Bahnstreik in Ulm: Nur jeder fünfte Fernzug fährt, Einschränkungen auch im Regionalverkehr
„GDL–Streik: Zugverkehr massiv beeinträchtigt!“ — Fast kein Fernzug findet am Mittwochmorgen (10.01.) den Weg in den Bahnhof in Ulm. Drei Tage lang streiken die Lokführer der Gewerkschaft GDL, von Mittwoch bis Freitag (10.-12.01.) fallen nahezu alle Fernverkehrszüge aus. Bahnreisende müssen sich auf Einschränkungen und Zugausfälle einstellen.

Gähnende Leere – Die Bahnsteig 1, der oftmals von ICE-Zügen angefahren wird, ist am Mittwochmorgen menschenleer.
Matthias KesslerFast alle Fernverbindungen fallen aus
Nur wenige IC– oder ICE–Verbindungen werden am frühen Mittwochmorgen (6 Uhr) auf der Anzeigetafel am Ulmer Bahnhof angezeigt. Auch der Blick in die DB–App zeigt: Nahezu alle Fernzüge in Richtung München, Stuttgart, Frankfurt und Co. fallen aus. Nur einzelne Verbindungen, zum Beispiel um 06:49 Uhr der ICE nach Stuttgart oder um 7:12 Uhr der ICE nach München werden angeboten. Laut Ursula Eickhoff, Sprecherin des Pressebüros der Deutschen Bahn in Stuttgart, ist der Notfahrplan wie geplant angelaufen, etwa 20 Prozent aller Fernverkehrszüge in Baden–Württemberg fahren. „Die Fahrgäste konnten sich bereits im Vorfeld online gut darüber informieren, welche Züge fahren“, teilt sie mit.

„Verbindung fällt aus“ – Auch in der DB-Navigator-App werden die Zugausfälle angezeigt. Wer in den nächsten drei Tagen Fernverbindungen nutzen möchte, muss mit zahlreichen Einschränkungen rechnen.
Amelie SchröerAusfälle von Regionalzügen sorgen für Chaos
Das scheinen die Reisenden in Ulm getan zu haben. Um 6 Uhr ist es ruhig in der Bahnhofshalle. Etwa 30 Fahrgäste warten drinnen — allerdings nicht auf Fern–, sondern auf Regionalzüge, denn nicht alle Verbindungen sind vom Streik betroffen. „Ich muss nach Langenau, mein Regionalzug fährt“, sagt eine Frau.
Sie hat Glück, denn Schüler und Pendler aus dem Illertal, die nach Ulm oder Neu–Ulm müssen, haben Probleme, weil die Regionalzüge nicht fahren. Das zeigt auch die DB–App an. Alternativ sollen die Bahnreisenden den Bus nehmen, der sie letztendlich in die Doppelstadt bringen soll. Das wiederum führt am frühen Morgen zu Problemen für Schülerinnen und Schüler, die auf diesem Weg nicht zum Unterricht kommen können, weil die Busse schlichtweg die Haltestellen der Schulen nicht anfahren. Der Fahrplanwechsel in Neu–Ulm tue hierbei sein Übriges.
Mehr Reisende kommen nach Ulm gegen 7.45 Uhr
Gegen 7.45 Uhr wirkt die Lage trotz des Streiks der GDL vergleichsweise normal, von einer möglicherweise erwarteten gähnender Leere im Bahnhof kann keine Rede sein: Immer wieder kommen Züge an, etwa von GoAhead auf der Strecke aus München und Augsburg, und bringen Trauben von Pendlern und Schülern, die aus den Waggons quellen. Meist sind es Züge privater Anbieter, aber auch ein roter Zug steht weiter hinten am Bahnsteig. Die eintreffenden Menschen strömen durch die Halle — manche kaufen sich noch ein Brötchen — und gehen direkt in die Stadt oder zu den Haltestellen vor dem Bahnhof, um mit den SWU–Linien weiterzufahren.
In der Halle wirkt die Anzeigetafel für Verbindungen auf den ersten Blick normal, ausfallende Verbindungen werden offenbar nicht aufgelistet. Es werden ICE, RB, RS und IRE–Verbindungen angezeigt. Wer nicht wüsste, dass Streik herrscht, würde kaum etwas merken von dem Ausstand. Auch auf den blauen elektronischen Hinweistafeln auf Gleis 1 etwa werden ICE–Züge nach Hamburg–Altona offenbar planmäßig angezeigt.
Wie viel Prozent der Regionalzüge derzeit fahren, konnte DB–Sprecherin Ursula Eickhoff auf Nachfrage nicht sagen. „Es gibt Strecken, da versucht man einen Drei–Stunden–Takt, auf anderen Strecken geht gar nichts.“
Und der ÖPNV? Bei den Stadtwerken Ulm liegen am Morgen keinerlei Störungen vor, Busse und Bahnen sind wie immer gut gefüllt zu dieser Zeit.
