Polizistin aus BW im Auslandseinsatz: Als Beobachterin im georgischen Grenzgebiet
Sie ist erst seit vier Monaten wieder in der Heimat – und hat schon die nächste Bewerbung losgeschickt. Melissa Rogina, Polizeioberkommissarin aus Sindelfingen, war ein Jahr lang im Auslandseinsatz in Georgien, einem Land an der Grenze zwischen Europa und Asien. „Sie hat Blut geleckt“, sagt Torsten Köpschall. Der Polizeihauptkommissar betreut im Institutsbereich Polizeiliche Auslandseinsätze der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Böblingen die „Auslands-Verwenderinnen und -verwender“. Die Bezeichnung irritiert, suggeriert sie doch, dass die Beamtinnen und Beamten „verwendet“ werden. Womöglich nicht ganz freiwillig.
Interessierte können sich auf Ausschreibungen bewerben
Doch dem ist nicht so. Polizeibeamtinnen und -beamte, die in so einen Auslandseinsatz gehen möchten, können sich auf Ausschreibungen der EU bewerben. So hat es auch Melissa Rogina gemacht. Mit Erfolg: Sie wurde in den Bewerbungs-Pool für Georgien aufgenommen. „Als Frau kommt man etwas leichter zum Zuge“, sagt die 28-Jährige. Denn es werde Wert darauf gelegt, mehr Frauen in Auslandseinsätze zu bekommen. Und warum Georgien? „Ich wollte neue Erfahrungen machen, fernab vom Streifendienst, mal was ganz anderes sehen.“ Vor ihrem Auslandseinsatz war ihre Dienststelle in Kornwestheim bei Ludwigsburg.
Eineinviertel Jahre und etliche Fortbildungen und Lehrgänge später, reiste sie am 11. April 2022 in das Land im Südkaukasus, das im Norden an Russland grenzt und im Westen an das Schwarze Meer. Der Angriff Russlands auf die Ukraine war da gerade sechs Wochen alt, doch das konnte Melissa Rogina nicht bremsen. Ihre Familie habe zwar Bedenken geäußert, sagt sie. Doch sie habe weiter deren Rückendeckung und die ihres Partners gehabt. Ihr selbst habe der nahe Krieg keine Angst gemacht. Überhaupt wirkt die große, sportliche Frau mit den langen blonden Haaren und den langen Wimpern recht unerschrocken. Sie ist eine Frau, die sich zu helfen weiß. Das hat sie während ihrer Zeit in Georgien immer wieder bewiesen.
Sechs Stunden schweigend auf Holperpisten über ein wildes Gebirge
Doch der Anfang war schwer. Ohne zu wissen, welche Aufgabe sie in Georgien haben wird – „das wird erst vor Ort entschieden“ –, reiste sie mit zwei großen Koffern in das fremde Land. Dort angekommen, wurde sie in einem Taxi mit einem Fahrer, der weder Englisch noch Deutsch sprach, sechs Stunden lang von der Hauptstadt Tiflis nach Sugdidi im Westen Georgiens gekarrt. „Das war eine ziemlich abenteurliche Fahrt“, erinnert sich Melissa Rogina. Es ging auf schlechten Straßen über ein wildes Gebirge in Richtung Schwarzes Meer.
Nach ihrer Ankunft im „Field-Office“ musste sie wegen Corona erst mal sieben Tage in die Selbst-Isolation gehen. Die Kolleginnen und Kollegen stellten sich per Video-Konferenzen bei ihr vor. „Außerdem gab es jeden Tag Online-Lehrgänge. Mir wurde nicht langweilig.“ Die Amtssprache ist Englisch, für die Kommunikation mit den Einheimischen gibt es Übersetzer.
Beobachtungs-Gänge entlang der Zone zum russisch kontrollierten Abchasien
Ein Dolmetscher war immer auch bei den Kontrollgängen entlang der Verwaltungsgrenze (Administrative Boundary Line) zu Abchasien dabei. Das ist ein abtrünniger georgischer Landesteil, der seit dem Kaukasuskrieg 2008 unter russischer Kontrolle steht. Aufgabe von Rogina war, auf täglichen Patrouillen diese Verwaltungsgrenze zwischen Abchasien und Georgien zu beobachten. So soll gewährleistet werden, dass der 2008 zwischen Georgien und Russland ausgehandelte Sechs-Punkte-Plan eingehalten wird. Dafür entsendet die EU seit 2008 jährlich mehrere hundert Beobachter an die mehr als 100 Kilometer lange Sicherzeitszone zwischen Abchasien und Georgien. An der Mission sind Beobachter aus 25 EU-Staaten beteiligt. Sie müssen über jede noch so kleine Veränderung berichten. „Jede Patrouille endet mit einem Bericht“, sagt Melissa.
Am Anfang waren die Patrouillen eine Herausforderung für sie, „weil erst mal alles gleich aussah“. An manchen entlegenen Stellen kann nur erahnt werden, wo genau die Verwaltungsgrenze durch die wilde Landschaft verläuft. „Da musste man sich erst mal reinfuchsen, wo die Zone verläuft. Wichtig war, dass wir auf der georgischen Seite blieben.“
20 schwer bewaffnete russische Grenzwächter tauchen auf
Sie habe die Aufgabe nicht als bedrohlich erlebt, berichtet die Polizistin. Auch dann nicht, als bei einer Patrouille überraschend 20 schwerbewaffnete russische Grenzwächter auf der anderen Seite auftauchten. „Wir waren immer in ziviler Mission unterwegs, waren also nicht bewaffnet“, sagt die junge Frau.
