Mit dramatischen Worten haben viele Kinderkliniken im Südwesten angesichts von Überlastung und Personalnot einen Hilfsappell an die Landesregierung gerichtet. Das System werde seit Jahren kaputtgespart, dringende kinderchirurgische Eingriffe würden verschoben, Kinder müssten auf die benötigte Therapie warten, heißt es in einem Protestbrief von Fachärzten aus 23 der rund 30 Kinderkliniken im Land, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. „Für uns besteht konkret die Angst, dass wir in überfüllten Notaufnahmen und ohne Aufnahmekapazitäten auf den Stationen die falschen Kinder nach Hause schicken, mit unter Umständen fatalen Konsequenzen – dass eines dieser Kinder morgens nicht mehr aufwacht.“ Der Brief wurde am Montag an die Landesregierung geschickt.

RS-Virus: Immer mehr Kinder eingeliefert – doch viele Betten müssen frei bleiben

Weil infolge des RS-Virus immer mehr Kinder mit Atemwegserkrankungen in Kliniken behandelt werden, wurde zuletzt bundesweit eine bessere Ausstattung der deutschen Krankenhäuser gefordert. Denn nach Angaben der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) können 40 Prozent der vorhandenen Intensivbetten für Kinder nicht genutzt werden. Das RS-Virus ist besonders für Frühgeborene, Säuglinge und Kleinkinder gefährlich. Diese könnten schwere Lungenentzündungen bekommen.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat eine Änderung der Krankenhausfinanzierung angestoßen: Konkret soll nur noch ein Teil des Geldes über Fallpauschalen abgerechnet werden, der übrige Teil unabhängig von der Zahl der behandelten Patienten. Doch ob und wann das Vorhaben als Gesetz beschlossen wird, ist unklar.

Protestbrief: Kinderärzte könnten ihrer Verantwortung nicht mehr gerecht werden

Die große Zahl akut kranker Kinder sowie die vielen chronisch kranken Patienten führten zu einem hohen Bedarf an pflegerischen und ärztlichen Maßnahmen, heißt es in dem Brief. „Dieser Bedarf geht über die Grenze dessen hinaus, was unser aktuelles System der stationären Kinder- und Jugendmedizin zu leisten imstande ist.“ Im System „erlös- und gewinnorientierter Fallpauschalen“ lasse sich mit der Pädiatrie kein Geld verdienen, also würden Ausgaben gekürzt, wo es nur gehe, kritisieren die Mediziner. Sie schreiben, sie könnten ihrer Verantwortung für die Versorgung der Patienten nicht mehr gerecht werden.
Der Bettenabbau in Kinder- und Jugendkliniken müsse ein Ende haben, schreiben die Fachärzte. Die Kinder- und Jugendmedizin sei stark abhängig von saisonalen Faktoren und Notfalleinweisungen. Wer eine durchschnittliche Auslastung von über 75 Prozent fordere, müsse der Bevölkerung auch sagen, dass dann in akuten Notlagen Kinder auf der Strecke bleiben würden. „Wie die Feuerwehr auch nicht für ihren Einsatz bezahlt wird, so müssen gerade in der Kinder- und Jugendmedizin Vorhaltekosten ohne Kostendeckung oder Gewinnorientierung finanziert werden.“

Was die Kinderärzte außerdem von der Landesregierung fordern

Die Fachärzte fordern zudem, die Lage der Pflegekräfte in der Kinder- und Jugendmedizin zu verbessern - durch die Entlastung von administrativen Aufgaben, eine bessere Vergütung, einen besseren Personalschlüssel und mehr Entwicklungs- und Aufstiegschancen. Außerdem müsse das Vergütungssystem reformiert werden. „Wir werden weiter unter vollem Einsatz für unsere kleinen und großen Patient*innen kämpfen“, schreiben die Ärzte. „Dazu gehört es jetzt, gegen die chronische Unterfinanzierung und Benachteiligung der Kinder- und Jugendmedizin aufzustehen.“