Nach Messer-Attacke in Mannheim
: Polizist im künstlichen Koma – was über den Täter bekannt ist

Nach der Attacke am Stand einer islamkritischen Bewegung in Mannheim schwebt ein Polizist weiter in Lebensgefahr. Gegen den mutmaßlichen Täter wurde Haftbefehl erlassen. War es ein islamistischer Terroranschlag?
Von
dpa
Mannheim
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Police officers work at the scene where several people were injured in a knife attack on May 31, 2024 in Mannheim, western Germany. Media reported that a prominent Islam critic was among those targeted. A man with a knife attacked and injured several people on the market square in Mannheim at around 11.35 am, police said in a statement. Police then shot at the attacker, who was also injured as a result. (Photo by Kirill KUDRYAVTSEV / AFP)

Polizisten am Tatort in Mannheim: Beim mutmaßlichen Täter hat es in Hessen eine Hausdurchsuchung gegeben.

KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP

Einen Tag nach der Messerattacke bei einer Veranstaltung der islamkritischen Bewegung Pax Europa in Mannheim versuchen die Ermittler weiter zu klären, wie es zu der Bluttat kommen konnte. „Was uns am meisten umtreibt, ist die Frage nach dem Motiv“, hieß es aus dem baden–württembergischen Landeskriminalamt. Der von der Polizei niedergeschossene Täter sei operiert worden und zurzeit nicht vernehmungsfähig.  Am Samstagnachmittag wurde ein Haftbefehl gegen den 25-Jährigen erlassen - wegen versuchten Mordes, wie die Staatsanwaltschaft Karlsruhe und das Landeskriminalamt Baden-Württemberg am Samstag mitteilten. Der mutmaßliche Täter lebe seit 2014 in Deutschland. Er sei verheiratet, habe zwei Kinder und sei zuletzt im hessischen Heppenheim wohnhaft gewesen. Die Wohnung des in Afghanistan geborenen Mannes sei am Freitagabend durchsucht worden. Dabei wurden auch elektronische Datenträger sichergestellt, die nun ausgewertet werden. Bislang sei der Mann polizeilich nicht in Erscheinung getreten, hieß es. Laut Informationen des „Spiegel“ gehen die Ermittler durchaus von einem islamistischen Motiv für die Tat aus, auch wenn das noch nicht gesichert sei.

Attackierter Polizist in künstliches Koma versetzt

Der bei dem Angriff verletzte Polizist ist inzwischen in ein künstliches Koma versetzt worden. „Er schwebt weiterhin in Lebensgefahr“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts am Samstag.

Der Täter hatte am Freitagvormittag Teilnehmer einer islamkritischen Kundgebung von "Pax Europa" auf dem Mannheimer Marktplatz angegriffen und sechs Menschen verletzt, darunter den Polizisten. Bei den weiteren verletzten Personen handelt es sich den Angaben zufolge um fünf Männer im Alter von 25 bis 59 Jahren. Unter ihnen befinden sich ein deutsch-kasachischer sowie ein irakischer Staatsbürger, die übrigen drei Personen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Der 25-Jährige konnte das Krankenhaus zwischenzeitlich wieder verlassen, die anderen Opfer befinden sich weiterhin in stationärer Behandlung. Ein 54–Jähriger wurde bei der Attacke lebensbedrohlich verletzt, befindet sich zwischenzeitlich jedoch außer Lebensgefahr.

Opfer meldet sich aus Klinik: „Es war richtig knapp gestern“

Nach Darstellung der Schatzmeisterin der Organisation, Stefanie Kizina, wurde auch das Vorstandsmitglied Michael Stürzenberger verletzt. Kizina sagte, die Attacke sei gezielt gegen den 59–Jährigen gerichtet gewesen, der mit einem Messer im Gesicht verletzt worden sei. Stürzenberger ist einer der führenden Köpfe des Vereins. Am Samstagvormittag meldete sich Stürzenberger selbst aus dem Krankenhaus zu Wort. „Es war richtig knapp gestern“, schrieb der 59–Jährige in einer Nachricht mit Foto auf der Plattform Telegram. Er habe mehrere Stichverletzungen erlitten, eine davon im Oberschenkel habe „erheblichen Blutverlust“ verursacht. Auch im Gesicht sei er verletzt worden. Stürzenberger dankte allen beteiligten Ärzten sowie den Gesichtschirurgen, „die extra von einer Spezialklinik kamen“.

Wer ist das Opfer Michael Stürzenberger?

