Was Experten raten: Plastische Chirurgie
: Botulinumtoxin neu gedacht

AnzeigeDr. Simon Bauknecht erklärt, warum Botulinumtoxin in der modernen Medizin weit über die Ästhetik hinaus eine Rolle spielt – im Spannungsfeld von Funktion, Ästhetik und plastisch-chirurgischer Medizin.
Von
Julika Nehb
Ulm
Dr. Tobias Moeller und Dr. Simon Bauknecht im OP.

Dr. Tobias Moeller und Dr. Simon Bauknecht im OP.

⇥Foto: Marc Hörger​

Herr Dr. Bauknecht, bei „Botox“ denkt man an Stars mit spiegelglatter Stirn. Warum ist der Wirkstoff für die Spitzenmedizin interessant?

Simon Bauknecht: Botulinumtoxin ist in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf ästhetische Anwendungen reduziert, tatsächlich ist es seit Jahren ein etabliertes Medikament der modernen Medizin. Für uns ist es vor allem ein funktionelles Therapiekonzept, mit dem sich gestörte Abläufe gezielt beeinflussen lassen. Es wirkt an der Schnittstelle zwischen Nerv und Gewebe, indem es die Signalübertragung vorübergehend dämpft. Dadurch lassen sich überaktive Muskeln beruhigen, Schmerzen beeinflussen und in ausgewählten Situationen auch regenerative Prozesse begünstigen. Ein Teil dieser Effekte lässt sich durch neuroimmunologische Mechanismen erklären: Botulinumtoxin kann die Freisetzung bestimmter Nervenbotenstoffe hemmen, die an Schmerz und Entzündung beteiligt sind. Auf diesem Weg lassen sich lokale Entzündungsprozesse indirekt modulieren. Auch die Durchblutung kann sich in bestimmten Situationen verbessern – nicht durch eine direkte Wirkung auf die Gefäße, sondern über deren nervale Steuerung. Die Wirkung ist dabei zeitlich begrenzt und gut steuerbar. Entscheidend ist weniger der Wirkstoff selbst als vielmehr die präzise Indikationsstellung und die Erfahrung in der Anwendung.

In unserem klinischen Alltag beschäftigen wir uns täglich mit komplexen rekonstruktiven Fragestellungen – etwa nach schweren Verletzungen, bei Tumorerkrankungen oder im Rahmen mikrochirurgischer Eingriffe und Extremitätenrekonstruktionen. Gleichzeitig führen wir ein breites Spektrum plastisch-ästhetischer Operationen durch, beispielsweise im Bereich von Straffungs- und Reduktionseingriffen. Beide Bereiche folgen denselben Prinzipien: einem präzisen Verständnis von Anatomie, Gewebe und insbesondere der kleinsten Gefäß- und Nervenstrukturen. Vor diesem Hintergrund ergibt sich auch unser Zugang zu Botulinumtoxin – nicht primär aus der Ästhetik heraus, sondern aus dem Verständnis funktioneller Zusammenhänge. Kennt man diese, lässt sich der Wirkstoff gezielt einsetzen – sowohl im funktionellen als auch im ästhetischen Kontext.

Welche Qualifikationen sollten Ärztinnen und Ärzte mitbringen, um mit dem Wirkstoff umzugehen?

Eine fundierte Kenntnis der Anatomie – insbesondere der komplexen Zusammenhänge von Nerven, Muskeln und Gefäßen – ist die zentrale Voraussetzung. Die Anwendung von Botulinumtoxin ist kein isoliertes Verfahren, sondern Teil eines umfassenden Verständnisses von Funktion und Gewebe. Diese Grundlagen werden im Rahmen der fachärztlichen Weiterbildung vermittelt und durch strukturierte Fortbildungsprogramme innerhalb des Fachgebiets gezielt vertieft. Entscheidend ist die sichere individuelle Indikationsstellung und eine präzise Anwendung – gerade im Gesichtsbereich, wo kleinste Unterschiede eine große Wirkung haben können. Im Gespräch mit den Patientinnen und Patienten legen wir – auf Grundlage einer sorgfältigen funktionellen und ästhetischen Analyse – großen Wert auf realistische Erwartungen und natürliche Ergebnisse.

Dr. Simon Bauknecht im OP mit seinen Kollegen Prof. Martin Mentzel und Dr. Tobias Moeller

Dr. Simon Bauknecht im OP mit seinen Kollegen Prof. Martin Mentzel und Dr. Tobias Moeller

Marc Hörger

Und wann wird Botulinumtoxin therapeutisch eingesetzt?

