Taylor Swift in München: „You Are In Love“-Mashup überrascht Swifties im Olympiastadion

Die US-amerikanische Popsängerin Taylor Swift bei ihrem Konzert in München: Der Glitzer-Badeanzug gehört zur Ära „Lover“.
Lennart Preiss/dpaNatürlich beherrscht auch Taylor Swift diese uramerikanischen Geste: Hand aufs Herz, die Lippen formen ein „Oh my god“, ein stummes. Wie viel ein Mensch zu sagen hat, zeigt sich oft dann, wenn er schweigt. Taylor Swift hat sich nach „Champagne Problems“ gerade vom Piano erhoben und redet: nichts. Sie lächelt nur dankbar, aber irgendwie gerät an dieser Stelle bei jedem Auftritt alles außer Kontrolle, immer lauter wird das Kreischen und Jubeln. Swift hat für ihre Swifties einen Durchdreh-Moment geschaffen. Nein, es geht hier nicht nur um sie, den Superstar. Es geht um alle 74.000, die gekommen sind. Vor allem junge Frauen und Mädchen.
Wie bei allen anderen Tourstationen (und dem zweiten München-Konzert am Folgetag) waren die Karten für den 27. Juli 2024 binnen kürzester Zeit vergriffen. Schon in der Nacht zuvor schlugen manche ein Lager am Stadioneingang auf, um ihrem Star möglichst nahe sein zu können. Schon am Tag davor waren manche auf das Gelände gepilgert, um sich mit Merchandise-Artikeln einzudecken. Und überall im Olympiapark hört man es: Viele sind extra aus Amerika angereist. Dort waren die Tickets noch schwerer zu bekommen – und noch teurer. Mehrere 100 Euro kosteten sie auch in München.

Eine gigantische Bühnenshow bei Taylor Swift in München: Am Wochenende gibt die Popsängerin die letzten beiden Deutschlandkonzerte im Rahmen ihrer «Eras»-Tournee.
Lennart Preiss/dpaSwifts „Eras“-Tour setzt Milliarden um, ihre Alben stellen immer neue Streaming-Rekorde auf, jede Bewegung von ihr (und ihrem Football-Boyfriend Travis Kelce) wird vom Boulevard genau beobachtet. Kürzlich schätzte das Magazin „Forbes“ ihr Privatvermögen auf mehr als eine Milliarde Dollar. Aber die Swifties eifern ihr trotzdem nach wie einer großen Schwester: Ihre Outfits glitzern mit denen des Originals um die Wette, viele haben sich nach einer der „Eras“ gekleidet. Normale Menschen haben Phasen im Leben, bei Swift ist jedes Album gleich eine Ära. Und die Frau ist erst 34.
Die Sängerin begrüßt die Fans mit einem „Servus“
Die Äras werden auf dem Konzert nicht chronologisch, aber in Blöcken abgearbeitet: Die erste auf dem Plan für die knapp dreieinhalb Stunden Konzert ist die von „Lover“ (2019), anders als das „Servus“ zur Begrüßung keine Überraschung für die Swifties (oder heißen die in Bayern Swiftinger?): Die Setlist ist an allen Abenden nahezu identisch. Die Fans wissen, dass sie gleich „Cruel Summer“ mitsingen werden und Swift später ein Glitzersakko über den Glitzer-Bodysuit ziehen wird, um „The Man“ mit einem amüsanten Büroballett zu performen, bis sie im Chefsessel sitzt. „If I was a man, I'd be the man“: Wenn sie ein Mann wäre, wäre sie der Mann.
„Emma“-Leserinnen rümpfen die Nase, aber Taylor Swift steht für einen Feminismus, der sich mit Girlie-Attributen vereinen lässt: Frau kann der Chef sein, sich aber wie eine Disney-Prinzessin kleiden. Swifts Karriere ist ein amerikanischer Traum: Aus dem beliebtesten Mädchen der Schule ist die berühmteste Frau der Welt geworden. Aus eigener Kraft, mit eigenen Songs. Echter Boss-Move: Weil sie sich mit ihrer früheren Plattenfirma verkracht hatte, spielte sie einfach ihre alten Alben noch einmal ein, jeweils als „Taylor's Version“. Das könnte man bei ihr hinter vieles schreiben: Feminismus (Taylor's Version), Musikbusiness (Taylor's Version), das Leben (Taylor's Version).