Einer der Verletzten des Mannheimer Messerangriffs ist der 59-jährige Michael Stürzenberger. Er ist einer der führenden Köpfe der Bewegung Pax Europa (BPE). Die Bewegung beschreibt sich auf ihrer Website als „Menschenrechtsorganisation“, die „über Wesen und Ziele des Politischen Islam“ aufkläre. Dabei macht die BPE keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus — beiden schreibt sie unter anderem „aggressive Verachtung und Intoleranz“ zu. Der bayerische Verfassungsschutz schrieb in seinem Bericht für das Jahr 2022 über Stürzenberger und den bayerischen Landesverband der BPE, es lägen „tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass diese „verfassungsschutzrelevante islamfeindliche Bestrebungen“ verfolgten, „die auf eine Abschaffung der Religionsfreiheit für Muslime gerichtet sind“. Bei  Kundgebungen forderte Stürzenberger unter anderem „Umerziehungslager“ für Muslime nach dem Vorbild Chinas.

Der 1964 im bayerischen Bad Kissingen geborene Politikwissenschaftler Stürzenberger war über Jahre als Journalist für mehrere Medien tätig. Ende 2003 wurde er Pressesprecher der CSU in München. Er verließ die CSU und stieg 2011 bei der islamkritischen Partei Die Freiheit ein. Sie wurde 2016 aufgelöst.

Aus dem LKA heißt es, zahlreiche Fragen seien noch ungeklärt und Gegenstand der Ermittlungen. So sei unklar, ob der Täter die Tat geplant oder ob es sich um einen spontanen Angriff gehandelt habe. Die für politische Delikte zuständige Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt in dem Fall.

Videos im Internet zeigen den Vorfall

Schon kurz nach dem Angriff kursierte ein Video von der Tat im Internet: Darauf ist zu sehen, wie der Angreifer auf mehrere Menschen einsticht und Umstehende rufen: „Das Messer weg!“ Zu sehen ist auch, wie ein Beamter auf den Angreifer schießt. Mehrere Polizisten fixieren den Mann danach auf dem Boden. Nach Angaben von Polizei, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt wurde nur ein Schuss abgegeben. Dass es zu der lebensgefährlichen Verletzung des Polizisten kam, ist dabei offenbar auch Folge eines tragischen Missverständnisses in der unübersichtlichen und chaotischen Situation der Attacke: Denn ein zweites Video zeigt, dass zwei Männer den Täter bereits überwältigt hatten und am Boden festhielten. Dann kommt ein weiterer Mann mit blauer Jacke hinzu und fängt an, auf einen dieser beiden Männer einzuschlagen. Auf diesen prügelnden Mann mit blauer Jacke stürzt sich dann der Polizist. Dadurch konnte sich der Täter befreien und auf den Polizisten einstechen.

Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen. Auch Kanzler Olaf Scholz zeigte sich erschüttert. „Die Bilder aus Mannheim sind furchtbar“, schrieb er auf der Plattform X. „Meine Gedanken sind bei den Opfern. Gewalt ist absolut inakzeptabel in unserer Demokratie. Der Täter muss streng bestraft werden.“

„Unsere Gedanken sind bei allen, die durch den Messerangriff verletzt worden sind, meine Gedanken als Innenminister natürlich auch vor allem bei dem verletzten Polizeikollegen“, sagte Baden–Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU).

Nach dem Messerangriff in Mannheim: 01.06.2024, Baden-Württemberg, Mannheim: Kerzen, Blumen und ein Blatt Papier mit der Aufschrift „Gegen Terror“ stehen am Tatort auf dem Marktplatz. Der Täter hatte am Freitagvormittag Teilnehmer einer islamkritischen Kundgebung auf dem Mannheimer Marktplatz angegriffen und sechs Menschen verletzt, darunter einen Polizisten. Foto: Uwe Anspach/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kerzen, Blumen und ein Blatt Papier mit der Aufschrift „Gegen Terror“ stehen am Tatort auf dem Marktplatz in Mannheim.

Uwe Anspach/dpa

Bundespräsident Frank–Walter Steinmeier zeigte sich entrüstet. „Ich verurteile die Tat in Mannheim aufs Schärfste!“, schrieb seine Sprecherin Cerstin Gammelin in Steinmeiers Namen auf X. „In unserer Demokratie darf kein Platz für Gewalt sein — Gewalt zerstört Demokratie. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.“ Vizekanzler Robert Habeck sprach von „furchtbaren Szenen der Gewalt“. Die Umstände des Verbrechens müssten nun schnell aufgeklärt werden, sagte Habeck der Deutschen Presse–Agentur am Freitag.

Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) bezeichnete den Messerangriff als Terrorattacke und erklärte dazu: „Im Namen der Stadt Mannheim und der Mannheimer Stadtgesellschaft verurteile ich diese niederträchtige, brutale Terrorattacke im Rahmen einer islamkritischen Veranstaltung auf das Schärfste.“