Ausstieg aus der Obdachlosigkeit
: „Ich lasse mich von euch nicht brechen“ – Wie eine Frau jahrelang auf der Straße überlebte

14 Jahre lang lebt Janita-Marja Juvonen auf der Straße. Sie schläft unter Brücken, läuft sich die Füße in gespendeten Schuhen wund, ihre Binden bastelt sie selbst. Wie es dazu kam und wie sie den Absprung geschafft hat.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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„Ich musste jederzeit mit Angriffen rechnen, permanent fluchtbereit sein“, sagt Janita-Marja Juvonen. Sie hat ein Sachbuch über Obdachlosigkeit geschrieben.⇥

Muhammed Lamin Jadama/querstadtein e.V. Stadtmuseum Berlin
Janita-Marja Juvonen lebte 14 Jahre auf der Straße, schützte sich unter Brücken und kämpfte gegen Gewalt. Sie schrieb das Buch "Die Anderen – die Realität der Obdachlosigkeit" und setzt sich für obdachlose Menschen ein. Juvonen, die in Berlin aus ihrem Buch liest, fordert Hygieneartikel und kostenlose Toiletten. Sie überwand Drogensucht und fand schließlich eine Wohnung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es weht ein scharfer Wind, als sich eine Schlange vor der Essensausgabe am Bahnhof Zoo bildet. Janita-Marja Juvonen nimmt die Menschen, die sich geduckt vor der Kälte aufreihen, nur aus den Augenwinkeln wahr, schaut nicht direkt hin. Sie weiß, wie es sich anfühlt, in seinem Elend den Blicken anderer ausgeliefert zu sein. „Ich habe mir dort nur eine Suppe geholt, wenn es gar nicht mehr anders ging“, sagt die 45-Jährige.

Wie viele wohnungslose Menschen, wollte Janita-Marja Juvonen jahrelang am liebsten unsichtbar bleiben. Inzwischen ist sie ins Rampenlicht getreten. Der Bahnhof Zoo ist nur noch Zwischenstation. Die Frau mit den violett geschminkten Lippen ist aus Essen in die Hauptstadt gekommen, um im Humboldtforum aus ihrem Buch „Die Anderen – die Realität der Obdachlosigkeit“ zu lesen. Sie selbst lebte 14 Jahre lang auf der Straße. „Dort auf der Treppe habe ich oft gesessen und geschnorrt“, sagt sie und zeigt auf einen U-Bahn-Eingang.

Aufgewachsen in Wuppertal zog Janita-Marja Juvonen auf der Flucht vor Gewalt in der Pflegefamilie schon als 16-Jährige durch Deutschland, lebte in Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt auf der Straße. Nach Berlin kam sie, nachdem sie das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen hatte. „Das hatte für mich fast etwas Sozialromantisches.“ Doch die Realität war viel härter. Die Einsamkeit in der Anonymität der Großstadt noch größer.

Heute zieht der Bahnhof Zoo Obdachlose aus ganz Europa an, die dort überwintern wollen. Doch die Männer mit den versifften Kleidern und den halbleeren Bierflaschen, die vor dem Eingang herumlungern, werden schnell von Polizei und Security kontrolliert und regelmäßig der Bahnhofshalle verwiesen. Die neuen Bänke sind mit Bügeln versehen, damit sich niemand drauflegen kann. „Diese defensive Architektur zur Vertreibung von Obdachlosen ist überall in Deutschland zu finden“, sagt Juvonen.

Stadtreinigung kehrt ihr Hab und Gut regelmäßig in den Müll

Auch sie wurde einst von der Brücke vertrieben, unter der sie Schutz vor Regen fand. „Dort hatte ich meine Matratze mit Bettzeug, ein Nachtschränkchen, Kerzen, ein Buch von Johannes Mario Simmel und manchmal sogar Wechselklamotten.“ Regelmäßig kam die Straßenreinigung und kehrte alles in den Müll. Als dann die Polizei endgültig räumte, verlor die junge Frau auch ihre „Gruppe“ mit acht Leuten. „Wir haben aufeinander aufgepasst und bei Minusgraden Rücken an Rücken geschlafen, um uns zu wärmen“, erzählt sie. Übergriffe und Gewalt habe sie dort nie erlebt.

