Krieg in der Ukraine, Inflation, Corona-Pandemie, Klimawandel: Die Vielzahl der sich überlappenden Krisen hat massive Auswirkungen auf die Gemütslage der Bevölkerung. Das zeigt die neueste Ausgabe des BaWü-Check, einer gemeinsamen Umfrage der baden-württembergischen Tageszeitungen. Demnach verharrt die Stimmung in der Bevölkerung seit April 2022 auf einem historischen Tiefstand: Aktuell sieht nur knapp jeder vierte Baden-Württemberger den kommenden zwölf Monaten mit Hoffnungen entgegen, knapp jeder Dritte dagegen mit ausgeprägten Befürchtungen, ebenso viele mit Skepsis.
Grafik Peters / Quelle: Allensbach Institut
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© Foto: Quelle: Allensbach Institut
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Sparen beim Urlaub, beim Essen

Zu schaffen machen den Menschen die Preissteigerungen. 70 Prozent fühlen sich durch die Inflation bei den Kosten für Benzin, Strom, Lebensmittel oder Heizen stark bis sehr stark belastet. Jeder Vierte empfindet die Lage sogar als besonders gravierend. Genauso viele stufen die Belastungen als moderat und lediglich vier Prozent für sich persönlich als geringfügig ein. In den unteren Einkommensgruppen fühlen sich 82 Prozent von den Steigerungen stark bis sehr stark belastet, in den höheren Einkommensgruppen 56 Prozent.
Eine Mehrheit schränkt sich infolge der Inflation bereits bewusst ein. So geben 53 Prozent der Befragten an, auf Autofahrten zu verzichten, um Sprit zu sparen. 51 Prozent reduzieren die Zahl der Restaurantbesuche, 48 Prozent kaufen weniger Kleidung, 44 Prozent geben weniger Geld für Urlaub und 43 Prozent für Lebensmittel aus. Ebenso viele drosseln ihren Stromverbrauch oder fahren ihre Freizeitaktivitäten zurück. Die unteren Einkommensschichten schränken sich überall weit überdurchschnittlich ein.
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Bürokratie als großes Ärgernis im Land

Großer Unmut hat sich über die Bürokratie angestaut. 83 Prozent der Baden-Württemberger klagen über die Regelungswut, die Hälfte der Bevölkerung hält die Bürokratie für ein wirtschaftliches Hemmnis. Nur 18 Prozent sehen das anders. 69 Prozent der Befragten geben an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren selbst negative Erfahrungen mit Ämtern oder Behörden gemacht hätten. Die Regelungswut stört die Bürger vor allem bei der Steuer (62 Prozent), in der Pflege (54 Prozent) und beim Bauen (52 Prozent).
Immerhin 46 Prozent halten es für möglich, dass in Deutschland Bürokratie in größerem Umfang abgebaut werden kann; fast ebenso viele äußern dagegen Bedenken. Dort, wo die Landesregierung den Abbau staatlicher Vorgaben plant – beim Ausbau von Windrädern und Stromtrassen – gibt es indes Vorbehalte: Nur 31 Prozent würden es begrüßen, wenn dafür die Auflagen beim Klima- und Umweltschutz gelockert würden, 39 Prozent sind dagegen. Auch den Vorschlag, für den Ausbau der Erneuerbaren die Bürgerbeteiligung einzuschränken, befürworten nur 31 Prozent, sogar 43 Prozent sind dagegen.
Grafik Peters / Quelle: Allensbach Institut
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© Foto: Quelle: Allensbach Institut
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Doch wie soll die Politik auf die enormen Herausforderungen reagieren? Wo muss in der Krise investiert werden, wo sollte aus Sicht der Bürger gespart werden? Auch zu diesen Fragen gibt die Umfrage Antworten. Die große Mehrheit der Baden-Württemberger fordert von der grün-­schwarzen Landesregierung in vielen Bereichen Mehrausgaben. Ganz oben auf der Anforderungsliste der Bürgerinnen und Bürger stehen dabei Gesundheitseinrichtungen und Schulen. Demnach halten 94 Prozent der Befragten stärkere Investitionen des Landes in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser oder Sozialstationen für notwendig. 91 Prozent wünschen sich zusätzliche Mittel für die Ausstattung von Schulen, 80 Prozent für den Ausbau von Straßen und Bahnstrecken. Jeweils drei Viertel dringen auf höhere Ausgaben für die Ausstattung der Polizei, für die Förderung von Forschungsvorhaben sowie für Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz.
Dagegen versucht Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Bürger seit Wochen darauf einzustimmen, dass die Verteilungsspielräume im anstehenden Doppeletat des Landes für 2023 und 2024 infolge der weltweiten Krisen kleiner werden. Er könne kein Geld herbeizaubern, sagte Kretschmann noch vor Veröffentlichung der Umfrage. „Ich habe keinen Geldscheißer im Staatsministerium wie im berühmten Märchen.“
Die Bevölkerung sieht indes nur wenige Bereiche mit Einsparpotenzial. Immerhin 78 Prozent der Befragten glauben, dass Baden-Württemberg bei großen Bauprojekten Geld einsparen könnte. Bei Kultureinrichtungen wie Theater und Museen können sich 63 Prozent Kürzungen vorstellen.

Die Umfrage der Tageszeitungen

Wie zufrieden sind die Menschen in Baden-Württemberg mit der Arbeit der Landesregierung? Werden die richti- gen Schwerpunkte gesetzt, wo wird nur geredet, wo wird tatsächlich gehandelt?
Das wollen die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer gemeinsamen Umfrage, dem BaWü-Check, genauer wissen und arbeiten dafür mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zusammen. Das IfD befragt viermal im Jahr im Auftrag der Tageszeitungen 1000 Menschen im Land, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten. Das IfD gehört zu den namhaftesten Umfrage-Instituten Deutschlands. Auf den Rat der IfD-Chefin Renate Köcher greifen Vorstandsvorsitzende, Regierungschefs und Verbände zurück.
Die gedruckten Tageszeitungen in Baden-Württemberg erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen die Leserinnen und Leser aufden reichweitenstarken Online-Portalen der Tageszeitungen.