Büroballett mit Taylor Swift: Die Choreo zu „The Man“.
Lennart Preiss/dpaLetzteres ist offenbar epochal, auch wenn Swift in der Folge nicht jeder Ära gleich viel Platz einräumt. Aber jede hat eigene Outfits, fast immer mit Pailletten, so ist das bei Prinzessinnen (oder bei rachlüsternen Schlangen, die „Reputation“-Ära). Und jeder Song bekommt eine eigene Choreografie. Die Bühne liefert dazu gigantische Möglichkeiten: Der riesige Screen im Hintergrund lässt sich öffnen, der Boden des Stegs ist ebenfalls mit LEDs ausgestattet, an mehreren Stellen fahren Plattformen nach oben und unten, sie lassen Swift hoch über den Köpfen thronen – oder verschwinden.
Für die Ära der Corona-Alben „Folklore“ und „Evermore“ wird sogar eine grün bewachsene Hütte auf die Bühne geschoben, und Swift singt in einem moosgrünen Kleid an einem moosbewachsenen Flügel, Björk hätte ihre Freude daran. Seinerzeit überzeugte Swift auch Indie-Nörgler und Feuilletons, die ihren Pop vorher zu clean und kalkuliert fanden. Vielleicht der letzte Schritt zum Weltstar. Ihre Swifties jedenfalls feiern, als ob sie das Fantum neu erfinden müssten, im Publikum tauschen Teenies mit erwachsenen Frauen Freundschaftsbänder, Ballons werden zu Leuchtobjekten. Die Technik addiert noch Spektakel dazu: Am Einlass erhalten alle ein Armband, das später wie von Geisterhand im Takt blinkt oder die Lichtstimmung im Stadion ändert.
Überraschende Mashups im Akustik-Teil
Letztlich ein Stück Plastikmüll, aber darüber regt sich wohl kein Fan auf. Jede Ära wird zum Fest, zum Schluss kommen die neuesten Alben „Midnight“ und „The Tortured Poets Department“, dazwischen noch Swifts Akustik-Solo Session mit zwei Überraschungen, diesmal Mashups aus „Fresh Out The Slammer“ und „You Are In Love“ sowie „Ivy“ und „Call It What You Want“.
Alles ist Glückseligkeit an diesem Abend – und das spüren auch die, die nur aus Neugier oder als Begleitperson ins Olympiastadion gekommen sind. Swift schafft einen besonderen Ort. Nicht nur einen „Safe Space“ für Frauen und LGBT, das können auch andere wie Harry Styles. Sie schafft einen Möglichkeitsraum, in dem vor allem weibliche Fans spüren, dass sie die Welt verändern können, in dem Optimismus wieder ein Zuhause hat. Es gibt einen Grund, warum Typen wie Donald Trump Taylor Swift fürchten.
Extreme Bedingungen auf dem Gelände
Das Konzert war ein Wechselbad der Gefühle – und der Temperaturen. Um 17 Uhr habe die Temperatur in München bei 31,9 Grad Celsius gelegen, hieß es vom Deutschen Wetterdienst. Einige Menschen kollabierten, eine Zahl konnte die Polizei nicht nennen. Zum Schutz vor der Sonne habe der Konzertveranstalter auch Tausende Rettungsdecken und „Unmengen an Wasser“ an die Fans verteilt, zumindest an die im Stehplatzbereich. Gegen Ende wehte ein erfrischender Wind ins Stadion – und zum letzten Song „Karma“ tanzten Swift und ihr Team durch den Münchner Sommerregen. 40.000 Menschen lauschten dem Konzert außerhalb des Stadions vom Olympiaberg im Park aus. dpa

Rettungsdecken sollten die Swifties vor der Sonne schützen: Sie passten auch gut zu den Glitzer-Outfits.
Felix Hörhager/dpa