Das Auftauchen der Grenzwächter habe sie eher neugierig gemacht, und sie hätten sich gefragt: Was tun die da in 20-Mann-Stärke direkt an der Verwaltungsgrenze? Es sei jedoch nicht ihre Aufgabe gewesen, darauf eine Antwort zu finden. Sie hätten einfach nur darüber berichten müssen. „Interpretiert wurden die Berichte auf anderen Ebenen.“
Unvergesslich ist für sie auch eine Patrouillenfahrt in den Oberen Kaukasus. Diese Patrouille ist nur einmal im Jahr im Sommer möglich, weil dann das Gebiet Eisfrei ist. Die Fahrt dauerte zwei Tage mit einer Übernachtung in der Wildnis. Allein schon die Fahrt in das Grenzgebiet hat Melissa als Abenteuer erlebt: Es gibt dort keine befestigten Straßen, oft nur unterspülte Geröllpisten. „Es gibt keinen Strom, keinen Handyempfang, einfach nur Wildnis. Da muss man seine persönliche Komfortzone wirklich mal verlassen“, berichtet die 28-Jährige. Bei einem medizinischen Notfall sei jedoch rasche Hilfe sichergestellt gewesen, weil Ärzte mit im Team waren. „Die Mission gewährleistet jedem, dass man innerhalb einer Stunde medizinisch versorgt werden kann.“
In der Freizeit das Land erkundet
Die Administrative Boundary Line wird nach Auskunft von Melissa sieben Tage die Woche rund um die Uhr beobachtet. Deshalb hatte sie immer wieder auch Wochenend- und Nachtdienste. Um an freien Wochenenden und Tagen etwas vom Land zu sehen, hat sie sich mit einem Kollegen ein Auto zugelegt. Der Tourismus entwickle sich erst, sagt sie. Der stecke noch in den Kinderschuhen.
Gewohnt hat die 28-Jährige in einem Mehrfamilienhaus in Sugdidi. „Ich hatte großes Glück mit der Wohnung“, sagt Melissa. Sie sei relativ neu gewesen, und sie hatte als einzige eine Spülmaschine. Doch die nutzt nichts, wenn es kein Wasser gibt. „Immer mal wieder fiel der Strom aus oder es gab tagelang kein Wasser“, erzählt sie. Das Essen in Georgien habe ihr zwar geschmeckt, auf Dauer habe sie aber die gewohnten, heimischen Speisen vermisst. Von Urlaubs-Aufenthalten in der Heimat brachte sie, Linsen, Spätzle und Maultaschen mit.
Nach der Rückkehr wieder im Streifendienst
Seit ihrer Rückkehr ist die Polizistin im Polizeirevier Sindelfingen als stellvertretende Dienstgruppenleiterin im Streifendienst tätig. Bevor sie wieder in einen Auslandseinsatz gehen kann, muss sie erst noch eine einjährige „Re-Integrationsphase“ hinter sich bringen. „Damit wollen wir sehen, ob die Kollegen auch in Deutschland wieder zurechtkommen“, sagt Polizeihauptkommissar Torsten Köpschall. Der Auslands-Virus, der manche befalle, müsse erst mal warten.
Melissa Rogina hat sich nach Rücksprache mit ihrer Familie und ihrem Partner für einen Frontex-Einsatz an einer europäischen Außengrenze beworben. Der dauert allerdings nur zwei bis drei Monate. „Am liebsten wäre ich auf den griechischen Inseln im Einsatz“, sagt sie. Demnächst bekommt sie Besuch von einer Freundin aus Ungarn, die sie in der Mission in Georgien kennengelernt hat. Neben vielen neuen beruflichen Erfahrungen hat sie aus dem Auslandseinsatz auch Freundschaften mitgebracht.
Sechs-Punkte-Plan beendet den Konflikt
EUMM Georgien: So heißt die Beobachtermission der Europäischen Union (EU). Sie ist eine unbewaffnete zivile Beobachtermission mit über 200 Beobachtern aus den EU-Mitgliedstaaten, heißt es in einer Pressemitteilung des EU-Rates. Die Mission wurde im Oktober 2008 entsandt, im Anschluss an die von der EU vermittelte Sechs-Punkte-Vereinbarung vom 12. August 2008 und die Vereinbarung über Durchführungsmaßnahmen vom 8. September 2008, mit denen der Konflikt zwischen Georgien und Russland beendet wurde.
Das Mandat der Mission besteht in der Stabilisierung, Normalisierung und Vertrauensbildung sowie in der Berichterstattung an die EU, die als Information in die europäische Politikgestaltung einfließen und damit zum künftigen Engagement der EU in der Region beitragen soll.
Die Mission hat ihren Sitz in Tiflis und unterhält drei Außenstellen in Gori, Mtskheta und Zugdidi. In Zugdidi war die Polizeioberkommissarin Melissa Rogina aus Sindelfingen ein Jahr lang stationiert.



