Orban in Stuttgart
: Ein schwieriger Gast

Vor dem EM-Spiel zeigt sich der ungarische Ministerpräsident in bester Stimmung. Bei einem Empfang spricht er über Fußball und nicht wie befürchtet über Politik.
Von
Theo Westermann
Stuttgart
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Euro 2024: Kretschmann trifft Orban

Ministerpräsident Winfried Kretschmann trifft den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban im Neuen Schloss in Stuttgart. Mit dabei: Innenminister Thomas Strobl.

Christoph Schmidt/dpa

Bis in den prunkvollen Marmorsaal des Neuen Schlosses in Stuttgart wummern am Mittwochnachmittag die Bässe der direkt davorliegenden Fanzone der Fußball-Europameisterschaft. Von der anderen Seite erklingen die Tröten vorbeiziehender vorwiegend deutscher Fangruppen, die sich Richtung EM-Stadion im Stadtteil Bad Cannstatt bewegen. Unter den Kristallleuchtern steht der strahlende und sichtlich zufriedene ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, selbst ein glühender Fußballfan, wenige Stunden vor dem Spiel Deutschland gegen Ungarn.

Das seit Tagen von Straßensperren und hohen Sicherheitsmaßnahmen aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft geprägte Stuttgart erlebt noch einmal eine Steigerung polizeilicher Aktivitäten angesichts des Besuchs von Ungarns Ministerpräsident. Der gemeinsame Empfang von Land und Stadt Stuttgart ist zwar benannt als „Empfang aus Anlass des Spiels zwischen Ungarn und Deutschland“ am Abend, doch natürlich dreht sich alles um den ungarischen Ministerpräsidenten. Seine Person steht im Vordergrund, rund 300 Gäste aus Politik, Sport, Gesellschaft und Wirtschaft sind bei Häppchen und Sekt geladen. Das Schloss ist weiträumig abgeriegelt, hinein geht es nur mit Akkreditierung und mehrfachen Kontrollen. Als Orban zum Hintereingang des Schlosses kommt, eskortiert von mehr als einem Dutzend Polizeifahrzeugen, wird er begrüßt von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Kameras sind aufgebaut wie bei einem Staatsbesuch auf, Hände werden geschüttelt und in die Kameras gestrahlt.

Verbunden nicht nur in der Begeisterung für Fußball

Im Spiegelsaal selbst gibt es von Winfried Kretschmann, Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU), Viktor Orban und DFB-Präsident Bernd Neuendorf mit Blick auf die Fußball-EM oft launige, an die gemeinsame deutsch-ungarische historische und fußballhistorische Vergangenheit erinnernde kurze Reden, etwa mit dem „Wunder von Bern“  1954, ein „Wunder“ aus deutscher Sicht, versteht sich.

Die Tatsache, dass Orban vielen in der EU als schwieriger Staatsmann und Autokrat gilt, steht als unausgesprochenes Thema irgendwie im Raum, spielt aber keine Rolle.  Denn beim Empfang zählen erkennbar ausschließlich die Gesetze der Höflichkeit gegenüber einem prominenten ausländischen Regierungschef, dessen Land zudem vielfach mit Baden-Württemberg verbunden ist. Darauf verweist schon vor dem Schloss mit Stolz der auf Orban wartende ungarische Generalkonsul Andras Izsak, der in Stuttgart residiert. Er erinnert an 100.000 Ungarn, die im Südwesten leben, die intensiven wirtschaftlichen Beziehungen und Engagements prominenter Firmen aus dem Land in Ungarn.

Der freundlich-repräsentative Empfang für Orban wird deshalb nicht einmal von der Opposition bekrittelt. SPD-Chef Andreas Stoch: „Wir sind heute einfach gute Gastgeber als Stadt und Land.“ Und es sei gut, dass alles andere hier zunächst keine Rolle spiele.

Kretschmann spricht von der Magie des Sports und speziell des Fußballs, vom Kräftemessen, das eben nicht bis zur Zerstörung reiche. „Und nach dem Abpfiff reicht man sich die Hände.“ Der Ministerpräsident erinnert an die Rolle Ungarns beim Fall des Eisernen Vorhangs 1989. OB Nopper knüpft ebenfalls an 1989 an: „Ungarn war damals voller Mut und Einsicht.“ Die Stadt sei vielfach mit Ungarn verbunden. Hinterher lobt er Orban als „sehr zugänglich und offen“.

Launig und sehr zugänglich

Der ungarische Ministerpräsident zeigt sich als gut gelaunter Politprofi. Er vermeidet in seiner Rede jegliche irgendwie politisch auslegbaren Bemerkungen und windet stattdessen dem deutschen Südwesten rhetorische Kränze. So habe er 1998 als damals frisch gewählter Ministerpräsident den damaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) gefragt, wie man Europa verstehen könne. Jener habe gesagt, die Flüsse Rhein und Donau, das sei Europa. „Und wenn ich nun von Baden-Württemberg höre, fällt mir immer ein, dass dies der Kernpunkt Europas ist“. Er erwähnt lobend den Beitrag schwäbischer Auswanderer im 17. Jahrhundert beim Aufbau Ungarns nach der türkischen Besatzung.

Was den Fußball angeht, sei die Niederlage im WM-Finale von Bern 1954 eine „nie heilende Wunde“, sagt Orban launig. Deutschland habe nun die Chance, diese Wunde bei der Fußball-EM zu heilen. Aber das Spiel „möge so ausgehen, wie der liebe Gott es will.“

Orban selbst will auch das EM-Spiel der ungarischen Mannschaft am Freitagabend in Stuttgart gegen Schottland verfolgen, nach einem Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am gleichen Tag in Berlin. Dort werden dann wohl auch andere Themen zur Sprache kommen.