Praktisches Jahr in der Medizin: Für 300 Euro Vollzeit an der Klinik arbeiten: Ausbildung oder Ausbeutung?

430 Euro Verdienst für einen Vollzeitjob: Márk Möller, angehender Arzt im Praktischen Jahr aus Mannheim, bei der Demonstration in Stuttgart.
Axel Habermehl- Medizinstudenten im Praktischen Jahr (PJ) protestieren in Stuttgart gegen schlechte Bezahlung.
- Viele verdienen nur 300 bis 900 Euro monatlich bei Vollzeit-Arbeit; Mietkosten oft höher.
- Schweiz lockt mit besserer Vergütung von rund 1500 Euro, viele Studierende wandern ab.
- Bundesregierung plant Reform: Vergütung soll mindestens dem Bafög-Höchstsatz entsprechen.
- Kritik an Lehrqualität und Fehlzeitenregelung: Studierende fordern konkrete Verbesserungen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Márk Möller friert, aber der Zorn scheint ihn warmzuhalten. „Entweder sind wir Studenten – dann wollen wir aber gute Lehre. Oder wir sind Mitarbeiter – dann wollen wir fair entlohnt werden“, wettert der Medizinstudent aus Mannheim. Seit einer Woche erst ist Möller im Praktischen Jahr (PJ), der letzten großen Station der Medizinerausbildung. Aber schon jetzt ist der 26-Jährige, der Psychiater werden möchte, so unzufrieden mit den Umständen, dass er an diesem Mittwochmorgen zum Demonstrieren nach Stuttgart gefahren ist.
Nun stapft Möller also im weißen Arztkittel in Sichtweite des Landtags durch den Schlossgarten und versucht, im Gespräch Trillerpfeifen und Sprechchöre seiner rund 400 jungen Kolleginnen und Kollegen zu übertönen. Bei einer 40-Stunden-Woche verdiene er im PJ an der Uniklinik Mannheim 430 Euro im Monat, sagt er. „Wir betreuen Patienten, führen Untersuchungen durch, überlegen uns Medikamentenpläne, assistieren bei Operationen“, zählt er auf. Da seien 430 Euro einfach unangemessen wenig. „Davon kann man einfach nicht leben.“
490 Euro Miete, aber nur 430 Euro Einkommen
Ihn unterstützen seine Eltern finanziell. Sonst könnte er nicht mal die 490 Euro Miete im Monat für sein WG-Zimmer zahlen. Viele Kommilitonen müssten neben dem Vollzeitjob im Krankenhaus noch anderswo arbeiten. „Das geht doch einfach nicht“, findet Möller. Zugleich sei die Lehre oft nicht gut, viele Veranstaltungen fielen aus.
Auch die Regel, dass man im PJ nur 30 Tage fehlen darf, Krankheitstage eingerechnet, sei problematisch. Weil die Abschlussprüfung nur eine Woche nach Ende des PJ stattfinde, versuchten viele, sich Fehltage bis zum Ende aufzuheben, für Lernzeit. Besonders heikel: „Die Leute kommen krank in die Klinik, riskieren ihre eigene Gesundheit und die der Patienten.“
Beschwerden über Arbeits- und Verdienstbedingungen im PJ gibt es seit Jahren. Die Höhe sowie die fehlende Einheitlichkeit der Aufwandsentschädigung wird immer wieder kritisiert. Das Problem aus Landessicht: Nach der bundesweit geltenden Ärztlichen Approbationsordnung ist die Gewährung von Geld- oder Sachleistungen, die den als Bafög-Satz bekannten Bedarf für Auszubildende übersteigen, nicht zulässig. Eine freiwillig von den Universitätsklinika und Lehrkrankenhäusern finanzierte Aufwandsentschädigung ist nur bis zur Bafög-Obergrenze möglich, die aktuell bei 922 Euro liegt.
Schweiz als attraktive Alternative
Doch viele PJ-Studenten kommen nicht einmal annähernd an diesen Betrag heran. Während die Uniklinik Ulm 900 Euro zahlt, gibt es in Freiburg nur 300. Experten berichten, viele Mediziner gingen daher zum PJ in die Schweiz, die rund 1500 Euro zahlten. Nicht wenige blieben dort. Für das Land, dass den größten Teil des teuren Studiums bezahlt hat, ein herber Verlust,
Die Entscheidung über die Höhe der Aufwandsentschädigung liegt bei den Kliniken. „Eine übergreifende Festlegung eines einheitlichen Satzes wäre Aufgabe des Bundes“, teilt ein Sprecher der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) mit, da der für die Approbationsordnung zuständig sei. Und: „Es ist zu beachten, dass die Universitätskliniken sehr begehrte PJ-Stationen sind und die Ableistung des PJ am Studienort für viele Studierende vergleichsweise kostengünstig sein dürfte.“
Olschowski selbst sagt bei einer Kundgebung nach der Demonstration: „Ich weiß, dass die Situation nicht immer einfach ist.“ Es sei „absolut notwendig, dass wir uns darüber unterhalten, was für Sie wichtig ist“. Das Land habe Handlungsmöglichkeiten, sagte die Ministerin und kündigte bezüglich der kurzen Lernzeit zwischen PJ und drittem Examen an: „Ich glaube, dafür müsste man eine Lösung finden können.“
Ankündigung der Bundesregierung
Um eine bundesweit einheitliche und verbesserte Regelung der Vergütung zu erreichen, könnte die Bundesregierung die Ärztliche Approbationsordnung ändern. Die aktuelle Bundesregierung hat das Thema auf dem Schirm: „Wir wollen eine Vergütungsstruktur im Praktischen Jahr modernisieren, die mindestens dem Bafög-Satz entspricht und wollen eine gerechte und einheitliche Fehlzeitenregelung schaffen“, haben Union und SPD im Koalitionsvertrag angekündigt.
Überhaupt ist weitgehend unumstritten, dass die Lage problematisch ist. Das wurde am Mittwochnachmittag bei einer überparteilich organisierten Anhörung im Landtag deutlich. Jedoch wiesen etwa Krankenhausvertreter dabei darauf hin, dass es finanziell keine Spielräume gebe. „Den Krankenhäusern geht es schlecht. Wir haben hohe, ansteigende Defizite“, sagte Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft.“
Die Opposition im Landtag sieht das Land in der Pflicht: „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir müssen ins Handeln kommen“, sagt der FDP-Abgeordnete Timm Kern. Florian Wahl (SPD) findet: „Es wäre eine Frage des Anstands für die Landesregierung, eine angemessene Vergütung für die Studierenden zu erreichen.“ 992 Euro im Monat, also der auch von den Studenten geforderte Bafög-Höchstsatz wären „immer noch eine Entschädigung, die weit weg vom Mindestlohn ist, aber sie würde zumindest die teilweise prekäre Lebenssituation, die durch das PJ entsteht, entspannen“.
Auch Möller hat die Anhörung im Landtag verfolgt: „Das kann nur ein Startschuss gewesen sein“, sagt er anschließend. Er sei dankbar und zuversichtlich, betont aber auch: „Wir erwarten noch vor der Landtagswahl 2026 konkrete Verbesserungen.“

Demonstration von angehenden Ärzten im Praktischen Jahr in Stuttgart.
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