Schwörmontag Ulm 2024: Ich schwör! Was es mit der Schwörrede auf sich hat

Die Hand mit drei Fingern erhoben – so schwört der Ulmer Oberbürgermeister am Schwörmontag.
Volkmar Könneke/Archiv„Alda, wallah, ich schwör!“ – Wenn Jugendliche oder junge Erwachsene ihren Worten Nachdruck verleihen wollen, fällt oft der Ausdruck. Insofern wirkt ein Schwur ja schon fast modern.
Der jährliche Schwur des Ulmer Oberbürgermeisters hat aber eine jahrhundertealte Tradition. Er geht zurück auf Zeiten, als Deutschland noch keine Demokratie war. Ulm war damals „Freie Reichsstadt“ und keinem Lehnsherren unterstellt, wie viele kleinere Städte und Dörfer. Doch in Ulm selbst hatten immer noch Patrizier das Sagen. Diese Mitglieder der wohlhabenden Oberschicht bildeten den Rat der Stadt – sehr zum Unmut der zahlreichen Handwerker-Zünfte. Diese wollten bei der Gestaltung Ulms ebenfalls mitreden. Es kam zu teilweise bürgerkriegsartigen Aufständen mit Verletzten und sogar Toten.
Zünfte wollten mitentscheiden in der Stadt
1345 schließlich räumt der Rat der Stadt den Zünften ein Mitspracherecht ein, sie erhalten mit 17 von 31 Sitzen sogar die Mehrheit im Rat. Nach politischen Unruhen im Jahr 1376 bauen die Zünfte ihre Macht aus. 1397 folgt der Große Schwörbrief. Er setzt neben dem bisherigen Rat einen weiteren „Großen Rat“ ein, von dessen 40 Mitgliedern 30 aus den Zünften stammen.

Ulm, der Große Schwörbrief von 1397: "Wir, der Burgermeister, der Raute, vnd alle Burger gemainlich Rich vnd arme der Statt zu Vlme, veriehen offenlich für alle vnser nachkommen mit disem brieffe, vnd tugen kunt allermenglich...". So beginnt der Große Schwörbrief der Stadt Ulm.
ArchivJedes Jahr schwörten alle Ulmer – den damaligen Gepflogenheiten entsprechend nur die Männer – auf diese hart erkämpfte Einigung. Der jährliche Schwur sollte die Stadtgesellschaft zusammenschweißen und sie an ihre Versprechen erinnern: gegenseitiger Schutz, Treue, Wahrung des inneren Friedens und die Einhaltung der städtischen Verfassung.
Während erneuter politischer Umbrüche Anfang des 16. Jahrhunderts war der Schwörbrief eine Zeitlang außer Kraft: Kaiser Karl V. ließ 1548 in Ulm die Zünfte verbieten und setzte wieder einen Rat ein, der von Patriziern dominiert wurde. Schon zehn Jahre später gab es aber einen neuen Schwörbrief, Zünfte waren wieder erlaubt.

