In eigener Sache
: Recherche zu Polizei-Skandal in Hall mit Stern-Preis ausgezeichnet

Unser Autor Thumilan Selvakumaran hat mit einer investigativen Recherche aufgedeckt, dass die Polizei in Schwäbisch Hall einen Mord in einem Serientäter-Komplex übersehen hat – und das der Öffentlichkeit verschwieg. Jetzt wurde er dafür mit dem Stern-Preis ausgezeichnet, einer der renommiertesten Auszeichnungen im Journalismus.
Von
Roland Müller
Schwäbisch Hall
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Thumilan Selvakumaran, Redakteur Haller Tagblatt / Südwest Presse wird in Hamburg mit dem renommierten Stern-Preis (ehemals Henri Nannen Preis) ausgezeichnet. Titel des Beitrags: Polizeibeamte im Blindflug

Thumilan Selvakumaran wird in Hamburg mit dem renommierten Stern-Preis (ehemals Henri Nannen Preis) ausgezeichnet.

Jana Mai, RTL

Die Seniorin Edith Lang liegt kurz vor Weihnachten 2022 erschlagen in ihrer Wohnung in Schwäbisch Hall, das Telefonkabel ist durchgeschnitten, es fehlt Geld – doch trotz eindeutiger Hinweise auch von Rettungskräften und Angehörigen geht die Polizei von einem Unfall aus. Als Wochen später ein Serientäter gefasst wird, der es auf betagte Menschen abgesehen hat, erkennt die Polizei zwar ihren Fehler. Doch die Öffentlichkeit erfährt davon: nichts. Erst durch die hartnäckigen Recherchen des Lokaljournalisten Thumilan Selvakumaran vom „Haller Tagblatt“, einer Lokalredaktion der SÜDWEST PRESSE, kommen die Panne und die anschließende Vertuschung ans Licht. Am Ende müssen sich Polizeipräsident und Oberstaatsanwalt öffentlich entschuldigen.

Am Mittwochabend (12. Juni 2024) ist die Recherche von Thumilan Selvakumaran unter einer Vielzahl von Einsendungen mit dem renommierten Stern-Preis (früher Nannen-Preis) in der Kategorie „Lokal“ ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte in ihrer Begründung die „investigative, engagierte und beherzte Recherche rund um den Tod von Edith Lang“. Thumilan Selvakumaran betonte, er habe großen Respekt vor der Polizei, deren Arbeit er als Kriminalreporter beim „Haller Tagblatt“ seit vielen Jahren begleitet. Polizisten setzten sich täglich für unser aller Sicherheit ein und riskierten dabei ihr Leben, wie auch der Mord an Rouven Laur in Mannheim zeige. „Die meisten machen ihre Arbeit engagiert und gut“, sagte Selvakumaran auf der Bühne. Aber es gebe eben Beamte, die grobe Fehler machen – bewusst oder unbewusst. „Da müssen Journalisten genau hinschauen und berichten“. Im Schwäbisch Haller Fall sei es um einen Mörder gegangen, der wegen der Panne länger auf freiem Fuß war und weitere Menschen getötet habe.

Ulrich Becker, Chefredakteur der SÜDWEST PRESSE, sagte: „Die Arbeit unseres Kollegen Thumilan Selvakumaran zeigt beispielhaft, warum unsere Gesellschaft investigative Journalisten braucht: Sie decken Missstände auf und recherchieren dort weiter, wo andere längst aufgegeben haben. Wir sind alle sehr stolz, dass unser Kollege diese Auszeichnung erhalten hat.“

Ein Serientäter hielt die Region Schwäbisch Hall in Atem

„Polizeibeamte im Blindflug“ heißt der Beitrag, für den Thumilan Selvakumaran von der Jury ausgezeichnet wurde. Doch tatsächlich handelte es sich um eine ganze Reihe von Artikeln, mit denen der Fall Stück für Stück ans Licht der Öffentlichkeit geholt wurde – dabei setzten Selvakumaran und die Angehörigen des Opfers unter anderem auch selbst am Tatort kriminaltechnische Methoden in Form des Mittels Luminol ein, das Blutspritzer sichtbar macht. Denn auch nach den ersten Veröffentlichungen beharrte die Polizei noch lange auf der These, dass ein Unfalltod nicht ausgeschlossen sei. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, weil der Fall der 86-jährigen Edith Lang sich am Ende als Teil des Komplexes um einen Serientäter entpuppte, der zwischen Dezember 2022 und Januar 2023 die ganze Region in Atem hielt. Mindestens zwei weitere Witwen wurden getötet und ausgeraubt, bevor die Polizei ihn fasste. Inzwischen wird der Fall Edith Lang als Tötungsdelikt geführt. Den preisgekrönten Text lesen Sie hier.

Stern–Preis 2024: 12.06.2024, Hamburg: Thumilan Selvakumaran (l), Sieger der Kategorie „Lokal“, erhält seinen Preis von Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur „Stern“, während der Verleihung des Stern-Preises 2024 auf Kampnagel. Der Preisträger wurde für „Polizeibeamte im Blindflug“, veröffentlicht in der „Südwest Presse“, ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird vom Magazin «Stern» für herausragende publizistische Leistungen verliehen. Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

SWP-Autor Thumilan Selvakumaran (l) bekommt den Stern-Preis in der Kategorie „Lokal“ von Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur des „Stern“, überreicht. Selvakumaran wurde für seine Recherche „Polizeibeamte im Blindflug“ ausgezeichnet.

