Wahlpodium in Hechingen: Klare Ansage an Kandidaten: Wer bestellt, soll auch bezahlen

Beim Hechinger Podium zur Landtagswahl (von links): Moderator Marc-Oliver Dimpfel, Alexander Chukomin (Linke), Yannik Hummel (SPD), Cindy Holmberg (Grüne), Timm Kern (FDP), Manuel Hailfinger (CDU) und Moderatorin Lisa Slomka.
Lea Irion- Podium zur Landtagswahl in Hechingen: Debatte in der Stadthalle „Museum“, 125 Gäste
- Wehrpflicht erhitzt Gemüter: Grüne für „Jahr Dienst“, FDP notfalls dafür, Linke dagegen
- Bildung: FDP kritisiert Abschaffung Werkrealschulabschluss; Linke für längeres gemeinsames Lernen
- Integration: Grüne kritisieren Kürzungen; SPD für mehr Mittel; FDP betont Pflegebedarf
- Bürgermeister: Appell wählen zu gehen; „Wer bestellt, bezahlt – auch Schulmittagessen“
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Nach zwei Stunden intensiven Debattierens wurde es noch richtig emotional im mit 125 Menschen besetzten Europasaal der Hechinger Stadthalle: Ein Jungwähler trat als Allerletzter ans Saalmikrofon, äußerte Betroffenheit über die drohende Wehrpflicht und fragte mit belegter Stimme die Landtagskandidatin und die -kandidaten auf dem Podium, was sie denn davon hielten.

Eine Ausstellung mit KI-generierten Stadtbildern, die die Programme der einzelnen Parteien visualisieren, machte Lust auf die Debatte. Hier umlagern Gäste die SPD-Station mit dem Kandidaten Yannik Hummel (Mitte im weißen Pullover).
Lea Irion„Das hätte niemals über die Köpfe der jungen Menschen hinweg entschieden werden dürfen“, kritisierte die Grüne Cindy Holmberg den Kurs der schwarz-roten Bundesregierung. „Grundsätzlich“ sprach sie sich aber für „ein Jahr Dienst an der Gesellschaft“ aus – was der Vertreter des Koalitionspartners im Land, Manuel Hailfinger (CDU), bekräftigte. Für die Wehrpflicht, „wenn es nicht anders geht“, plädierte Timm Kern (FDP), weil man in der Lage sein müsse, „unsere Werte in Europa zu verteidigen“. Alexander Chukomin, der die erkrankte Linken-Kandidatin Luisa Lentini vertrat, hielt klar dagegen: Die Musterungspflicht komme einer „Militarisierung durch die Hintertür“ gleich. Dem besorgten jungen Mann am Mikrofon versicherte er: „Wir stehen an der Seite der jungen Leute, die das mehrheitlich nicht wollen.“ SPD-Kandidat Yannik Hummel versuchte zu beruhigen: Der Wehrdienst werde „sehr lange freiwillig bleiben, weil sich mehr junge Leute zum Dienst melden, als man denkt“.

Cindy Holmberg erläuterte, was ihr am dargestellten Stadtbild der Grünen gefällt – und was sie vermisst.
Lea IrionWirtschaft, Integration, Bildung, Gesundheit – die ganze Palette an landespolitischen Themen wurde an einem abwechslungsreichen Donnerstagabend im „Museum“ beackert. Veranstaltet wurde das Podium zur bevorstehenden Landtagswahl von der VHS Hechingen unter der Regie von Dr. Sarah Willner zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung und dem Volkshochschulverband Baden-Württemberg. Mit dabei als Kooperationspartner waren die Hohenzollerische Zeitung/Südwest Presse und der Schwarzwälder Bote, für die Julia Gern und Ernst Klett als Mitglieder der Redaktionsleitung Fragen von Leserinnen und Lesern übermittelten. Souverän moderiert haben den Abend Lisa Slomka und Marc-Oliver Dimpfel von der Reportageschule Reutlingen.

Julia Gern und Ernst Klett von der Redaktionsleitung von HZ, Südwest Presse und Schwarzwälder Bote übermittelten die eingesandten Leserfragen.
Lea IrionBürgermeister Philipp Hahn nutzte seine Begrüßungsansprache für einen Appell ans Publikum, sich an der Wahl am 8. März zu beteiligen: „Demokratie ist kein Zuschauersport. Sie lebt vom Mitwirken und vom Wählengehen.“ Beifall für die vier Kandidierenden und für den Ersatzmann von der Linken gab es nach deren Vorstellung, Applaus aus dem Publikum auch für die Nachricht, dass AfD-Kandidat Alexander Gräff seine Teilnahme kurzfristig zurückgezogen habe.