Die „Ulmer Erklärung“ bezieht sich auf die Schwörformel des Schwörbriefs. Teil eins des Großen Schwörbriefes ins Überdimensionale gesteigert: So hängt er 3,20 auf 5,70 Meter groß im kleinen Sitzungssaal. Günther Uecker schuf das Werk aus Tusche, Ruß und Leim zum Schwörbrief-Jubiläum 1997.
Maria MüssigKleines Kuriosum am Rande: Am Schwörmontag herrschte für die Ulmer Anwesenheitspflicht. Während des Akts durfte niemand die Stadt verlassen. Das Stadtarchiv berichtet davon, dass der Schwur Anfang des 18. Jahrhunderts extra auf den Vormittag vorverlegt wurde. „Aus Langeweile waren viele zum Zeitpunkt des Schwurs bereits so betrunken, dass sie nicht mehr ,schwörfähig‘ waren. Daher verlegte der Rat 1707 den Schwörakt um zwei Stunden vor auf 10 Uhr am Vormittag. Bis dahin galt ein absolutes Alkoholverbot“, heißt es auf der entsprechenden Seite der Stadt Ulm.
Schwör-Pause nach dem Zweiten Weltkrieg
Heute freilich schwört nur noch einer – und zwar der Ulmer Oberbürgermeister, die Feier beginnt um 11 Uhr. Die Schwörrede ist sein jährlicher Rechenschaftsbericht an die Ulmer Bürger. Diese Tradition hatte sich im Laufe der Zeit herausgebildet. Der OB blickt auf das vergangene Jahr zurück, rechtfertigt sich vor seinen Bürgern und spricht auch aktuelle Herausforderungen an.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Schwörrede vor allem dazu genutzt, die nationalsozialistischen Ziele und politischen Programme zu betonen und die Bürger zur Unterstützung des Regimes aufzurufen. Die Nationalsozialisten verstanden die Schwörrede als Treuegelöbnis zwischen „Führer und Gefolgschaft“. Nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete der neue OB Robert Scholl auf den Schwörakt. Sein Nachfolger, Theodor Pfizer, führte ihn 1949 wieder ein.
Dieses Jahr feiert der neue Ulmer OB Martin Ansbacher seine Premiere, der im März nach sechs Jahren Gunter Czisch auf dem Posten ablöste. Zum ersten Mal wird der SPD-Politiker dieses Ulmer Ritual durchführen. Am Ende der Rede schwört der Oberbürgermeister dann immer einen uralten Eid, nämlich „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt.“ Dabei hebt er die Hand zum Schwur und streckt drei Finger in die Luft – die wohl berühmteste Geste des Schwörmontags. Der Satz unterstreicht die Verpflichtung des OB, unparteiisch zu handeln und gleiche Chancen und Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten.
Parallel zum Schwur ertönt vom Münster die Schwörglocke. Sie wird nur an diesem höchsten Ulmer Feiertag geläutet.
Alle machen sich schick für die Feier
Die Schwörfeier auf dem Weinhof ist der eigentliche Kern des Ulm Stadtfeiertags, repräsentiert sie doch die Werte der Stadt: Solidarität der Politik mit allen Bürgern, unabhängig von ihrem Einkommen und ihrer Stellung. Dementsprechend lässt sich dort auch das Who is Who der Stadtgesellschaft sehen, Vertreter aus Politik und Wirtschaft sitzen neben interessierten Bürgern, viele machen sich extra schick für den Tag. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Rede unter freiem Himmel stattfindet: Hüte gehören dabei zum modischen Must-have. Ob die neue „First Lady“ Ulms, Franziska Ansbacher, diesen Trend mitmacht? Während man Susanne Schwarzkopf-Gönner auch mal ohne Kopfbedeckung sah, war Sigrid Czisch meist gut „behütet“ auf der Schwörfeier.

Die früheren First Ladies von Ulm, Sigrid Czisch (links, 2023) und Susanne Schwarzkopf-Gönner (rechts, mit ihrem Mann Ivo 2019) mit und ohne Hut bei den Schwörfeierlichkeiten
Lars Schwerdtfeger, Volkmar Könneke; ArchivSehr bekannt für ihre ausgefallenen Hüte ist die frühere Wiblinger Stadträtin Helga Malischewski. Auch für sie ist die diesjährige Schwörfeier eine Premiere: Denn sie trat bei der Gemeinderatswahl nicht mehr an und ist damit zum ersten Mal seit 40 Jahren nicht mehr in „offizieller Mission“ bei der Schwörfeier dabei.
Übrigens: Wer die Schwörrede live mitverfolgen will, muss gar nicht auf den Weinhof gehen. Seit einigen Jahren überträgt die Stadt die Feier ab 11 Uhr live auf www.ulm.de. Auch eine Übersetzung in Gebärdensprache wird eingeblendet. Die Feier wird auch auf den städtischen Facebook-Kanal und dem Youtube-Kanal gestreamt.
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