Homosexualität
: Pfarrerin lebt mit Frau zusammen – und hat deswegen jahrelang Angst um ihren Beruf

Sibylle Biermann-Rau war Pfarrerin mit Frau. Das durfte in ihrer Kirche aber niemand wissen. Über das Verschweigen und die Angst, doch noch den Beruf zu verlieren, hat sie ein Buch geschrieben.
Von
Elisabeth Zoll
Tübingen
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Die evangelische Theologin Sibylle Biermann-Rau.⇥

Elisabeth Zoll

So viel Gelassenheit hätte sich Sibylle Biermann-Rau früher gewünscht: für sich selbst, aber auch für die württembergische Landeskirche, in der sie viele Jahre tätig war. Die heute 68-Jährige war bis 2019 Pfarrerin mit Frau. Nur durfte das viele Jahre lang niemand wissen. Über ihr Leben unter dem „Mantel des Schweigens“ hat die Tübingerin nun ein Buch geschrieben. Es ist auch ein Stück evangelische Kirchengeschichte in Württemberg.

Angst, der Liebe wegen den Beruf zu verlieren

Nein, geplant war das nicht. Nicht einmal gedacht. 1991 bewirbt sich Sibylle Biermann-Rau auf eine Pfarrstelle in Thüringen. Drei Jahre lag zu diesem Zeitpunkt ihre Scheidung zurück, noch länger die Berufsphase als Grundschullehrerin. In der Industrie-Kleinstadt Apolda wollte sie ein neues Kapitel ihres Lebens schreiben, in ihrem Wunschberuf Gemeindepfarrerin. Dass sie bei einem Austausch mit der Partnergemeinde Albstadt-Ebingen die Kirchenmusikerin Brigitte kennen – und später auch lieben lernen würde, war eine besondere Wendung ihres Schicksals.

Eine Beziehung zu einer Frau? Für Sibylle Biermann-Rau war das „kaum zu denken“. Geschweige denn zu leben. Schon gar nicht als evangelische Pfarrerin. Doch die Gefühle waren da. Die beiden Frauen wurden ein Paar. Und damit zogen Glück und Angst in das Leben der Pfarrerin ein. Das sei aneinander gekoppelt gewesen, sagt Sibylle Biermann-Rau. „Ich hatte immer Angst, meinen Beruf zu verlieren.“

In württembergische Landeskirche war Ablehnung besonders groß

Für die Öffentlichkeit beginnt ein Versteckspiel. Brigitte wurde als „gute Freundin“ vorgestellt. Die Halbwahrheiten und das Verschweigen-müssen fressen Energie. „Ich konnte nicht authentisch sein.“ Auch nicht offen gegenüber Menschen, die in einer ähnlichen Situation den Rat der Pfarrerin gesucht haben. „Unwürdig“ sei diese Situation gewesen. Belastend.

 Als sie Jahre später nach Lustnau bei Tübingen zurückkehrt, auch um näher bei Brigitte zu sein, spitzt sich die Lage zu. Teile der württembergischen Landeskirche sind sehr konservativ. Homosexualität gilt vor allem in pietistischen Kreisen als „Sünde“. „Das machte etwas mit mir als Pfarrerin“, sagt Sibylle Biermann-Rau. Abwertungen und Anfeindungen, die im evangelischen Gemeindeblatt gegenüber homosexuellen Menschen geäußert werden, verletzten sie. Noch 2011 brandmarkten acht ehemalige Landesbischöfe in einem Bannbrief Homosexualität als „widernatürlich“. Die evangelische Theologin weiß, auf welch dünnem Eis sie sich bewegte. Und dass anonymen Briefen auch offene Denunziation folgen konnte. Um nicht erpressbar zu werden, entschließt sie sich im Jahr 2000 dem Oberkirchenrat reinen Wein einzuschenken. Mehr öffentliche Erklärung gab es nicht.