Marcus Brandt/dpa

Spezialist für investigative Recherchen

Geboren 1982 auf Sri Lanka, kam Thumilan Selvakumaran 1986 als Kriegsflüchtling nach Süddeutschland. Im Hohenloher Land fühlt er sich mit seinen tamilischen Wurzeln heimisch. Er stieß bereits in seiner Schulzeit zur Redaktion des Haller Tagblatts in Schwäbisch Hall, wo er in der Jugendredaktion mitwirkte. 2004 folgte das Volontariat, und seit 2006 ist er als Redakteur tätig. Selvakumaran schreibt lokale und kommunalpolitische Themen. Daneben kümmert er sich unter anderem um Kriminalfälle und Investigativrecherchen sowie überregionale Themen. So spürte er Ungereimtheiten im Komplex des NSU-Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn nach und deckte Hintergründe über baden-württembergische Polizisten auf, die in einer Gruppe des rassistischen Ku-Klux-Klans in Schwäbisch Hall aktiv gewesen waren.

Preisgekrönte Recherche gibt es auch als Podcast

Der Fall der „Witwenmorde von Schwäbisch Hall“ und der dazugehörige Polizei-Skandal wurden auch ausführlich im Crime-Podcast „Akte Südwest“ der SÜDWEST PRESSE aufgearbeitet, in dem Thumilan Selvakumaran über sein Vorgehen berichtet – und auch darüber aufklärt, wie vertrauliche Hinweisgeber bei investigativen Recherchen geschützt werden:

Weitere Preise für Journalisten von SZ, Spiegel, Zeit und ZDF

Weitere Stern-Preise gingen an Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, der „Zeit“, des „Spiegel“ und des ZDF.  Für seine Reportage über die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf ist der Journalist Timofey Neshitov ausgezeichnet worden. Er nahm am Mittwochabend in Hamburg die Auszeichnung in der Königsdisziplin „Egon Erwin Kisch-Preis“ für die beste Reportage entgegen. Sein Stück „Die perfekte Zeugin“ erschien im Magazin „Der Spiegel“.

In der Kategorie „Geschichte des Jahres“ zeichnete die Jury das Team Katja Auer, Sebastian Beck, Andreas Glas, Johann Osel und Klaus Ott von der „Süddeutschen Zeitung“ aus. Sie hatten mit ihren Recherchen im August 2023 und vor der Bayern-Wahl die Flugblatt-Affäre ins Rollen gebracht. Dabei geht es um ein antisemitisches und menschenverachtendes Flugblatt, das bei Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger zu Schulzeiten gefunden worden war. Aiwanger geriet in der Affäre massiv unter Druck. Er selbst sprach von einer gezielten Kampagne gegen sich, auch in anderen Medien gab es Kritik an der Geschichte der SZ. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) entschied sich damals gegen Aiwangers Entlassung aus dem Kabinett.

Stern–Preis 2024: 12.06.2024, Hamburg: Malin Schulz (l-r), stellvertretende Chefredakteurin „Die Zeit“ sowie Visual Director „Die Zeit“, hält die Auszeichnung stellvertretend für die Fotografin Johanna-Maria Fritz, Siegerin der Kategorie „Fotogeschichte des Jahres“, Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur „Stern“, Julia Friedrichs (2.v.r), Siegerin der Kategorie „Investigation“, Andreas Glas, Katja Auer, und Klaus Ott, Sieger der Kategorie „Geschichte des Jahres“, Thumilan Selvakumaran, Sieger der Kategorie „Lokal“, und Moderatorin Pinar Atalay stehen nach der Verleihung des Stern-Preises 2024 auf Kampnagel zusammen auf dem roten Teppich. Die Auszeichnung wird vom Magazin «Stern» für herausragende publizistische Leistungen verliehen. Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Preisverleihung in Hamburg (v.l.): Malin Schulz, stellvertretende Chefredakteurin „Die Zeit“ stellvertretend für die Fotografin Johanna-Maria Fritz, Siegerin der Kategorie „Fotogeschichte des Jahres“, Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur „Stern“, Julia Friedrichs (2.v.r), Siegerin der Kategorie „Investigation“, Andreas Glas, Katja Auer, und Klaus Ott, Sieger der Kategorie „Geschichte des Jahres“, Thumilan Selvakumaran, Sieger der Kategorie „Lokal“, und Moderatorin Pinar Atalay.

Marcus Brandt/dpa

Zur „Fotogeschichte des Jahres“ wählte die Jury die Reportage „Grabenkampf“ von Johanna-Maria Fritz über Soldaten in der Ukraine, erschienen in der „Zeit“. Der Stern-Preis in der Kategorie „Investigation“ ging an die Journalisten Jochen Breyer und Julia Friedrichs für ihre ZDF-Reportage „Die geheime Welt der Superreichen - das Milliardenspiel“.

Der Preis wird vom Magazin „Stern“ gestiftet, unabhängige Jurymitglieder entscheiden. Die Zeitschrift zählte früher zum Verlagshaus Gruner + Jahr und inzwischen zu RTL Deutschland.

Die Auszeichnung Stern-Preis heißt traditionell eigentlich Nannen Preis. Er ist einer der wichtigsten Journalistenpreise in Deutschland. Wegen noch laufender Forschung rund um die Vergangenheit des „Stern“-Pioniers Henri Nannen im Nationalsozialismus wurde er aber nun bereits zum dritten Mal als Stern-Preis vergeben. Ein Ergebnis der Forschungsarbeiten ist noch nicht absehbar.