geplatzt sind. Da habe ich mich eingebracht und eine größere Plattform aufgebaut. Der Austausch mit anderen hat mich nochmal mehr an dem ganzen evangelikalen Konstrukt zweifeln lassen.
Dann ist Ihr Ausstieg aus der Freikirche noch gar nicht so lange her?
Ach, das sind jetzt schon so drei Jahre. Ich habe es nochmal probiert und bin nach einem Umzug in eine andere Freikirche gegangen, in der der Pastor queer-affirming (unterstützend im Hinblick auf queere Menschen, Anm. d. Redaktion) war. Nicht alle Freikirchen sind gleich. Manche sind echt am Umdenken, sind nicht so verurteilend und haben ein offeneres, liberaleres Menschenbild. Aber als der Pastor gesundheitlich aussetzen musste, habe ich die Gemeinde verlassen und bin in die evangelische Landeskirche gewechselt.
Was waren die größten Herausforderungen für Sie, nachdem Sie die Freikirche hinter sich gelassen haben?
Die persönlichen Gespräche mit Leuten aus der Familie zum Beispiel. Für die war es besonders schwer, dass ich nicht mehr alles 1 zu 1 so geglaubt habe wie sie. Aber was für mich persönlich am schlimmsten war, war meine Scheidung – wegen des Sorgerechtsstreits, der danach kam. Ich hätte mir gewünscht, diese Entscheidung, mit wem ich zusammen bin und mit wem ich Kinder bekomme, im Vorhinein freier treffen zu können.
Wie blicken Sie heute auf Freikirchen?
Ich denke, es kann für viele Menschen ein Ort sein, an dem sie Sicherheit und Orientierung finden für ihr Leben, und dass Freikirchen auch sehr viel Positives bewirken können. Ich würde niemanden dafür verurteilen, in eine Freikirche zu gehen. Jeder muss für sich entscheiden, welchen Weg er gehen möchte. Spiritualität kann was sehr Schönes sein, was sehr Kraftgebendes.
Sie sind ja trotz Ausstieg weiterhin gläubig.
Ich muss nicht komplett aus der Kirche aussteigen und die Tür hinter mir zuschlagen. Ich bin dann wahrscheinlich am linken Außenspektrum – aber ich will trotzdem weiter dabeibleiben und an einem liebenden Gott festhalten.
Mona Krähling lebt mittlerweile in den USA
Mona Krähling, Jahrgang 1995, ist Podcasterin, Aktivistin und Theologin. Aufgewachsen ist sie in der Region Hohenlohe. Krählings Großeltern waren bereits in einer Freikirche, ihre Eltern ebenfalls. Und so wächst auch sie in einer evangelisch-freikirchlichen Kreisen auf. Sie wohnte zwischenzeitlich im Großraum Stuttgart und lebt seit Sommer 2024 in den USA. Krähling hat vier Kinder und wieder geheiratet. Ihren neuen Nachnamen möchte sie nicht öffentlich teilen.
Ihren Podcast „FCK PURITY“, oder kurz „FCK PRT“, betreibt sie seit 2022. Außerdem ist sie auf Instagram unter dem Namen „kopfvollbunt“ aktiv sowie im „ruach.jetzt“-Netzwerk, das Projekte rund um innovative Glaubenskommunikation und Kirchenentwicklung betreut. Krähling hat den Verein „fundamental frei e.V.“ mitgegründet, der sich als Anlaufstelle für Menschen versteht, die negative Erfahrungen mit evangelikalen Gemeinschaften oder Freikirchen gemacht haben.


