Historische Kriminalfälle
: Ein Mord im Ulmer Rathaus, eine Bluttat am Donauufer

PodcastEin Bürgermeister fühlt sich gemobbt – und streckt deshalb seinen Kollegen nieder. Und ein Metzgersknecht wird zum Täter, weil er Geld für die Kirmes braucht. Um zwei historische Morde geht es in der neuen Folge „Akte Südwest“.
Von
Roland Müller
Ulm
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War im Jahr 1738 Schauplatz eines Mordes am amtierenden Bürgermeister: das Rathaus in Ulm.

War im Jahr 1738 Schauplatz eines Mordes am amtierenden Bürgermeister: das Rathaus in Ulm.

Volkmar Könneke
  • 1738 ermordet Bürgermeister Albrecht Harsdörfer im Ulmer Rathaus seinen Kollegen Marx Christoph Besserer.
  • Das Motiv: Harsdörfer fühlte sich gemobbt, litt vermutlich an psychischen Problemen, möglicherweise Depression.
  • Harsdörfer wurde von einem Erschießungskommando exekutiert, eine ehrenvollere Methode als die öffentliche Enthauptung.
  • 1814 tötete Metzgersknecht Matthias Harscher den Handwerker Herz Levi für Geld zur Kirmes, wurde öffentlich gerädert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am 11. Februar 1738 fällt im ehrwürdigen Ulmer Rathaus ein Schuss – die Kugel trifft den amtierenden Bürgermeister Marx Christoph Besserer ins Herz, er sackt an seinem Schreibtisch zusammen und stirbt noch an Ort und Stelle. Der Täter eilt direkt zur Hauptwache, gibt die Tatwaffe ab und stellt sich dem verdutzten Polizei-Hauptmann, der zuerst nicht glauben will, was er da hört. Denn nicht nur das Opfer ist ein Prominenter: Auch der Täter, Albrecht Harsdörfer ist Bürgermeister der Stadt Ulm. Die Nachricht von dem Mord unter Patriziern verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Es ist eine Tat in der absoluten Oberschicht der städtischen Gesellschaft.

„Die Gesetze der Zeit haben vorgesehen, dass zeitgleich drei Bürgermeister existieren, die das Amt jeweils für ein Jahr bekleiden und sich turnusmäßig abwechseln“, sagt die Archäologin und Autorin Annika Stahl. Der Fall habe damals enorme Aufmerksamkeit in der Bevölkerung bekommen, zahlreiche Gedichte und Totenklagen seien dem Mord an Besserer gewidmet worden. „Es ist der bekannteste Mordfall in der Reichsstadt Ulm“, sagt Annika Stahl. Modern hingegen mutet das Motiv an, das Harsdörfer in seinen Geständnissen nennt: Er habe sich von Besserer schikaniert und gemobbt gefühlt.

Rachsucht, gekränkte Eitelkeit – und Habgier. Dass sich auch binnen 200 oder 300 Jahren die Motive der Täter nicht sehr geändert haben, darauf wirft die neueste Folge des Kriminalpodcasts „Akte Südwest“ ein Schlaglicht. Annika Stahl hat in ihrem Buch „Kriminelles Ulm“ insgesamt 25 Kriminalfälle aus der Geschichte der Stadt und der Region zusammengetragen. Zwei davon erzählt sie mit Moderator Roland Müller im Podcast.

Hier gibt es Folge 51 von Akte Südwest

Wobei die Frage, ob an den Mobbing-Vorwürfen wirklich etwas dran war, ungeklärt ist, sagt Stahl. Es könne sich auch um eine Art Paranoia gehandelt haben. „Fest steht, dass der Schütze unter starken psychischen Problemen litt“, sagt Stahl. Aus heutiger Sicht würde man wohl von einer Depression sprechen. Besondere Milde beim Urteil hatte das allerdings nicht zur Folge – wohl aber die Tatsache, dass Harsdörfer als Angehöriger einer angesehenen Adelsfamilie aus Nürnberg eben zum Patriziat gehörte, das bis in die Neuzeit die Geschicke der Reichsstädte bestimmte. So wurde dem verurteilten Mörder etwa die Schmach einer öffentlichen Enthauptung erspart. „Er wurde stattdessen von einem Erschießungskommando exekutiert, eine viel ehrenvollere Hinrichtungsmethode“, sagt Stahl. Statt vor aller Augen auf einem Richtplatz fand Harsdörfer im Hof des Neuen Baus den Tod, wo auch heute noch die Ulmer Polizei ihren Sitz hat.

