Invasive Ameisen in Tübingen
: „Die kommen raus und greifen an“

Mit kochendem Wasser versuchen Anwohner des Beethovenwegs, den Vormarsch von Tapinoma magnum zu stoppen. Sie wünschen sich Hilfe von der Stadt.
Von
Ulrich Janßen
Tübingen
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Ameisenbekämpfung in Beethovenweg

Irene Schaefer-Vischer und Christian Wolff bei der Ameisenbekämpfung im Beethovenweg.

Ulrich Janßen
  • In Tübingen kämpfen Anwohner gegen die invasive Ameisenart Tapinoma magnum.
  • Mit kochendem Wasser und Kieselgur versuchen sie, die Tiere zu bekämpfen.
  • Die Ameisen stammen aus dem Mittelmeerraum und bilden Superkolonien.
  • Die Stadt Tübingen sieht keine konkrete Gefahr und plant bislang keine Maßnahmen.
  • Die Ameisen zerstören Kabel und Gebäude, und vermehren sich rasant.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wie weit sind sie schon gekommen? Und wie weit werden sie noch kommen? Diese bange Frage stellen sich gerade die Anwohner des Tübinger Beethovenwegs, seit sie dort eine Kolonie der invasiven Ameisenart Tapinoma magnum entdeckt haben. Mit kochendem Wasser versuchen die Nachbarn jeden Abend, die aggressiven Tiere zurückzudrängen, doch Illusionen machen sie sich nicht. „Was wir hier sehen, ist nur ein kleiner Prozentsatz“, meint eine Anwohnerin, „die sind schon überall, das ist gruselig.“  Die Ameisen, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum kommen, bilden Superkolonien mit Millionen von Tieren. Sie vermehren sich rasant, bewegen sich sehr schnell und reagieren aggressiv auf Kontakt.

Auf den ersten Blick sieht im beschaulichen Beethovenweg alles aus wie immer. Die kleine, sanft gebogene Straße, die von der Hartmeyerstraße abzweigt, liegt idyllisch auf der Wanne im sogenannten „Komponistenviertel“. Auf der südlichen Straßenseite stehen schmucke Bungalows, nördlich wurden Reihenhäuser den Hang hinaufgebaut. Die kleinen Sandhaufen, die in den letzten Wochen plötzlich auf der schmalen Pflasterreihe zwischen Asphalt und Gehweg auftauchten, sieht man erst, wenn man genau hinschaut.

Christian Wolff schaute genau hin. Der promovierte Biologe ist Biolehrer und weiß, wie man Tiere bestimmt. Als er die langgestreckten Sandhaufen sah, hatte er sofort einen Verdacht. Haufen wie diese sind typisch für die neue invasive Ameisenart Tapinoma magnum, die seit ein, zwei Jahren an mehreren Orten in Baden-Württemberg vordringt.  Der Biologe wandte sich an die Naturkundemuseen in Karlsruhe und Stuttgart, besorgte sich eine Liste mit den Merkmalen, studierte die Tiere unter dem Binokular und ist sicher: „Das sind Tapinoma magnum, die Merkmale treffen alle zu.“

Riechen nach ranziger Butter

Äußerlich unterscheiden sich die aus dem Mittelmeerraum stammenden Ameisen nur durch eine Kerbe in der Stirnplatte von einheimischen Arten. Entgegen dem Wort „magnum“ sind die meisten der Einwanderer ähnlich klein wie die hiesigen Tiere, allerdings gibt es eine größere Bandbreite.  Charakteristisch ist der Geruch von ranziger Butter, den die Tiere verbreiten, wenn man sie zerdrückt. Charakteristisch ist auch ihr Verhalten: Während sich die einheimischen Tiere zurückziehen, wenn man einen Stab in eines ihrer Löcher steckt, schwärmen Tapinoma sofort in großer Zahl aus. Wolff: „Wenn man die attackiert, kommen die raus und greifen an.“ Immerhin sind Tapinoma für den Menschen nicht gefährlich: „Die Bisse spürt man gar nicht.“

Als Biologe ist Wolff eigentlich am Wohlergehen von Tieren interessiert und nicht an ihrer Bekämpfung, doch die Berichte aus Kehl haben ihn alarmiert. In der badischen Stadt haben die Tiere, die gerne in warmen Stromschächten und in Verteilerkästen nisten, Kurzschlüsse im Internet und im  Stromnetz verursacht und einen Kinderspielplatz unterhöhlt. An befallenen Gebäuden bröckeln Mauern, Bewohner können ihre Gärten nicht mehr benutzen oder finden plötzlich Tausende von Ameisen in Schlaf- und Wohnräumen. Die Stadt musste teures Gerät anschaffen und eine Vollzeitstelle für die Bekämpfung einrichten.

Riesige Kolonien

„Was passiert“, fragt Wolff, „wenn die Tiere sich in Richtung BG und Uniklinikum vorarbeiten?“ Die Anwohner haben mittlerweile die Stadt Tübingen und das Landratsamt informiert und wünschen sich, dass die Gefahr ernst genommen wird und man gemeinsam so schnell wie möglich versucht, die Ameisen aufzuhalten: „Wenn die erstmal in der Elektrik stecken, wird es viel teurer.“  Da die Insekten ihre zahllosen, miteinander verbundenen Nester in etwa ein Meter Tiefe anlegen, müsse man sie dort mit heißem Wasser bekämpfen.  Bei Temperaturen jenseits von 70 Grad verklumpen die Proteine in den Ameisenkörpern.

Laut Wolff gelangen die aggressiven Insekten vor allem mit Pflanzen aus dem Baumarkt in die Städte: „In Topfpflanzen aus Südeuropa stecken die drin, büxen dann aus und verbreiten sich.“ Wegen des Klimawandels erfrieren sie im Winter nicht mehr und finden in heißen Sommern perfekte Temperaturen für die Fortpflanzung. Anders als bei den heimischen Arten, wo sich die Kolonien untereinander bekämpfen, kooperieren die Einwanderer und bilden Kolonien mit sehr vielen Königinnen, die mehrere Hektar groß werden können.

Irene Schaefer-Vischer ist eine der Nachbarn, die derzeit jeden Abend Streife laufen und neue oder alte Löcher mit heißem Wasser begießen: „Wir geben nicht auf.“  Zusätzlich hat Schaefer-Vischer schon  2,5 Kilogramm Kieselgur bestellt, ein natürliches Insektizid.  Die Hoffnung ist, dass die Tiere das feine Pulver in die Nester bringen und dort verteilen. Dort schleifen die extrem feinen Partikel dann den Chitinpanzer der Insekten ab, und die Tiere trocknen aus - zumindest in der Theorie.

Stadt macht erstmal nichts

Auf Anfrage des TAGBLATTs teilte die Tübinger Stadtverwaltung mit, dass ihr die „mutmaßlichen Sichtungen der Ameisenart Tapinoma magnum“ bekannt seien. Man plane aber keine Maßnahmen, da die Ameisenart „Fachleuten zufolge gar nicht aufgehalten werden kann“. Aufgrund der fehlenden Rechtskraft des Haushalts dürfe die Stadt zudem Ausgaben nur in einem sehr engen Rahmen tätigen: „Da es sich bei der Bekämpfung der neuen Ameisen nicht um eine Pflichtaufgabe handelt, sind Bekämpfungsmaßnahmen erst ab einer konkreten Gefahrenschwelle möglich.“  Diese könne derzeit „nicht begründet werden“. Die Stadtverwaltung werde aber tätig, „sollten sich aufgrund der Verbreitung der Art konkrete Gefahren ergeben“.