Prozess nach Anschlag in Altbach: Angeklagter bekennt sich zu Handgranatenwurf

Der Angeklagte sitzt zu Beginn eines Prozesses wegen fünfzehnfachen versuchten Mordes in einem Gerichtssaal.
Bernd Weißbrod/dpaEigentlich wollten die rund 50 Trauernden auf dem Friedhof in Altbach am 9. Juni Abschied von einem Verstorbenen nehmen. Doch der Tag wäre fast in einem Blutbad geendet: Ein 23-Jähriger schleudert eine Handgranate in der Trauergemeinde. Nur mit Glück konnte ein Tragödie mit Toten verhindert werden. Die Granate prallt an einem Ast ab, landet 30 Meter von der Gruppe entfernt und explodiert dort. Trotzdem werden mindestens 15 Menschen teils schwer verletzt.
Seit Donnerstag (07.12.) steht der mutmaßliche Granaten-Werfer vor dem Stuttgarter Landgericht. Mehrere Verhandlungstage wurden anberaumt, doch schon am ersten teilte der 23-Jährige ein Geständnis mit: Die Anklage sei zutreffend, sagte Stefan Holoch, der Verteidiger des jungen Mannes, am Donnerstag in Stuttgart. Zudem ließ der Mann über seinen Anwalt eine Entschuldigung ausrichten: „Er möchte sich durch mich bei sämtlichen zu Schaden Gekommenen entschuldigen“, sagte Holoch. Sein Mandant wisse, dass er falsch gehandelt habe. „Sehr falsch.“
Durch Granatenwurf: Trauergäste erleiden schwere Verletzungen
Die Staatsanwaltschaft wirft dem iranischen Staatsbürger in ihrer Anklage unter anderem versuchten Mord vor. „Er nutzte bewusst aus, dass die Trauernden in Gedanken bei dem Verstorbenen waren“, sagte der Staatsanwalt und nannte in der Folge weitere Details zu den Verletzungen, die die Opfer durch die drei Millimeter großen Stahlkugeln erlitten: Sie dringen in Arme, Schultern und Oberschenkel der Trauernden ein, einem Opfer reißt eine der Kugeln ein Stück des Ohrs ab, einen anderen treffen die Splitter im Hals. Eine weitere Kugel bleibt nahe der Lunge eines Opfers stecken. Mehrere Trauergäste müssen operiert werden, einige leiden bis heute unter Panikattacken und Belastungsstörungen.
Angeklagter kann sich nicht an alles erinnern
Der mutmaßliche Täter selbst äußerte im Gerichtssaal Erinnerungslücken: „Ich erinnere mich an vieles nicht mehr“, sagt er. Er leide unter Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Dem Gericht berichtet er von Verletzungen am Kopf, vor ein paar Jahren sei er acht Meter in die Tiefe gestürzt, auch von einem Tumor spricht der junge Mann. Er selbst erlitt am Tattag ein Schädel-Hirn-Trauma, nachdem Trauergäste ihn bei seiner Flucht stoppten und brutal auf ihn einschlugen.
Fehde unter rivalisierenden Gruppen
Hintergrund der Tat ist nach Ansicht der Ermittler eine seit vielen Monaten tobende Fehde zweier rivalisierender Gruppen im Raum Stuttgart. Der Angeklagte gehöre einer kurdisch geprägten Gruppierung an, sagte der Staatsanwalt. „Er vermutete auf der Beerdigung zahlreiche Angehörige oder Sympathisanten der verfeindeten Gruppierung.“ Die Gruppen bekriegen sich seit Monaten, immer wieder kommt es im Großraum Stuttgart zu Gewalttaten. Wiederholt wurde dabei auch auf Menschen geschossen. Vorfälle gab es unter anderem in Stuttgart-Zuffenhausen, in Plochingen, in Asperg im Kreis Ludwigsburg und in Eislingen im Kreis Göppingen. Bislang gab es nach Angaben des Landeskriminalamtes mehr als 40 Verhaftungen.
Aus Sicherheitsgründen findet der Prozess im streng gesicherten Saal des Oberlandesgerichts in Stuttgart-Stammheim statt. Im Prozess sind bislang elf Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird nicht vor Mitte März gerechnet.
Mit Informationen von dpa.

