Was Experten raten: Die Patientensicherheit hat das höchste Gebot

Prof. Rottbauer: „Interventionelle Eingriffe am Herzen brauchen Klinikstrukturen und ein Herzteam.“
Nadeem Art - stock.adobe.comEin Kathetereingriff am Herzen, ambulant durchgeführt – und der Patient geht bequem am selben Tag nach Hause. Was auf den ersten Blick nach medizinischem Fortschritt klingt, liegt nach Einschätzung von Prof. Dr. Wolfgang Rottbauer, Ärztlicher Direktor der Kardiologie und des Herzzentrums am Universitätsklinikum Ulm, nicht im gesundheitlichen Interesse der Patienten. „Sorgfalt und Sicherheit in der Behandlung von Herzpatienten sind in Gefahr! Die Ambulantisierung der Herzmedizin hat ihre Grenzen längst erreicht“, sagt der Kardiologe. „Diagnostik am Herzen – gerne auch ambulant. Operative oder interventionelle Herzkatheter-Eingriffe am Herzen aber keinesfalls ambulant.“
Hintergrund ist eine Neuerung im Abrechnungssystem – sogenannte Hybrid-DRGs – die es Krankenhäusern und Arztpraxen erlauben, bestimmte interventionelle Herzeingriffe – etwa die Verödung von Herzrhythmusstörungen (Ablation) – ambulant zu erbringen. Das schaffe jedoch einen finanziellen Anreiz, Patienten im Krankenhaus noch am selben Tag zu entlassen oder diese Eingriffe gar in einer Praxis ohne stationäre Überwachungsmöglichkeit und interdisziplinäre Notfallstrukturen auf Kosten der Patientensicherheit durchzuführen. Rottbauer hält diese vom Gesetzgeber angestoßene Entwicklung in zweierlei Hinsicht für problematisch. „Zum einen ist eine derartige Form der Ambulantisierung von Herzkathtereingriffen – wie von der Gesundheitspolitik oft pauschal für ambulante Leistungen dargestellt – nachweislich nicht wirtschaftlicher. Wirtschaftlich ist eine Leistung in der Medizin nur dann, wenn sie so effizient und komplikationsvermeidend wie möglich, aber auch so sicher und nachhaltig wie möglich durchgeführt wird.“ Zum anderen seien Herzkathetereingriffe, im Gegensatz zu vielen anderen Eingriffen die gut ambulant durchführbar sind, etwa an den Zähnen oder den Gelenken, stets mit lebensbedrohlichen Risiken verbunden und bedürften gerade deshalb einer ausreichenden Überwachung durch ein spezialisiertes, interdisziplinäres Herzteam.
Rottbauer nennt ein Beispiel: Ein Patient leidet an Vorhofflimmern, einer weitverbreiteten Herzrhythmusstörung, die zwar Lebensqualität und Leistungsfähigkeit einschränkt, aber nicht zwangsläufig einer Notfallbehandlung bedarf. Werde dieser Patient nun – wie jetzt vom Gesetzgeber vorgeschlagen – ambulant und hoch-invasiv mittels Katheterablation behandelt, nehme man billigend in Kauf, dass bekannte, lebensbedrohliche Komplikationen nicht mehr systematisch überwacht werden (im Regelfall treten Herzkatheterkomplikationen innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Eingriff auf) und ein interdisziplinäres Notfallteam bereit stehe.
Genau hier liege die Krux, so Rottbauer: „In unserem zertifizierten Vorhofflimmerzentrum führen wir pro Jahr mehr als 800 dieser Ablationen durch. Während und nach einer Ablation können lebensbedrohliche Komplikationen auftreten, wenn auch selten. Während der Überwachungsphase können wir diese rechtzeitig erkennen und dann sofort behandeln. Würde derselbe Patient jedoch bereits am selben Tag nach Hause entlassen, können derartige Komplikationen tödlich enden. Das ist nicht akzeptabel.“
Interventionelle Eingriffe am Herzen nur in Klinikstrukturen
„Kommt es bei uns am Herzzentrum während eines Kathetereingriffs zu Komplikationen, ist der Herzchirurg sofort verfügbar. Das spart wertvolle Zeit, die im Zweifel über Leben und Tod entscheidet, denn der Patient muss nicht erst verlegt werden.“ Für risikobehaftete kardiologische Eingriffe – und das sind die meisten kardiologischen Eingriffe – gelte in seiner Klinik ein klarer Grundsatz: Ablationen werden grundsätzlich nicht ambulant durchgeführt. Es gehe nicht darum, jede ambulante Versorgung infrage zu stellen, sondern darum, klar zu benennen, wo ihre medizinisch sinnvollen Grenzen liegen.
