Nach Hagelsturm in Reutlingen
: Kachelmann: Hagelflieger sind „völliger Schwachsinn“

Immer wieder heben im Südwesten Flugzeuge ab und „impfen“ Gewitterwolken. Meteorologe Jörg Kachelmann sagt, das sei „Schwurbel“. Ein Streitthema im Realitäts-Check.
Von
Moritz Clauß
Stuttgart/Reutlingen/Waiblingen
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Hagelflieger werden in manchen Regionen Süddeutschlands seit Jahrzehnten eingesetzt – auch im Landkreis Rosenheim.

Georg Vogl/dpa
  • Hagelflieger in Süddeutschland sollen Gewitterwolken mit Silberjodid impfen, um Hagel zu verhindern.
  • Meteorologe Kachelmann und Experten halten die Methode für unwissenschaftlich und potenziell riskant.
  • Studien zeigen keine klare Wirksamkeit, in einigen Fällen könnte Hagel sogar verstärkt werden.
  • Befürworter verweisen auf Einsatzerfolge und finanzieren Abwehr über Vereine, Kommunen und Versicherungen.
  • Wissenschaftler kritisieren fehlende Nachweise und mögliche negative Folgen wie Starkregen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Hagel kann ganze Ernten zerstören und Gebäude schwer beschädigen. Kein Wunder also, dass Menschen seit Jahrzehnten versuchen, das Wetterphänomen zu verhindern. In Baden-Württemberg etwa sind in einigen Regionen jeden Sommer sogenannte Hagelflieger unterwegs, die versuchen, Wolken zu „impfen“ und dadurch großen Hagel zu vermeiden. Auch in Reutlingen, wo vergangene Woche Unmengen an Hagel auf die Innenstadt niedergeprasselt sind, gibt es eine solche Hagelabwehr. In der Theorie klingt das Vorgehen der Hagelflieger sinnvoll – aber funktioniert es wirklich?

Beim Impfen der Gewitterwolken sollen Flugzeuge Silberjodid in die Wolke einbringen. Dadurch, so die These, bilden sich Eiskeime und die Wolke regnet ab, bevor große Hagelkörner entstehen können. In Reutlingen, dem Rems-Murr-Kreis und anderen Regionen in Baden-Württemberg hat dieser Ansatz Unterstützerinnen und Unterstützer.

Wissenschaftler weisen allerdings seit langem daraufhin, dass die Methode in der Praxis fragwürdig ist. „Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Arbeiten mit einem Peer-Review-Verfahren, die belegen, dass das Impfen der Wolken zur Hagelabwehr wirksam ist“, sagt Professor Michael Kunz vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Peer-Review heißt der wissenschaftliche Prozess, bei dem Ergebnisse einer Untersuchung unabhängig geprüft werden.

Jörg Kachelmann: „Das wird nur in Schwurbelgegenden gemacht“

Kunz ist Experte für Hagel und Gewitterwolken, und er sieht das „Impfen“ von Wolken kritisch. Auch, weil nicht auszuschließen sei, dass das Vorgehen negative Folgen wie erhöhte Mengen von Starkregen habe, „die Sturzfluten auslösen oder verstärken könnten“, wie der Meteorologe warnt. „Als Wissenschaftler und Bürger habe ich deshalb meine Schwierigkeiten damit, wenn die Methode trotzdem angewandt wird.“

Ein in der Öffentlichkeit bekannter Kritiker der Hagelabwehr ist Jörg Kachelmann. „Das wird nur in Schwurbel-Gegenden gemacht, und regionale Medien berichten dann gerne über angebliche Heldengeschichten der Piloten“, sagt der Wetterexperte im Gespräch mit dieser Zeitung. In Anspielung an die Marken-Kampagne des Landes Baden-Württemberg fügt er an: „It‘s the Schwurbelländ.“ Die Hagelabwehr sei wissenschaftlich betrachtet „völliger Schwachsinn“.

Kachelmann kritisiert, Hagelflieger hätten schlichtweg „ein teures Hobby und finden leider Deppen, die ihnen das bezahlen“. Und er zieht einen Vergleich: Wenn jemand behaupte, er habe eine Maschine gegen den Weltuntergang erfunden, könne er auch täglich behaupten, die Maschine funktioniere. „Genauso machen es die Hagelflieger“, sagt der Wetterexperte. Da ein bestimmter Ort statistisch alle 20 bis 30 Jahre von schwerem Hagel getroffen werde, könne die Hagelabwehr ständig darauf verweisen, wie lange es schon nicht mehr gehagelt habe. „Und wenn es doch hagelt, können sie behaupten, der Hagel wäre ohne ihren Einsatz doppelt so groß gewesen“.

Hagel in der Reutlinger Innenstadt: Warum war kein Hagelflieger in der Luft?

Hunderte Tonnen an Hagel sind vergangenen Freitag auf die Reutlinger Innenstadt niedergeprasselt. Ein Hagelflieger war während des Unwetters aber nicht in der Luft. Warum? Der Hagelabwehr seien „Grenzen durch schlechte Sichtflugbedingungen, starken Wind und in Regen eingebettete und dadurch schlecht erreichbare Gewitterzellen gesetzt“, teilt die Württembergische Gemeinde-Versicherung mit. Das sei auch beim Ereignis in Reutlingen der Fall gewesen.

