Städte in Geldnot
: Sollen Schüler Klassenzimmer selber putzen? Vorschlag wird heiß diskutiert

Schwäbisch Gmünds Oberbürgermeister schlägt wegen der Finanznot der Kommunen vor, dass Schüler beim Putzen der Klassenzimmer helfen sollen. Eltern und Schüler üben Kritik – doch einer verteidigt die Idee.
Von
dpa
Stuttgart
Jetzt in der App anhören
Schüler und Schülerinnen putzen am 21.06.2016, kurz vor Ende des Schuljahres, in der Integrierten Gesamtschule (IGS) Roderbruch in Hannover (Niedersachsen) ihr Klassenzimmer. Am 23. Juni beginnen in Niedersachsen die Sommerferien. Foto: Sebastian Gollnow/dpa ++ +++ dpa-Bildfunk +++

Sollen Schüler beim Putzen des Klassenzimmers helfen? (Symbolbild)

picture alliance / dpa
  • Schwäbisch Gmünds OB Arnold schlägt vor, Schüler Klassenzimmer putzen zu lassen.
  • Grund: Finanznot der Kommunen – 4,5 Mio. Euro jährlich für Gebäudereinigung.
  • Schülervertreter kritisieren: wenig Einsparpotenzial, zusätzlicher Stress für Schüler.
  • Pausen und Unterrichtszeit für Putzen ungeeignet, Busfahrpläne ein Problem.
  • Kritik: Bildung und Zukunft würden zugunsten von Kostenersparnis geopfert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Schüler sollten sich wieder an der Reinigung der Klassenzimmer beteiligen, fordert der Schwäbisch Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) angesichts finanzieller Probleme der Kommunen. Früher hätten die Schüler noch freitags und samstags die Tafel geputzt und den Boden in den Schulen gekehrt, so der Politiker in der SWR-Sendung „Zur Sache!“.

„Ich wäre dafür, dass das wieder eingeführt wird in den Klassenräumen“, sagte Arnold. „Das würde uns finanziell entlasten und würde vielleicht auch ein Stück Verantwortung wieder zurückgeben an die Schülerinnen und Schüler und auch an die Lehrer.“ So bewerten die Betroffenen die Idee:

Schülervertreter sprechen von „unsinnigem“ Vorschlag

„Der Vorschlag von OB Richard Arnold ist aus unserer Sicht unsinnig und nicht zielführend“, kritisierte der Landesschülerbeirat Baden-Württemberg. Das Einsparpotenzial durch eine solche Maßnahme sei überschaubar. „Zum anderen ist es im ohnehin schon eng getakteten Schulalltag kaum möglich, Schülerinnen und Schüler zusätzlich zum Putzen heranzuziehen.“

Und: „Da die Pausen der Erholung dienen – nicht der Reinigung –, müssten sie Unterrichtszeit opfern.“ Auch nach dem Unterricht sei das Putzen der Klassenzimmer nicht möglich, weil die Schüler ihre meistens knapp getakteten Busse erreichen müssten.

Innenminister Strobl verteidigt den Vorstoß

„Für den Schmutz, den man macht, ist man selber verantwortlich“, teilte Innenminister Thomas Strobl (CDU) zum Thema mit. „Wenn das ein Geist ist, den wir jungen Menschen und Schülerinnen und Schülern mitgeben, bin ich sehr einverstanden. Auch für mich war das Tafelputzen früher kein traumatisches Erlebnis, sondern eine schiere Selbstverständlichkeit.“

Elternvertreter fordern auskömmliche Finanzierung der Schulen

Elternvertreter forderten statt Schülern als Putzhilfen eine auskömmliche Finanzierung der Schulen durch die Kommunen und das Land. „Die eklatante Finanznot der Kommunen muss politisch gelöst werden“, sagte der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Sebastian Kölsch. „Aber Narrative, die Kinder und Jugendliche als eine Art verschmutzende Schmarotzer darstellen, die gefälligst mit anpacken müssen, verkennen die Pflicht der Kommunen, Kinder zu ihrem Recht auf Bildung zu verhelfen.“

Schüler würden sich zudem bereits heute für die Sauberkeit an Schulen engagieren. „An vielen Schulen im Land sind Schülerinnen und Schüler regelmäßig eingesetzt, sich um die Sauberkeit des eigenen Schulgebäudes zu kümmern“, sagte Kölsch. „Das reicht von Hofdiensten über Klassenzimmerdienste bis hin zu Sauberkeitsbotschaftern, die ihre Mitschüler bei Bedarf erinnern, dass es auch einen Mülleimer gibt.“

Kommunen sehen „dramatische Schieflage“ bei den Finanzen

Der Gemeindetag spricht von einer „dramatischen Schieflage“ in Bezug auf die Kommunalhaushalte. „Dies ist keine abstrakte Feststellung, sondern mit ganz konkreten Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden.“ Die Städte und Gemeinden seien gezwungen, bei allen Aufgaben nach Einsparmöglichkeiten zu suchen. Der Vorschlag, die Nutzer öffentlicher Einrichtungen - wie hier die Schüler - stärker einzubeziehen, werde dabei sicherlich eine Rolle spielen.

2025 laufen die Gemeinden, Städte und Landkreise nach Angaben des Präsidenten des Deutschen Landkreistages, Joachim Brötel, bundesweit auf ein Minus von mehr als 30 Milliarden Euro zu, in den Folgejahren ebenso. Die Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände schreibt: „Die kommunalen Rücklagen sind vielerorts bereits vollständig aufgezehrt.“

Gewerkschaft ruft zu Demonstration auf

Verdi Baden-Württemberg ruft unter dem Motto „Kinder sind keine Reinigungskräfte“ am 8. November in Stuttgart zu einer Demonstration für die Stärkung der kommunalen Finanzen auf. Landeschefin Maike Schollenberger sagte: „Dass Schülerinnen und Schüler die Arbeit von Reinigungskräften ersetzen sollen, ist auch eine Frechheit gegenüber unseren Kolleginnen und Kollegen, die für diese Arbeit qualifiziert sind.“

Arnold sorgte schon früher überregional für Aufsehen

Arnold ist seit 2009 Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd. Die Kommune steht - wie viele andere - finanziell massiv unter Druck. Es ist nicht das erste Mal, dass der CDU-Politiker mit einer Idee überregional für Aufsehen sorgt: So war er 2013 in die Kritik geraten, weil er Flüchtlinge Koffer von Bahnreisenden wegen Bauarbeiten über eine Brücke tragen ließ. In Berichten war von Ausbeutung und Kolonialstil die Rede. Arnold begrub das Projekt, obwohl die Stadt es vor allem als sinnvolle Beschäftigung sah.

Er verwies darauf, dass Schwäbisch Gmünd pro Jahr 4,5 Millionen Euro für die Reinigung von Schulen, Kitas und anderen öffentlichen Gebäuden ausgebe. Arnold ist seit 2009 Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd. Die Kommune steht – wie viele andere – finanziell massiv unter Druck.

Familie
Mittwoch um 18.00 Uhr
Was beschäftigt Eltern, wie sieht moderne Erziehung aus, was ist gut fürs Kind? Wir berichten und sprechen mit Experten, Ärzten und Beratern über (Alltags-)Fragen vieler Eltern.