Femizide in Deutschland: Morde mit Ankündigung – und wer hört zu?

Am 3. September 2014 eröffnet Richter Gugenhan am Landgericht Ulm gegen Herwart S. den Strafprozess wegen Mordes. Der zu dem Zeitpunkt 54-jährige Angeklagte hatte wenige Monate zuvor seine Ex-Partnerin mit Benzin übergossen und angezündet.
privat- Jeden zweiten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet.
- Podcast „Akte Südwest“ thematisiert Femizide und die Reaktionen der Gesellschaft und Politik.
- Der Fall Herwart S. zeigt, wie Gewalt gegen Frauen oft ungestraft bleibt.
- Fachanwältin Christina Clemm beleuchtet die Dringlichkeit von strukturellen Änderungen.
- Unterstützung für Gewaltopfer ist wichtig und dringend.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Als das Bundeskriminalamt im November 2024 das erste Lagebild zu „geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“ vorstellte, war der Aufschrei groß. Über sämtliche Medien lief die Nachricht: jeden zweiten Tag in Deutschland ein Femizid! Aber so groß wie der Aufschrei war, so schnell verlief sich die Empörung im Sande. Zum internationalen Weltfrauentag greifen wir das Thema wieder auf – in einer Doppelfolge unseres Kriminalpodcasts „Akte Südwest“.
In der ersten Podcast-Folge spricht Valerie Zöllner mit der Journalistin Karin Tutas über einen Femizid in Göppingen und die Vorgeschichte. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf die immerwährend eskalierende Gewaltspirale des Täters, mit der drängenden Frage, warum niemand eingegriffen hat. Karin Tutas verfolgte 2014 den Prozess im Landgericht Ulm für die SÜDWEST PRESSE und liefert im Podcast direkte Einblicke in die Vergangenheit des Täters.
Aber wie konnte ein Mann wie Herwart S. überhaupt durch das Raster rutschen? An welchen Stellen muss das deutsche Gesetz dringend nachjustiert werden? Warum sind Fußfesseln für Täter ohne eine direkte Einbindung in die sogenannte Täterarbeit pure Scheinsicherheit für die Betroffenen? Und wieso müssen wir als Gesellschaft bei Gewalt gegen Partnerinnen generell viel, viel kämpferischer werden?
Den Kriminalpodcast Akte Südwest gibt es überall, wo es Podcasts gibt.
Fachanwältin Christina Clemm arbeitet seit über zwei Jahrzehnten in diesem Bereich. Sie erzählt bei „Akte Südwest“ von ihren Erfahrungen im Gericht, vom Verhalten der Täter – ihr und den Hinterbliebenen gegenüber. Es geht um die Vorboten von Femiziden, um Machtansprüche und Frauenhass. Diesen Themen und noch ein paar weiteren Fragen versuchen Christina Clemm und Valerie Zöllner im zweiten Teil der Doppelfolge auf den Grund zu gehen.
Die dunklen Vorboten der Femizide
„Männern wird selten so wenig geglaubt, wie wenn sie ankündigen, ihre Frau zu töten“, sagt Christina Clemm im Interview. „Das wird nicht ernst genug genommen. Diese Drohungen, das Stalking und überall auflauern. Dieser unbedingte Wille der Vernichtung. Das haben wir in vielen Fällen schon vorher und da muss massiv reagiert werden, denn sonst kommt es zur immer weiteren Steigerungen und zu Tötungsdelikten.“
Hilfe bei Gewalt im sozialen Umfeld
Sollten Sie Zeugin oder Zeuge von Gewalt im sozialen Umfeld oder sogar selbst davon betroffen sein, dann finden Sie hier niedrigschwellige Hilfsangebote.
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Unter der Nummer 116 016 sind rund um die Uhr Fachkräfte erreichbar. Diese bieten Frauen und Personen aus deren sozialem Umfeld kostenlose, barrierefreie und anonyme Beratung auf Deutsch und 18 weiteren Fremdsprachen an.
- Über die App des Vereins „Gewaltfrei in die Zukunft e.V.“ können von häuslicher Gewalt betroffene Personen auf Informationen und Unterstützungsangebote zugreifen. Die App soll als Brücke in das bestehende Hilfenetzwerk dienen.
- Über „Weisser Ring e.V.“ können sich Betroffene von Gewalt Hilfe suchen. Sowohl per Telefon unter 116 006 (täglich, 7 bis 22 Uhr), als auch Online beziehungsweise per Mail über ein sicheres Programm. Wenn Sie lieber persönlich über Ihre Situation sprechen möchten, dann finden Sie die nächstgelegene Außenstelle des Weissen Rings hier.
So auch bei Herwart S., dem Täter von Göppingen. In rund 20 Jahren führt er sechs romantische Beziehungen zu Frauen mit völlig unterschiedlichen Persönlichkeitstypen. Doch in Trennungsphasen machen fast alle Frauen dieselben Erfahrungen mit dem Mann: Sie werden manipuliert, gestalkt, bedroht, gefesselt, vergewaltigt. Immer wieder sucht die Polizei Herwart S. für Gefährderansprachen auf. Immer wieder befindet sich der Mann in der Psychiatrie. Immer wieder entlässt er sich selbst, ohne weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ganze drei Gerichte sprechen Herwart S. in dieser Zeit schuldig. Herwart S. war bekannt. Über 25 Jahre hinweg drohte er fast allen Ex-Partnerinnen an, sie umzubringen. Dann, am 1. Februar 2014, übergoss er eine Ex-Partnerin mit Benzin und zündete sie an.
„Wir leben in einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen eine Partnerin relativ konsequenzlos bleibt und weder gesellschaftlich noch strafrechtlich besonders geahndet wird“, sagt Fachanwältin Clemm im Gespräch. Gewalt gegen Frauen werde noch immer ins Private geschoben und nicht strukturell betrachtet. „Wir uns sollten uns stattdessen wirklich mal fragen, was denn das tatsächliche Problem ist, dass so viele Männer gewalttätig sind. Und wir sollten viel wütender darüber sein, dass das noch nicht gelöst wurde.“
„Akte Südwest“ bei Spotify, Apple Podcasts und Co.
„Akte Südwest“ erscheint auf allen gängigen Podcast-Plattformen, zum Beispiel bei:
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Übrigens: Wahre Verbrechen stehen im Zentrum unserer Themenseite swp.de/crime. Hören Sie dort den Podcast „Akte Südwest“ und lesen Sie Hintergründe zu aktuellen und historischen Fällen in Baden-Württemberg – und vieles mehr.