Dieser Anspruch auf maximale Sicherheit zeigt sich auch daran, dass Rottbauer die Zertifizierung des Herzzentrums als „Cardiac Arrest Center“ (eine Spezialisierung einer Klinik für die Versorgung eines Herz-Kreislauf-Stillstands) auf den Weg gebracht hat. Denn im Notfall ist oft unklar: Steckt ein Herzinfarkt dahinter, eine Hirnblutung, ein Schlaganfall oder eine gerissene Hauptschlagader? Das Cardiac Arrest Center bündelt deshalb von der ersten Minute an mehrere Fachdisziplinen – Kardiologie, Neurologie, Neurochirurgie, Radiologie, Anästhesie und Rettungsdienst –, damit die Ursache so schnell wie möglich gefunden und interdisziplinär bestmöglich behandelt werden kann.
Herzklappe aus Ulm auf dem Weltmarkt
Ein Beispiel dafür, wie sich universitäre Forschung ganz konkret auszahlt, liefert die Kardiologie des Universitätsklinikums Ulm mit einer neuen Entwicklung: Gemeinsam mit dem französischen Unternehmen HighLife hat das Team des Herzklappen-Zentrums um Professor Rottbauer die Entwicklung eines kathetergestützten Mitralklappenersatzes über Jahre in klinischen Studien erprobt. Inzwischen ist das Verfahren in Deutschland und Europa zugelassen und wird in verschiedenen Zentren als Standardtherapie eingeführt. In den USA laufen die Zulassungsstudien. Für Rottbauer der Beleg, dass sich klinische Forschung lohnt. „Es ist der Traum eines jeden Forschers: Man hat eine Idee, die die Behandlung von Herzpatienten verbessert, die Idee wird zum Prototyp, in diesem Fall eine Mitralklappe, die per Herzkatheter am schlagenden Herzen eingesetzt werden kann. Diese wird in klinischen Studien getestet – und zunächst glaubt kaum jemand, dass es funktioniert. Irgendwann hat man dann aber so viele Daten gesammelt, dass bewiesen ist, dass es funktioniert – die Sicherheit des Produkts ist zu 100 Prozent belegt“, beschreibt er den Weg von der Idee bis zur zugelassenen Therapie – auch „translationale Forschung“ genannt.
Translationale Forschung ist neben der Exzellenz in der Patientenversorgung und der Ausbildung von Medizinstudenten und Ärzten Kernauftrag der Universitätskardiologie: „Unsere Hauptaufgabe ist es, Forschung, Lehre und Krankenversorgung im Dreiklang auf höchstem Niveau abzubilden. Wenn wir immer nur das machen würden, was andere auch machen, werden wir unserem Auftrag als Forschungseinrichtung nicht gerecht.“
Das inzwischen weltweit vertriebene Herzklappenersatzsystem sei ein greifbares Beispiel dafür, dass aus universitärer, kardiologischer Forschung reale, messbare medizinische Fortschritte entstehen – von denen letztlich Patientinnen und Patienten weit über Ulm hinaus profitieren.
Tag der offenen Tür am Universitären Herzzentrum Ulm
Am 13. September erhalten Interessierte wieder Einblick in Bereiche, die im Klinikalltag sonst verschlossen bleiben: Führungen durch das Katheterlabor, die Notfallstruktur, die Intensivmedizin und die Herz-Lungen-Maschine sind geplant. Transparenz, die bei interessierten Menschen sicherlich gut ankommt. „Alle sind herzlich zum Blick hinter die Kulissen eingeladen: Herzmedizin hat so viel Spannendes zu bieten!“

Prof. Dr. med. Wolfgang Rottbauer
ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Kardiologie, Angiologie und Pneumologie, Internistische Intensivmedizin, Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm.
Er ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin, Herz-MRT und die Behandlung von angeborenen Herzfehlern. Neben seiner täglichen klinischen Arbeit als Herzspezialist auf der Chest-Pain-Unit, den Herzstationen, der internistischen Intensivstation und den Herzkatheterlaboren ist die klinische und experimentelle Herzforschung seine Herzensangelegenheit. Seit 1998 forscht er an Zebrabärblingen als Modell für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Er ist mit der Masterplanung des 2022 gegründeten Universitären Herzzentrums Ulm betraut.

Universitäres Herzzentrum Ulm
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