Schülerinnen und Schüler kommen zu spät zum Unterricht
Auch wenn viele Regionalzüge fahren und vor allem der ÖPNV in Ulm reibungslos funktioniert, nicht alle Schülerinnen und Schüler der Region kommen pünktlich zum Unterricht. Um 7:40 Uhr kommt ein Zug aus Stuttgart am Hauptbahnhof an, viele Reisende eilen
eilen jetzt in Richtung Haltestelle Straeßnbahn. Unter ihnen auch vier Schülerinnen aus Urspring. Sie hatten diesen Zug nehmen müssen, der für sie um 7. 16 Uhr gestartet ist, da ihr eigentlicher Zug mit Abfahrtszeit um 7.06 Uhr ausgefallen war. Jetzt, in Ulm gegen 7.40 Uhr angekommen, reicht es nicht mehr, um pünktlich im Unterricht der St. Hildegard–Schule zu sitzen. Die vier Schülerinnen, Siebt– und Fünftklässlerinnen, eilen zur Straßenbahn, die sie zur Schule in Richtung Kuhberg bringen soll. Dennoch sind alle vier froh, dass ihre Zugverbindung relativ gut geklappt hat. Die Eltern hätten sie nicht fahren, erzählen sie noch, bevor sie in die Straßenbahn steigen.
In diesem Zug saßen auch drei Elftklässlerinnen, die jetzt zur Valckenburgschule am Donauufer müssen. Sich über den Bahnstreik ärgern? „Ach“, winken sie ab, „so was passiert doch in letzter Zeit öfters.“ Und schon eilen sie zur Straßenbahn.
Bahnstreik: Züge aus Blaubeuren fallen aus
Um 8 Uhr erreicht ein Zug aus Blaubeuren den Ulmer Hauptbahnhof. Unter den Ankommenden ist ein Schüler (19) und eine Schülerin (18) der katholischen Fachschule für Erzieher. Aus Richtung Blaubeuren seien am Mittwochmorgen Züge ausgefallen, erzählen sie. Deswegen hätten sie diesen Zug einer privaten Gesellschaft nehmen müssen, „der aber wirklich überall hält“. Deswegen braucht er 25 Minuten für diese Strecke im Gegensatz zu Zügen, die durchfahren, die offenbar elf Minuten dafür brauchen, erzählen sie.
Auch für die künftigen Erzieher klappt es nicht mit dem pünktlichen Unterrichtsbeginn. „Unsere Lehrer haben Verständnis, sie wissen Bescheid“. Aber natürlich ärgert die beiden die Häufigkeit der Lokstreiks. „Gerade im letzten Jahr war es extrem“, sagt er junge Mann. Und weiter: „Wir kaufen die Fahrkarte und bekommen dafür oft nicht die Leistung, die wir ja bezahlt haben.“ Bei der Frage nach dem Verständnis für den Streik der Lokführer müssen beide lachen. Und wie kommen beide wieder heim? „Das wird schwierig“, sagt die 18–Jährige. Eigentlich fahren Züge in Richtung Blaubeuren zu jeder Stunde, nur seien die dann oft extrem voll. „Da müssten einfach mehr Waggons angehängt werden“, sagt sie. Aber das sei unabhängig von Streiktagen der Fall.
Streik: Was die Deutsche Bahn Reisenden rät
Die Deutsche Bahn rät Bahnreisenden, sich frühzeitig über ihre Zugverbindung auf bahn.de, im DB Navigator oder per Hotline zu informieren. Die Informationsschalter der DB im Ulmer Bahnhofsgebäude waren morgens übrigens noch nicht geöffnet.
Auch auf die Straßen scheint der Bahnstreik noch keine Auswirkungen zu haben. Am frühen Morgen sind die Autobahnen in der Ulmer Region frei. Lediglich auf der B28 zwischen dem Dreieck Neu–Ulm und der Innenstadt gab es morgens gegen 7.30 Uhr einen Stau — was aber nicht unüblich ist um diese Zeit.
Güterverkehr liegt seit Dienstagabend lahm
Bis zuletzt hatte der Konzern versucht, den Streik abzuwenden, war aber am Dienstagabend auch in zweiter Instanz am Landesarbeitsgericht in Frankfurt gescheitert. Zum Zeitpunkt des Gerichtsurteils hatten die Lokführer des Güterverkehrs ihre Arbeit bereits niedergelegt. Sie streiken seit Dienstagabend um 18 Uhr. Seit Anfang November verhandeln die Bahn und die GDL über neue Tarifverträge. Hauptknackpunkt ist die Forderung der GDL nach einer Senkung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Dies lehnt die Bahn ab.





