Kopfschmerzen und Bio-Wetter
: „Wetterfühligkeit ist keine Einbildung, es gibt sie wirklich“

InterviewKathrin Graw vom Deutschen Wetterdienst ist „Bio-Wettermacherin“. Im Interview spricht sie über Wetterfühligkeit und erklärt, was das größte gesundheitliche Risiko des Klimawandels ist.
Von
Nicole Kauer
Freiburg im Breisgau
Jetzt in der App anhören
Pollenflug

Durch die steigenden Temperaturen verlängert sich die Pollenflugsaison. Welche weiteren Umweltfaktoren die Intensität von Pollen erhöhen können, erklärt Kathrin Graw vom Deutschen Wetterdienst im Interview.

Patrick Pleul/dpa, privat

Kopfschmerzen bei starken Temperaturschwankungen, die Hitze drückt und die Konzentrationsfähigkeit schwindet. Solche Phänomene sind vielen bekannt. Man spricht von Wetterfühligkeit. Kathrin Graw ist Expertin auf dem Gebiet. Die Meteorologin arbeitet bei der Außenstelle des Deutschen Wetterdiensts (DWD) in Freiburg und erstellt Bio-Wetter-Prognosen, die sich an wetterfühlige Menschen richten. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, den Einfluss des Klimawandels auf unsere Gesundheit – und sie erklärt, warum der DWD trotz Kritik an der Bio-Wetter-Prognose festhält.

Viele Menschen nehmen sich als wetterfühlig wahr. Ist das ein subjektives Empfinden oder lässt sich eine klare Verbindung zwischen Wetterlagen und gesundheitlichen Beschwerden nachweisen?
Kathrin Graw: Ja, es ist erst mal ein subjektives Empfinden, wenn man spürt, dass das Wetter einen Einfluss auf die eigene Gesundheit hat. Wetterfühligkeit ist keine Krankheit und kann nicht diagnostiziert werden. Aber Wetterfühligkeit ist keine Einbildung, Wetterfühligkeit gibt es wirklich. Die Reaktion auf das aktuelle Wetter hängt nur von sehr vielen Faktoren ab, was es schwierig macht, Wetterfühligkeit nachzuweisen.

Welche Faktoren sind das? 
Der allgemeine Gesundheitszustand, das persönliche Empfinden, auch das Alter und das Geschlecht spielen eine Rolle, oder zu wenig Schlaf oder Stress. Es gibt mittlerweile viele Studien, die einen Einfluss des Wetters auf die Gesundheit nachweisen. Aber es gibt auf der anderen Seite auch immer mal wieder Studien, die zu einzelnen Themen keinen signifikanten Effekt finden. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass es keinen gibt. Es ist einfach ein sehr komplexes Thema.

Warum hält der Deutsche Wetterdienst weiterhin an den Bio-Wettervorhersagen fest?
Wir führen immer wieder aktuelle Umfragen durch, um festzustellen, wie viele Menschen überhaupt einen Einfluss des Wetters spüren. In unserer letzten Umfrage 2021 kam raus, dass in Deutschland fast jeder Zweite einen Einfluss des Wetters auf sich spürt. Das finden wir schon eine ziemlich hohe Zahl. Wir möchten den betroffenen Menschen durch die Bio-Wettervorhersagen die Möglichkeit geben, ihre Lebensqualität zu verbessern und sich an bestimmte Wettersituationen, die für sie problematisch sein können, besser anzupassen.

Was sind typische Wetterlagen, die problematisch sind für empfindliche Personen?
Insbesondere wenn ein Tiefdruckgebiet herannaht, treten vor einer Warmfront gehäuft Beschwerden auf. Typische Reaktionen sind Kopfschmerzen und Migräne, aber auch Konzentrationsstörungen, Schwindel oder Abgeschlagenheit. Besonders der Einfluss des Wetters auf Herzkreislauf-Beschwerden ist gut nachgewiesen.

Was steckt hinter diesem Einfluss?
Erklären lässt sich das damit, dass sich neben weiteren meteorologischen Parametern beim Annähern einer Warmfront die Temperatur ändert und sich die Blutgefäße erweitern, um mehr Wärme abzugeben. Dadurch sinkt aber der Blutdruck. Wenn man ohnehin schon einen niedrigen Blutdruck hat, kann das die Beschwerden verstärken. Bei der Kaltfront ist das andersrum. Nach einer Kaltfront treten häufiger Beschwerden im Zusammenhang mit hohem Blutdruck auf, weil sich die Gefäße wieder zusammenziehen. Wetter kann aber auch positive Einflüsse hervorrufen. Zum Beispiel kann nach einer Kaltfront der Einstrom kühlerer Luftmassen konzentrationssteigernd wirken.