Beim Bahnfahren hingegen schon. „Mir wurde, als ich mich mit 16 auf einer Zugtoilette versteckte, einmal fast der Arm gebrochen, weil der Schaffner einfach immer wieder gegen die Türe trat, weil ich seiner Meinung nach nicht schnell genug rausgekommen war.“ Mit Anfang 20 kam sie wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis und danach direkt wieder auf die Straße. Sich nur zu Fuß fortzubewegen, sei nicht gegangen. Die Schuhe, die aus Kleiderspenden stammten, passten selten. „Darum litt ich ständig unter Druckstellen bis hin zu blutigen und eitrigen Blasen“, berichtet die Autorin, die schon über die umstrittene „Gefängsnistrafe für Schwarzfahrer“ im Bundestag referiert hat.

Drogen gehören zur Überlebensstrategie auf der Straße

Die Sozialaktivistin möchte, dass Menschen mit Obdach die Perspektive wechseln. „Brücken bauen, anstatt unter einer zu schlafen“, lautet heute ihr Motto. Sie würde die Schubladen, in die Menschen gesteckt werden, gerne gegen Wohnungen eintauschen. „Das Leben auf der Straße ist nichts für Faule“, betont Juvonen. „Es gibt keinen Feierabend um 17 Uhr. Wochenende und Urlaub sind auch gestrichen. Und krankmelden und einfach mal zu Hause bleiben, um gesund zu werden, geht auch nicht.“

Einmal war sie so krank, dass sie tagelang nicht aufstehen konnte. Damals half ihr Ronja, die zur lebenslangen Freundin wurde. Sie besorgte Medikamente und Stoff. Der Konsum von Drogen und Alkohol gehöre zu einer der Überlebensstrategien auf der Straße. „Ich nahm Heroin und Kokain, um nicht zu fühlen, nicht bewusst wahrnehmen und ertragen zu müssen“, schreibt sie in ihrem Buch. Ihr Leben habe schon mit einem großen Verlust begonnen. „Dem Verlust meines Urvertrauens. Ich lernte schnell, dass Bezugspersonen nie lange bei mir bleiben würden, und wenn sie doch blieben, taten sie mir Gewalt an.“

Eindrücklich beschreibt sie, wie sie auf der Straße weder Beziehungen eingehen noch einen klaren Gedanken für ihre Zukunft fassen konnte. „Körper und Seele befinden sich im ständigen Überlebensmodus. Im Sommer ist es glühend heiß, im Winter eiskalt. Ich musste jederzeit mit Angriffen rechnen, permanent fluchtbereit sein.“

Ihre innere Alarmanlage ist bis heute nicht ausgeschaltet. In der Bahnhofshalle am Zoo schlägt sie sofort an, als ein verwirrter Mann anfängt zu schimpfen. „Man sollte das nicht persönlich nehmen und ruhig weitergehen“, rät Juvonen. Dass Menschen, die dauerhaft Stress ausgesetzt sind und keine Rückzugsmöglichkeiten haben, Wahnvorstellungen entwickeln, hat sie schon bei Weggefährten erlebt.

Weite Pullis als Schutz gegen Übergriffe

Sie selbst wurde nach ein paar Jahren auf der Straße immer lauter. „Ich schrie meine Hoffnungslosigkeit und meine Angst in Form von Aggression raus.“ Dieses Verhalten habe sie zum Teil auch vor sexuellen Übergriffen geschützt, ähnlich wie die weiten Pullis, die sie trug, um nicht weiblich zu wirken. „Wut ist besser als Angst“, sagt die Frau mit den Piercings unter der Lippe und ordert im Bahnhofs-Bistro einen Kaffee. Lange Zeit konnte Juvonen wegen einer schweren Gastritis keinen trinken, bekam als Obdachlose aber ständig Kaffee hingestellt. „Ich bedankte mich, obwohl ein Tee besser gewesen wäre.“ Im Buch rät sie, die Betroffenen vorher zu fragen, was sie wirklich brauchen. Ein Kapitel handelt auch von enttäuschten Helfern, deren Bevormundung ihr Selbstwertgefühl nur noch tiefer in den Keller rutschen ließ.