Im Buch zeugen zitierte Kirchendokumente von dem mühsamen Ringen um Anerkennung homosexueller Lebenspartnerschaften in der württembergischen Landeskirche. „Die Akzeptanz unserer Lebensform ist bis heute nur bei einem Teil der Gesellschaft angekommen.“ Allenfalls in zehn Prozent der evangelischen Kirchengemeinden würden gleichgeschlechtliche Paare gesegnet. Ob irgendwann auch Trau-Gottesdienste möglich sind, sei völlig offen.

Öffnung der Kirche nur in kleinen Schritten

Die Pfarrerin und die Musikerin gehen trotzdem ihren Weg. 2004 lassen sie ihre Partnerschaft eintragen, ein Jahr später laden sie einen kleinen Kreis zu ihrer Segensfeier ein, 2018 schließen sie dann formal die Ehe. Sibylle Biermann-Rau sagt, dass sie ihren Weg so hätten nicht gehen können, hätte es nicht den Zuspruch anderer Paare in ähnlicher Situation und die Solidarität des Lesbisch-Schwulen-Konvents gegeben. Diese Kreise hätten Räume eröffnet, in denen ehrlich gesprochen werden konnte.

In ihrem Berufsumfeld war das nicht möglich. Da sei die evangelische Kirche weit „hinter ihren eigenen Anspruch zurückgefallen“. Homosexuelle Lebensformen wurden ignoriert. „Auf manch einer Synode wurde vielleicht noch über uns gesprochen, aber nicht mit uns.“ Die „verweigerte Begegnung„ ist denn auch eine Kränkung, die Sibylle Biermann-Rau nicht vergessen wird. Erst 2020 hat die Theologische Fakultät in Tübingen klare Position für homosexuelle Menschen bezogen. 

Das Gefühl, nur geduldet zu sein, setzt sich fest

„Das Gefühl, keinen akzeptierten Platz in meiner Kirche zu haben, hat viele Jahre meinen beruflichen Weg geprägt.“ Sibylle Biermann-Rau fühlte sich oft mehr geduldet als wertgeschätzt. Berufliche Führungsaufgaben waren mit ihrer Lebensform undenkbar. Auch ein Leben mit Partnerin im Pfarrhaus war tabu.

Da fügte es sich, dass sie in Ebingen eine befristete Pfarrstelle bekam, mit der sie die Residenzpflicht im Pfarrhaus umgehen konnte. Erst am Ende ihres Berufslebens erfährt sie auch Offenheit. In ihrer Gemeinde im Zollernalbkreis muss sie ihre Lebensform nicht mehr verstecken und bei der Einführung in ihre letzte Pfarrstelle, 2016 in Reutlingen, spricht sie selbst offen von ihrer Frau. Was für heterosexuelle Paare eine Selbstverständlichkeit ist, sei für sie ein „starker Befreiungsmoment“ gewesen.

Leben im Pfarrhaus für homosexuelle Paaren meist nicht möglich

 Die Theologin ist froh über Veränderungen in der württembergischen Landeskirche. Am Ziel jedoch sieht sie diese nicht. Die Beleidigungen für Menschen wie sie seien mit den Jahren weniger geworden. „Aber vorbei ist es nicht.“ Auch um jungen Theologen Mut zu machen, hat sie das Buch „Pfarrerin mit Frau“ geschrieben. Sibylle Biermann-Rau rät zu Offenheit, „auch wenn diese möglicherweise Konsequenzen hat“. Doch auch Verschweigen hat einen Preis. Sibylle Biermann-Rau und ihre Frau Brigitte mussten ihn jahrelang bezahlen.

 

Sibylle Biermann-Rau: Pfarrerin mit Frau. Eine (un)möglicher Geschichte. Wichern-Verlag, 146 Seiten, 14 Euro.

Bitte um Vergebung

Die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat zur Schuld an queeren Menschen 2021 eine Vergebungsbitte formuliert, die bisher beispielhaft ist. Damit übernimmt die Kirchenleitung Verantwortung für Diskriminierungen von homosexuellen und allen queeren Mensch in den vergangenen Jahrzehnten und benennt die massiven Eingriffe in das persönliche Leben von Menschen im kirchlichen Dienst.