Tatsächlich sind die Befürworterinnen und Befürworter der Hagelabwehr von der Methode überzeugt – auch ohne langfristige wissenschaftliche Nachweise. „Wir arbeiten mit Sachargumenten und belegen, dass es etwas bringt“, sagt Gabriele Gaiser, die Vorsitzende des Vereins Hagelabwehr im Landkreis Reutlingen. Der wurde gegründet, nachdem ein großer Hagelsturm am 28. Juli 2013 im Südwesten einen Milliardenschaden verursacht hatte. Die Württembergische Gemeinde-Versicherung (WGV), die zwei Hagelflieger einsetzt, teilt mit, die Einsätze in den vergangenen 20 Jahren hätten der Versicherung eindeutig gezeigt, „dass über 50 Prozent der Hagelschäden durch den Einsatz von Hagelfliegern vermieden werden können“.

Privatpersonen und Städte zahlen für Hagelflieger

Wie in Reutlingen wird die Hagelabwehr vielerorts von Vereinen getragen. Finanziert werden diese Vereine von Privatpersonen und Unternehmen, oft bekommen sie aber auch staatliche Gelder. Die Stadt Metzingen und die Gemeinde Grafenberg etwa zählen zu den mehr als 1400 Mitgliedern des Vereins zur Hagelabwehr im Kreis Reutlingen, berichtet die Vereinsvorsitzende. Die Kommunen tragen dazu bei, dass der Verein für jeden Monat Einsatzbereitschaft und Hagelabwehr 27.000 Euro zahlen kann.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es seit 1980 eine Hagelabwehr. 2022 hätten 22 Einsatzflüge stattgefunden, in der Hälfte der Fälle seien Gewitterwolken mit Silberjodid geimpft worden, teilt das Landratsamt auf Nachfrage mit. Die Kosten der Hagelabwehr in der Region Stuttgart betragen demnach rund 343.000 Euro im Jahr, die Kreise und Kommunen bezahlen davon 41 Prozent.

„Das Landratsamt und die Kreisgremien stehen weiterhin uneingeschränkt hinter der Hagelabwehr“, schreibt das Landratsamt weiter. Gabriele Gaiser vom Reutlinger Verein betont, die Hagelabwehr sei dort in den vergangenen Jahren immer wieder bei gewaltigen Gewitterzellen im Einsatz gewesen – und nach jedem dieser Einsätze habe es nicht oder nur wenig gehagelt.

Eine Regenfront mit dunklen Wolken zieht über Oberschwaben. Vielerorts im Südwesten sollen Hagelflieger helfen, Hagelschäden zu verhindern. Viele Wissenschaftler sehen das kritisch.

Felix Kästle/dpa

Im Nachhinein nicht überprüfbar

Aber liegt das an den Hagelfliegern? Oder hätte es ohnehin nicht gehagelt? Auch die Anhänger der Methode räumen ein, dass sich im Nachhinein nicht überprüfen lässt, wie sich eine Gewitterzelle ohne einen Hagelflieger verhalten hätte. Unter Laborbedingungen sei der Effekt der Eiskeime jedoch nachweisbar. Der Meteorologe Michael Kunz bestätigt das, sagt aber auch, im Labor könne man „keine Wolke mit ihren komplexen dynamischen und thermodynamischen Prozessen nachbilden“.

Wissenschaftlich betrachtet stößt die Hagelabwehr in der freien Natur gleich auf mehrere Probleme: Gewitterzellen können sich sehr schnell bilden, die Hagelflieger müssen deshalb in kürzester Zeit am richtigen Ort sein und dann die richtige Menge Silberjodid einbringen. Kunz verweist als Beispiel auf den Hagelsturm 2013 in Reutlingen, der zehn Kilometer breit, zehn Kilometer lang und fünf Kilometer hoch war. Der Forscher sagt: „Wenn man sich darin ein kleines Flugzeug vorstellt, kann man alleine aufgrund der Dimensionen praktisch ausschließen, dass es etwas ausrichten kann.“

Kann die Hagelabwehr den Hagel verstärken?

In der Schweiz wurde die mögliche Wirkung der Hagelabwehr bereits im 20. Jahrhundert in mehreren Großversuchen mit Raketen erforscht. Ein eindeutiger Effekt der Methode konnte nicht nachgewiesen werden. Inzwischen seien die Daten von damals noch einmal mit neuen statistischen Methoden analysiert worden, erklärt Kunz. „Das Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass das Impfen mit Raketen die Hagelenergie um den Faktor drei erhöht hat.“ Erhöht, nicht gesenkt. Der Forscher verweist allerdings darauf, dass auch dieses Ergebnis nicht verallgemeinert werden könne, „weil in den Versuchen mit Raketen geimpft wurde, nicht mit Flugzeugen“.

Möglich sei hingegen, vergangene Hagelstürme mit modernen Vorhersagemodellen am Computer nachzubilden und dann verschiedene Größen anzupassen. „Das Ergebnis dieser Simulationen, zum Beispiel für den Reutlinger Hagelsturm von 2013, ist relativ ernüchternd“, sagt Kunz: „Wenn man die Zahl der Eiskeime in der Simulation erhöht, wird der Hagel manchmal kleiner, manchmal aber auch größer.“ Ein systematischer Effekt lasse sich aus den Ergebnissen nicht ableiten.

Im Falle des Rems-Murr-Kreises haben Kunz und weitere Forscher überprüft, ob der Landkreis bei Schadenswerten, Radar- und Blitzdaten besser abschneidet als vergleichbare Regionen ohne Hagelabwehr. Relevante Unterschiede fanden die Wissenschaftler nicht. Er könne nicht nachvollziehen, „dass in einem hochregulierten Land wie Deutschland Wettermanipulationen mit unklarem Ausgang durchgeführt werden dürfen“, sagt der Meteorologe. „Und das ohne fundierte wissenschaftliche Untersuchungen.“