Christdemokrat Manuel Hailfinger setzte sich für eine Verschlankung des Staates und gegen Überregulierung ein: „Jedes zweite Gesetz könnte wegfallen.“
Lea IrionMit den Kandidaten persönlich ins Gespräch gekommen waren viele Gäste schon beim Rundgang durch eine Ausstellung der Landeszentrale für politische Bildung. Schautafeln zeigten KI-generierte Stadtbilder, auf denen die Wahlprogramme der Parteien visuell umgesetzt wurden. Diese boten einen willkommenen Einstieg in die Diskussion: Warum stehen Windräder nur auf den Bildern der SPD und der FDP, nicht aber bei den Grünen? Cindy Holmberg vermutete: „In unserem Wahlprogramm spielen Windräder gar keine große Rolle mehr. Wir haben den flächendeckenden Bau ja schon in Gang gebracht.“ Und warum schweben Drohnen über dem CDU-Stadtbild? Manuel Hailfinger tippte auf „Videoüberwachung“, lag aber falsch: Moderne Transportdrohnen waren damit gemeint. Gleichermaßen erhellend wie abstoßend wirkte auf viele Betrachter der militarisierte Stadtraum auf dem AfD-Bild.
Sozialdemokrat schwäbelt los
Frühe Sympathiepunkte im Publikum sammelte der in Hechingen noch wenig bekannte SPD-Kandidat, der 27-jährige Yannik Hummel aus Römerstein, mit „Gradraus“-Antworten ohne Politikersprechblasen, die er gerne auch auf Schwäbisch gab. Zum Beispiel bei der Leserfrage, was gegen die „ungerechte Grundsteuer in Baden-Württemberg“ zu tun sei. „Einfach ein bisschen murksig“ nannte Hummel das im Ländle angewandte Modell. Christdemokrat Manuel Hailfinger schob dem grünen Finanzminister den Schwarzen Peter zu. Ja, die Steuer sorge für eine „große Umverteilung innerhalb der Städte“ und sei „bei weitem nicht so gerecht“ wie erhofft. Im selben Atemzug kritisierte Hailfinger den für die Bodenrichtwerte zuständigen Gutachterausschuss Hohenzollern. Dort habe er nicht mal einen Termin bekommen.

FDP-Kandidat Timm Kern kritisierte die Bildungspolitik der amtierenden Landesregierung.
Lea IrionEine grüne Retourkutsche in Richtung Schwarz-Rot setzte Cindy Holmberg beim Thema Integration. Dass die Bundesregierung die Mittel für die Integrationskurse gekürzt hat, nannte sie „eine Katastrophe“. Einwanderung, so Holmberg, biete ein Riesenpotenzial: „Wir brauchen die Menschen.“ Das bekräftigte auch der Liberale Timm Kern: Ohne Zugewanderte könnte man „in der Pflege den Laden dichtmachen“. Yannik Hummel betonte, die Haltung der Landes-SPD unterscheide sich da „g'walttätig“ von der Bundes-SPD. Es brauche mehr Geld für die Integration. „Dann haben wir deutlich weniger Probleme.“

Gruppenbild der Debattenmacherinnen und -macher (von links): Alexander Chukomin (Linke), Yannik Hummel (SPD), Cindy Holmberg (Grüne), VHS-Leiterin Dr. Sarah Willner, Dr. Timm Kern (FDP), Manuel Hailfinger (CDU), die Moderatoren Marc-Oliver Dimpfel und Lisa Slomka, Redaktionsleiterin Julia Gern, Bürgermeister Philipp Hahn und Redaktionsleiter Ernst Klett.
Lea IrionDie Debatte über Bildungspolitik war ein Heimspiel für den promovierten Studienrat Timm Kern. Mit der amtierenden Landesregierung, die den Werkrealschulabschluss abgeschafft hat, ging er hart ins Gericht. Bei der Wahl am 8. März werde sich nun entscheiden, ob die Realschule noch eine Zukunft habe. Ein Bildungssystem auf nur noch zwei Säulen wäre für ihn „eine dramatische Verarmung“. Der Linke Alexander Chukomin plädierte derweil für eine Ausweitung der Gesamtschule und gegen Selektion nach Klasse vier: „Wir müssen die Kinder länger gemeinsam lernen lassen.“ In der Kritik daran, dass Referendare in den Sommerferien in eine sechswöchige Arbeitslosigkeit entlassen werden, fand sich auf der Bühne eine rot-gelbe Koalition. Kern legte noch einen drauf: Das missratene Werbeplakat „Kein Bock auf Arbeit? Werde Lehrer!“ zeigt für ihn, „wie diese Landesregierung mit Lehrern umgeht“.

Alexander Chukomin vertrat die erkrankte Linken-Kandidatin Luisa Lentini. In der Bildungs- und Gesundheitspolitik plädierte er für mehr soziale Gerechtigkeit.
Lea IrionEine Übereinstimmung zwischen Linken und CDU (!) identifizierte Chukomin darin, „dass man Steuereinkünfte direkter an die Kommunen weiterleiten könnte“. Bei einer besseren Finanzausstattung der Städte und Gemeinden wären vielleicht auch die von Linken und SPD geforderten kostenlosen Kitas und ein Gratis-Schulmittagessen zu bezahlen.

Hechingens Bürgermeister Philipp Hahn rief zur Beteiligung an den Wahlen auf: „Demokratie ist kein Zuschauersport“
Lea IrionBürgermeister Philipp Hahn griff solche Forderungen in seinem Schlusswort auf. Sein Wunsch an die Politiker: „Wer bestellt, der bezahlt – auch das Mittagessen an den Schulen.“