Auch Janita-Marja Juvonen hat schon ehrenamtlich Suppe ausgeteilt. „Doch letztendlich wird die Obdachlosigkeit damit nur verwaltet.“ Auch die Notübernachtungen und Heime, in denen die Menschen meist in Mehrbettzimmern zusammengepfercht würden, könnten das Problem nicht lösen. Die größte Hürde sei aber die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. „Wer keine Meldeadresse hat, hat bei Vermietern null Chance.“ Auch sie schaffte es schließlich nur über Vitamin B in eine erste eigene Bleibe in Essen. „Sie war zwar eine Bruchbude und eigentlich nicht bewohnbar, doch ich hatte nun eine Meldeadresse, mit der ich weitersuchen konnte.“

Mehrere Operationen im Gesicht

Aber auch im Privaten hörte die Stigmatisierung nicht auf. „Leute wandten sich schnell wieder ab, wenn sie von meiner Lebensgeschichte erfuhren“, berichtet Juvonen. Obwohl sie sich sehr einsam fühlte, kam sie nach drei Jahren Substitution von den Drogen weg. „Auf der Straße hat man mir immer unterstellt, dass ich lüge. Nachdem ich eine Wohnung hatte, wurde mir geraten, zu lügen, wenn ich neue Freunde finden will“.

Sie ging genau den anderen Weg und begann einen Blog zu schreiben, machte Stadtführungen zum Thema Obdachlosigkeit und Aufklärungsarbeit in Schulen. Ihren Partner, mit dem sie seit über zehn Jahren zusammen ist, lernte sie auf einem Festival kennen. Er begleitete sie auch durch die Zeit, in der sie mehrere schwere Operationen im Gesicht über sich ergehen lassen musste, weil Zähne und Kiefer vom Straßenleben zerstört waren. Heute ist sie komplett clean, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht.

Dafür ist sie nun eine vielbeschäftigte Frau, die als Gesprächspartnerin immer gefragter wird. „Man riet mir, eine Autobiografie zu schreiben. Aber das will ich nicht. „Ich will vielmehr zeigen, dass Wohnungslosigkeit heute fast jeden treffen kann.“ Also wurde es ein Sachbuch.

Periode im Schlafsack bei Minusgraden

Am Abend auf dem Podium hat die Autorin die lilafarbene Mütze abgelegt. Eine Art Irokesen-Haarschnitt kommt zum Vorschein. Wie ein Punk-Mädchen, das auf der Straße groß geworden ist, wirkt diese Frau aber schon lange nicht mehr. Das Auftreten ist freundlich und souverän. Sie hat inzwischen gelernt, vor vielen Menschen zu reden.

Blog über Obdachlosigkeit

Janita-Marja Juvonens Buch „Die Anderen: die harte Realität der Obdachlosigkeit“ ist Ende September 2023 als Taschenbuch im Voima Verlag erschienen. In ihrem Blog „Einmal Absturz und zurück“ informiert die Autorin ebenfalls zum Thema Obdachlosigkeit und engagiert sich im Verein Querstadtein, der Stadtführungen mit Betroffenen organisiert. Die Sonderschau „Mitten unter uns. Wohnungslose Frauen* in Berlin“ ist noch bis März 2025 in der Ausstellung „Berlin Global“ im Berliner Humboldtforum zu sehen. https://www.stadtmuseum.de/ausstellung/mitten-unter-uns

Doch wenn sie die Stelle im Buch vorlesen soll, in der sie beschreibt, wie es sich anfühlt, bei minus fünf Grad im Schlafsack die Periode zu bekommen, muss sie passen. „Bei der Passage kommt bei mir heute noch ein körperliches Gefühl hoch.“ Statt zu lesen, zeigt sie dem Publikum dann, wie sie aus Pappe und Toilettenpapier eine Binde basteln musste und fordert kostenlose Toiletten und Zugang zu Hygieneartikeln für alle. Dazu erzählt die Autorin von Hilfseinrichtungen, die in Berlin vor dem Aus stehen, weil die Hauseigentümer auch diese Immobilien in Eigentumswohnungen umwandeln wollen.

Nach der Lesung fragt eine junge Frau Juvonen, was ihr in den dunkelsten Momenten Hoffnung gegeben habe. „Hoffnung hatte ich eigentlich nicht mehr“, antwortet die Frau auf dem Podium. Aber vielleicht habe ihr eine Art Mantra geholfen, das sich schon in ihr Hirn brannte, als sie 16 war: „Wir waren im Wald, mein Adoptivvater ist ausgerastet und hat uns verprügelt. Da beschloss ich, wegzulaufen. Und dachte: Ich lasse mich von euch nicht brechen.“