Cannstatter Wasen: Kellnern auf dem Wasen? Bedienungen erzählen, wie es wirklich ist

Tanja Payerl und Heli Rumpler kellnern auf dem Cannstatter Wasen
privatBis zu 30 Kilometer legen Tanja Payerl und Heli Rumpler jeden Tag zurück. Er stemmt zehn Krüge auf einmal, sie acht. Nach ein paar Stunden brennt der Bizeps. Betrunkene stehen im Weg, übergeben sich, wollen diskutieren. Genau für diese Plackerei hat das Kellner-Paar den Weg aus Graz bis auf den Cannstatter Wasen auf sich genommen. Warum tut es sich das an?
Die beiden Österreicher arbeiten im Dinkelacker Festzelt Klauss & Klauss. Es ist eines der größten Zelte auf dem Cannstatter Wasen, dieses Jahr feiert es 25-jähriges Bestehen. 160 Kellnerinnen und Kellner versorgen zu Spitzenzeiten 5500 Gäste mit Göckele, Riesenschweinshaxen oder Dinkelacker Volksfestbier. Die Hausband „Lederrebellen“ feiert mit Alpenrock und Partyliedern.
„Jedes Jahr ist es ein Erlebnis, man lernt neue Leute kennen und trifft Kollegen wieder“, sagt Rumpler. „Es wird immer wieder lustig und es passieren andere Sachen“, ergänzt Payerl. Für die 35-Jährige ist es das dritte, für ihren 40-jährigen Partner das fünfte Jahr auf dem Volksfest. Ein Freund aus Österreich, der dort schon seit 15 Jahren kellnert, hat die beiden überzeugt. Hauptberuflich macht das Paar aber etwas anderes: Rumpler arbeitet im Lager, Payerl bei der Post.
Kellner bekommen Provision
Beide nehmen sich für die 17 Tage in Bad Cannstatt frei. „Das ist unser Sommerurlaub“, sagt Payerl. Ein Sommerurlaub, in dem sie sich zusätzliches Weihnachtsgeld zulegen, erklärt Rumpler. Wie viel, verraten die beiden nicht. Generell ist es so: Die Kellner kaufen selbst das Bier und verkaufen es an die Gäste weiter. Sie erhalten eine Provision, also einen Anteil des erwirtschafteten Umsatzes. Dazu kommt das Trinkgeld. Je nach Bierpreis, Stimmung und Sympathie falle es höher oder niedriger aus. „Manchmal steckt uns auch jemand am Ende des Abends zwanzig Euro zu“, sagt Rumpler.
Lederhose, Hemd beziehungsweise Bluse, Softshellwesten und bei den Frauen ein Halstuch gehören zur Dienstkleidung. Kaufen müssen sie sich die Kellner auf eigene Kosten. Payerl und Rumpler besitzen das Outfit in mehrfacher Ausführung, damit sie jeden Morgen frisch in den Tag starten. Feste Sportschuhe sind unabdingbar, ein paar Blasenpflaster stecken zur Not in Rumplers Geldbörse. Als Unterkunft hat sich das Paar ein Apartment gemietet.
Mentales belastet am meisten
Zwischen 9 und 10 Uhr beginnt ein typischer Arbeitstag. Bevor das Festzelt öffnet, wickeln die Kellner das Besteck in Servietten und decken die Tische. Ein oder zwei Stunden später strömen die ersten Gäste ins Zelt. Bis 23 Uhr unter der Woche und 23.30 Uhr am Wochenende, inklusive Pause, ist das Personal am Herumrennen und Schleppen. Ob sie nicht müde werden? „Man hat so viel Adrenalin“, winkt Payerl ab. „Die Leute und die Stimmung pushen einen, manche wollen mit Dir tanzen, andere blödeln herum.“ Zum Mitmachen haben die beiden allerdings selten Zeit.
Am meisten belastet die „Kopfsache“, sagt Rumpler. „Du musst immer schnell arbeiten, immer konzentriert sein.“ Außerdem sei es schon anstrengend, immer unter Betrunkenen zu sein, erzählt Payerl. Manche wüssten nicht mehr, was sie bestellt haben, und fingen dann zu diskutieren an. Unangenehmen Körperkontakt oder Form von sexueller Belästigung hätten beide aber noch nie erlebt. Wenn Gäste offensichtlich zu viel getrunken haben oder aggressiv werden, sei sofort die Security zur Stelle.
Gast erkennt Kellner nach einem Jahr wieder
Die schönsten Momente sind laut Payerl, wenn sich die Gäste am Ende für den schönen Abend bedanken. Vergangenes Jahr habe es einen Tisch gegeben, an dem eine Person Rumpler wiedererkannt hat. „Schaut, wir haben den gleichen Kellner wie letztes Jahr“, habe er gerufen. Solche Momente freuten den Österreicher: „Wir haben also einen guten Eindruck hinterlassen, das bedeutet für mich Anerkennung.“
Nach getaner Arbeit laufen die beiden zweieinhalb Kilometer zu ihrem Apartment. Auf dem Weg lassen sie den Tag Revue passieren. Essen, duschen, schlafen. 16 Mal aufs Neue. Nach 17 Tagen ist der „Sommerurlaub“ vorbei und sie fliegen zurück nach Graz. Ohne Pause geht es dort zurück in den Alltag.
Cannstatter Wasen geht bis 13.10.2024
Zwei Schläge und damit zwei weniger als im Vorjahr brauchte Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper für den offiziellen Fassanstich am Freitag. Das Volksfest im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt ist – nach dem Münchner Oktoberfest – das zweitgrößte der Welt. Bis zum 13. Oktober hoffen rund 300 Schausteller, Wirte und Marktkaufleute auf dem Gelände am Neckar-Ufer auf gute Geschäfte. Erwartet werden mehr als vier Millionen Besucher.