Gibt es Personengruppen, die besonders von Wetterfühligkeit betroffen sind?
Vor allem ältere Personen sind von Wetterfühligkeit betroffen, chronisch Kranke häufiger als Gesunde und Frauen häufiger als Männer. Oft werden Menschen im Laufe ihres Lebens wetterfühlig. Dadurch, dass man mehr Beschwerden ansammelt, der Körper sowieso schon geschwächter ist oder die Gefäße versteifen, kann man sich nicht mehr so schnell anpassen. Im Vergleich zu Gesunden sind chronisch Kranke häufiger von Wetterfühligkeit betroffen, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankte, Rheumatiker und auch Asthmatiker. Der Organismus muss schon Anpassungen durchführen, wenn dann noch das Wetter hinzukommt, kann das zu einer Überlastung führen. Die Regelmechanismen kommen nicht mehr hinterher.

Wie beeinflusst der Klimawandel unsere Gesundheit?  
Am stärksten sind wir von Hitze betroffen. Hitze ist in Zukunft das Thema mit dem größten Gesundheitsrisiko und der höchsten Mortalität im Vergleich zu allen anderen extremen Wetterlagen. Intensivere, länger andauernde und häufigere Hitzewellen können unser Thermoregulationssystem überfordern und etwa zu Hitzschlag oder Hitzekollaps führen. Hitze ist aber nur selten direkte Todesursache.

Das heißt?
Hitze verstärkt vor allem andere Beschwerden, die beispielsweise durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen bestehen. So führt Hitze zu einer Zunahme der Sterbe- und Krankheitsfälle. Weitere Auswirkungen durch den Klimawandel auf unsere Gesundheit entstehen durch Extremwetterereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen. Dabei können nicht nur materielle Schäden und Verletzungen auftreten, sondern auch psychische Probleme wie posttraumatische Belastungsstörungen. Zudem ist eine Zunahme von Infektionen durch Überschwemmungen zu erwarten. Auch steigende Temperaturen führen zu mehr Infektionen durch Zecken oder Stechmücken, die Krankheitserreger übertragen können.

Wie wirken sich die Klimaveränderungen auf Allergiker aus?
Durch die höheren Temperaturen verlängert sich die Pollensaison. Im Jahr haben wir nur noch wenige Wochen pollenfreie Zeit und damit vermehrte Beschwerden bei Allergikern. Es gibt teilweise Pollen, die schon im Dezember fliegen. Außerdem können neue Pollenarten von nicht heimischen Pflanzen auftreten. Es kann auch dazukommen, dass Umweltfaktoren die Allergenität von Pollen ändern, also die Intensität erhöhen und die Pollen aggressiver machen.

Was sind das für Umweltfaktoren?
Luftschadstoffe können zum Beispiel die Allergenität erhöhen, teilweise auch Trockenheit oder wenn sich durch Einstrahlung Ozon bildet. Studien konnten zeigen, dass steigende CO₂-Konzentrationen eine Zunahme der Pollenmenge bewirken können. Aber das ist ein Thema, an dem noch weiter geforscht wird. Unsere Pollenflug-Vorhersagen basieren auf der Pollenkonzentration, das heißt der täglichen Anzahl Pollen pro Kubikmeter Luft. Noch verstehen wir nicht ganz, von welchen Faktoren der Allergengehalt in Pollen abhängt.

Wie wird sich in Zukunft die Wetterfühligkeit durch den Klimawandel verändern?
Es ist sehr schwer zu sagen, wie sich Wetterfühligkeit in Zukunft weiterentwickeln wird. Es gibt mehr Extremwetterereignisse. Also Ereignisse, die einen Einfluss auf die Gesundheit haben können. Gleichzeitig gibt es mehr stabilere Wetterlagen, bei denen sich wenig ändert. Es ist noch zu früh, um sagen zu können, wie sich das in Zukunft entwickeln wird. Vor allem, weil schon allein zu den bisherigen Erkenntnissen zum Thema Wetterfühligkeit weiterer Forschungsbedarf besteht. Aber wir wissen auf jeden Fall, dass sich etwas verändern wird.

So entstehen die Prognosen für Bio-Wetter beim Deutschen Wetterdienst (DWD)

Kathrin Graw vom DWD nutzt ein Modell für die Bio-Wettervorhersage, das auf sogenannten Bio-Wetterklassen basiert. Es gibt medizinische statistische Untersuchungen, die diesen Klassen das Auftreten von häufigen Beschwerden zuweisen. Eine Klasse beschreibt das Zusammenwirken von verschiedenen meteorologischen Parametern in der Atmosphäre. Es ist nicht nur die Temperatur, die sich ändert, sondern auch der Druck, die Windrichtung, die Feuchte. Diese Gemeinschaftswirkung der meteorologischen Parameter kann einen Einfluss auf den Menschen haben.