Gesundheitsrisiken in BW
: „Wir sind heute besser für eine Pandemie gewappnet“

InterviewOb Corona-Folgen, Klimawandel, Asiatische Tigermücke oder KI: Das Landesgesundheitsamt muss viele Herausforderungen im Blick haben. Wie der Chef die aktuelle Lage einschätzt.
Von
Marcus Mockler, epd
Stuttgart
Jetzt in der App anhören
Gottfried Roller, Leiter des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg.

Gottfried Roller, Leiter des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg.

Michael Fuchs

Gottfried Roller ist der Chef von Baden-Württembergs oberster Gesundheitsbehörde und hat sein Amt mitten in der Corona-Pandemie angetreten. Der Leiter des Landesgesundheitsamts in Stuttgart erklärt, was sich durch das Virus verändert hat, welche neuen Gefahren lauern und welchen Gesundheitstipp er für den wichtigsten hält.

Herr Prof. Roller, wenn Sie mit etwas Abstand auf die Corona-Krise blicken, was ist die wichtigste Lehre, die daraus gezogen wurde?
Gottfried Roller: Die wichtigste Lehre ist, dass man bei einer Krise nicht nur auf das Virus, sondern auf die gesamtgesellschaftlichen Folgen blicken muss. Man hat anfangs die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche und die psychische Belastung durch die Isolation unterschätzt. Mit dem Wissen von heute würde man bei Maßnahmen wie Schulschließungen oder der Isolation in Pflegeheimen sicher zurückhaltender sein und stärker abwägen. Aber man muss auch sagen: Rückblickend ist eine Beurteilung immer einfacher.

Die Pandemie hat viele Schwachstellen offengelegt. Sind wir auf eine künftige Krise besser vorbereitet?
Ja, wir sind heute deutlich besser gewappnet. Wir haben unsere Lehren gezogen und mehrere Frühwarnsysteme etabliert. So überwachen wir mit 72 Arztpraxen im Land kontinuierlich das Auftreten von 23 verschiedenen Atemwegserregern. Zusätzlich haben wir an sieben Standorten eine Abwasser-Überwachung eingeführt, um Viren wie SARS-CoV-2 oder Influenzaviren frühzeitig zu entdecken. Eine weitere große Lehre ist die Digitalisierung: Meldepflichtige Laborbefunde werden heute digital übermittelt. Außerdem arbeiten wir an neuen, erregerunabhängigen Pandemieplänen, und eine Notfallreserve für Schutzausrüstung in einem zentralen Logistikzentrum ist aufgebaut.

Abgesehen von neuen Viren – welche Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel stellen besondere Herausforderungen dar?
Eine große Herausforderung ist die Ausbreitung von Überträgern für Infektionskrankheiten, allen voran die Asiatische Tigermücke. Sie ist mittlerweile bei uns heimisch geworden. Weitere Folgen des Klimawandels sind die Zunahme von Hautkrebserkrankungen durch die gestiegene UV-Strahlung und längere sowie intensivere Pollenflugzeiten, die Allergikern zu schaffen machen.

Wie real ist die Gefahr, dass die Asiatische Tigermücke Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber in Baden-Württemberg verbreitet?
Die Bedingungen für eine Übertragung sind da. Der Mechanismus funktioniert so: Eine Mücke sticht einen infizierten Reiserückkehrer, der Erreger vermehrt sich in der Mücke und kann dann bei warmen Temperaturen auf andere Menschen übertragen werden. Solche lokal übertragenen Fälle gab es in Deutschland bisher nicht. Das Risiko für einzelne Übertragungen ist in den Sommermonaten vorhanden, mit größeren Ausbrüchen rechnen wir aber nicht. Wir klären die Bevölkerung aktiv darüber auf, wie sie Brutstätten im eigenen Garten vermeiden kann.

Die Pandemie hat auch digitale Schwächen offengelegt. Wo sehen Sie das größte Potenzial für Fortschritte?
Ein Megathema ist sicherlich die Künstliche Intelligenz. Sie kann riesige Datenmengen analysieren, um Trends frühzeitig zu erkennen. Das hilft uns, maßgeschneiderte Präventionsprogramme zu entwickeln, und treibt die personalisierte Medizin voran. Konkret für den öffentlichen Gesundheitsdienst in Baden-Württemberg bedeutet die Digitalisierung einen Quantensprung. Wir sind das erste Bundesland, das seine Gesundheitsämter einheitlich durchdigitalisiert. Das macht auch die Kommunikation mit Kliniken und Praxen zukünftig viel einfacher.

Sie haben dieses Amt mitten in der Pandemie angetreten. Was treibt Sie persönlich an, eine solche Verantwortung zu tragen?
Mich reizt es, das Gesundheitssystem aktiv mitzugestalten, um für künftige Herausforderungen gewappnet zu sein. Dabei hilft mir meine Erfahrung aus über 25 Jahren im Gesundheitsbereich auf allen Ebenen – von der Klinik über die Arztpraxis bis hin zur Landesbehörde. Auch mein Glaube treibt mich an. Als Christ sehe ich es als meine Aufgabe, dort, wo ich hingestellt bin, einen guten Job zu machen und eine besondere Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Jedes Leben hat einen besonderen Wert und eine besondere Würde.

Wie halten Sie sich bei Ihrem Arbeitspensum persönlich fit und finden einen Ausgleich?
Arbeit ist für mich keine Last, sondern bereitet mir Freude. Für den Ausgleich sorge ich aber ganz bewusst. Ich fahre jeden Tag bei Wind und Wetter in Tübingen mit dem Fahrrad zum Bahnhof. Am Wochenende gehe ich ins Fitnessstudio oder wandere mit meiner Frau. Ein wunderbarer Ausgleich zur Büroarbeit ist auch die Arbeit im Garten. Auf unserem Gütle möchte ich mit meinen Söhnen eine neue Hütte bauen, das erdet mich. Eine wichtige Kraftquelle ist zudem der sonntägliche Gottesdienst. Dort kann ich zur Ruhe kommen.

Wenn Sie den Menschen in Baden-Württemberg nur einen Gesundheitstipp geben könnten, welcher wäre das?
Bewegung, Bewegung, Bewegung. Sie hat unzählige positive Auswirkungen: auf das Gehirn, die Psyche, den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System. Bewegung ist ganz entscheidend.

Zur Person

Gottfried Roller ist seit Februar 2021 Leiter des Landesgesundheitsamts (LGA) Baden-Württemberg. Zuvor war er viele Jahre Leiter des Kreisgesundheitsamts Reutlingen. Roller, Mitte 50, ist Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen, Sozial- und Umweltmedizin. Er war auch mehrere Jahre im Landessozialministerium tätig. (swp)