Botulinumtoxin wird in der Medizin seit vielen Jahren in klar definierten Indikationen eingesetzt, beispielsweise bei chronischer Migräne oder bei muskulären Dysbalancen wie dem Bruxismus. Für diese Anwendungsgebiete existieren etablierte Behandlungskonzepte und evidenzbasierte Therapieschemata. Darüber hinaus sehen wir im klinischen Alltag häufig funktionelle Zusammenhänge zwischen muskulärer Aktivität, Schmerz und auch ästhetischen Veränderungen. So berichten Patientinnen und Patienten mit ausgeprägter mimischer Spannung nicht selten auch über begleitende Beschwerden wie Spannungskopfschmerzen, die sich unter der Behandlung bessern können. Auch neurobiologische Effekte auf die Schmerzverarbeitung sind Teil aktueller Forschung und müssen differenziert eingeordnet werden. Entscheidend ist daher eine sorgfältige individuelle Einordnung der Beschwerden und – gerade im universitären Kontext – die interdisziplinäre Abklärung, um eine sinnvolle und sichere Therapieentscheidung treffen zu können.

Inwiefern kann der „Lähmungseffekt“ noch eingesetzt werden?

Über den klassischen Einsatz hinaus nutzen wir Botulinumtoxin zunehmend auch im Rahmen funktioneller handchirurgischer Fragestellungen, derzeit insbesondere im Kontext klinischer und wissenschaftlicher Arbeiten. Ein Ansatz besteht darin, gezielt muskuläre Dysbalancen zu modulieren, die zu einer veränderten Belastungssituation im Handgelenk beitragen können. Durch die vorübergehende Reduktion der Muskelaktivität lässt sich in ausgewählten Fällen eine funktionelle Entlastung erreichen. Diese Phase kann handtherapeutisch genutzt werden, um stabilisierende Muskelgruppen gezielt zu trainieren und langfristig eine bessere muskuläre Balance zu erreichen. Dies kann dazu beitragen, die Notwendigkeit invasiver operativer Maßnahmen zu reduzieren – wenngleich solche Ansätze sorgfältig geprüft und individuell bewertet werden müssen.

Botox kann also dabei helfen, drastische Operationen zu verhindern?

In ausgewählten Fällen – durchaus. Botulinumtoxin kann dazu beitragen, funktionelle Beschwerden so zu beeinflussen, dass invasive Maßnahmen hinausgezögert oder in Einzelfällen vermieden werden können. Dies betrifft speziell Situationen, in denen eine gestörte nervale Regulation von Gefäß- und Muskelaktivität zu Schmerzen oder Durchblutungsproblemen führt. Durch die Modulation dieser Mechanismen lässt sich in bestimmten Konstellationen eine Verbesserung der Durchblutung bzw. eine Reduktion der Schmerzsymptomatik erreichen. Entscheidend bleibt dabei eine sorgfältige individuelle Indikationsstellung und die Einbettung in ein strukturiertes therapeutisches Gesamtkonzept. Gerade im universitären Kontext ist es uns zudem ein Anliegen, neue Ansätze wissenschaftlich zu untersuchen und ihre Rolle im Behandlungsspektrum differenziert einzuordnen.

Dr. med. Simon Bauknecht

ist Facharzt für Hand-, Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Orthopädie und Unfallchirurgie. Sein Schwerpunkt liegt in der Hand- und Plastischen Chirurgie, ergänzt durch das breite Spektrum der Ästhetischen Chirurgie. Er ist Oberarzt an der Klinik für Unfall-, Hand-, Plastische und Wiederher- stellungschirurgie, Ärztlicher Leiter: Prof. Dr. med. Florian Gebhard, Sektion für Hand-, Plastische und Mikrochirurgie (Leiter: Prof. Dr. med. Martin Mentzel) am Universitätsklinikum Ulm. Neben seiner klinischen Tätigkeit ist er in Forschung, Lehre und interdisziplinärer Zusammenarbeit tätig und entwickelt Behandlungskonzepte für die klinische Praxis.

Universitätsklinikum Ulm

Muskuloskeletales Zentrum

Albert-Einstein-Allee 23

89081 Ulm

Tel.: 0731 / 500 54507

simon.bauknecht@uniklinik-ulm.de