Ein Mord für eine Handvoll Münzen

Dass das selbst knapp 100 Jahre später auch noch ganz anders hätte laufen können, zeigt der zweite Fall der aktuellen Podcast-Folge: Denn der Mord, den der Metzgersknecht Matthias Harscher 1814 verübt, wird noch viel grausamer gesühnt. Der junge Mann wird für seine Tat in aller Öffentlichkeit gerädert – eine besonders schaurige Hinrichtungsart aus dem Mittelalter, die im 19. Jahrhundert nur noch sehr selten ausgeführt wurde.

Zunächst wird dabei ein schweres hölzernes Rad auf die Gliedmaßen fallen gelassen, mit dem Ziel, die Knochen zu brechen. „Anschließend soll dann der gemarterte Leib in einer wirklich unmenschlichen Verrenkung der Glieder aufs Rad geflochten werden“, berichtet Annika Stahl im Podcast. „Das muss nicht nur für den Verurteilten eine Höllenpein gewesen sein, sondern auch ein grauenhafter Anblick für die zuschauende Menge.“ Diese öffentliche Zurschaustellung sollte der Abschreckung dienen.

Autorin und promovierte Archäologin

Annika Stahl, 1987 in Aalen geboren, ist promovierte Archäologin und hat unter anderem an Fundstellen im südlichen Afrika geforscht. Als freiberuflliche Autorin verbindet sie historisches Wissen mit ihrer Leidenschaft zum Schreiben. So sind unter anderem die Bücher „Ulmer Geheimnisse“ und „Kriminelles Hamburg“ entstanden. In dem neuen Buch „Kriminelles Ulm“ (Bast Medien Verlag, 24 Euro) erzählt sie 25 Kriminalfälle aus der Ulmer Geschichte – von der Hexenverfolgung bis zum Prozess um die Yacht „Calypso“. „Kriminelles Ulm“ ist auch im SWP-Online-Shop erhältlich.

Annika Stahl liebt es, Geschichten aus der Ulmer Geschichte zu erzählen

Hat Kriminal-Geschichten aus der Ulmer Geschichte ausgegraben: Autorin Annika Stahl.

Lars Schwerdtfeger

Harscher war eben kein Patrizier oder Mitglied der Oberschicht, sondern ein einfacher Metzgersknecht, der in Söflingen arbeitete und wegen seiner Feier-Lust chronisch pleite war. Am Tag des Mordes traf er den Handwerker Herz Levi aus Mannheim in einem Gasthof in Oberdischingen, gemeinsam wollten sie zur Kirmes in Söflingen gehen. Doch als auf dem Weg Richtung Ulm Levi auffällig mit seinem Geldbeutel klimpert, kommt in Harscher ein düsterer Gedanke auf. Am Ufer der Donau attackiert er sein Opfer und ersticht es schließlich nach einem erbitterten Kampf um Leben und Tod.

Nach ausgelassener Gaudi auf der Kirmes ist dem Metzgersknecht danach aber nicht mehr zumute. Wenig später wird er von der Polizei festgenommen und gesteht seine Tat. Eine traurige Pointe der Geschichte: Von der eigenen Bluttat ist Harscher selbst offenbar so geschockt, dass er es gar nicht mehr über sich bekam, dem Toten das ersehnte Geld überhaupt abzunehmen. „Jene Handvoll Münzen, weswegen Herz Levi überhaupt sein Leben lassen musste, lagen am Ende noch bei ihm“, sagt Annika Stahl im Podcast. Dass ein Mord in aller Regel vollkommen sinnlos ist – auch dieser Umstand hat sich über die Jahrhunderte hinweg nicht verändert.

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