Sonderveröffentlichung: 7. Ulmer Denkanstöße - 12. bis 15. März 2014 Zwischen Glück, Spaß und Sinnsuche

HILMAR PFISTER 08.03.2014
Wann ist Schluss mit Superlativen? Wann hält unsere Erlebnisgesellschaft inne? Fachleute und Philosophen suchen bei den 7. Ulmer Denkanstößen ab 12. März nach Antworten.
Friedrich Nietzsche charakterisierte den modernen Menschen als dauerhungrigen Erlebnisjäger. So gesehen sind wir alle Jäger. Rastlos, nie innehaltend, von einem Event zum nächsten hetzend. Und der Spaß steht dabei immer ganz oben auf der Prioritätenliste. Es war der Soziologe Gerhard Schulze, der eine umfassende Theorie der Erlebnisgesellschaft konzipierte. Schulze fand heraus: Es geht dabei nicht um den Erwerb von Gütern, sondern in erster Linie um die Suche nach subjektiver Befriedigung. Der Erlebnismarkt boomt und jede Veranstaltung wird zum Event.

Ein Wertewandel ist im Gange
Ihren Superlativ erfährt die Erlebnisgesellschaft in der Spaßgesellschaft. Das Motto: Immer Spaß haben, immer gut drauf sein. Doch wohin soll die Jagd nach dem Glück führen? „Ich beobachte einen Wertewandel in der Gesellschaft, von Quantität hin zu mehr Qualität, weniger ist mehr, Werte wie Freundschaft, Verantwortung und Spiritualität werden wichtig. Die Philosophie macht Front gegen die Diktatur des Glücklichseins“, sagt Renate Breu­ninger, Geschäftsführerin des Humboldt-Studienzentrums der Uni Ulm. Das Studienzentrum veranstaltet die Ulmer Denkanstöße gemeinsam mit der Stadt Ulm, mit Unterstützung der Stiftung Kunst und Kultur der Sparda-Bank Baden-Württemberg. Renate Breuninger hält es für eine bedenkliche Entwicklung, wenn Menschen noch am Abend, nach der Arbeit, gedanklich nicht abschalten können, „wenn wir abends, wenn wir eigentlich Zeit zur Muße hätten, den Laptop rausholen und E-Mails checken.“ Sie selbst habe sich dazu gezwungen, ebendies nicht mehr zu tun. „Das ist ein Gewinn für mich. Dann lese ich die Zeitung oder höre Radio, genieße ein Glas Wein und genau hier entwickeln sich statt Flucht in die Zerstreuungen Kreativität, Inspiration und neue Möglichkeiten“, sagt sie. Neue Lebensqualität, die auch Iris Mann, Ulms Bürgermeisterin für die Fachbereiche Kultur, Bildung und Soziales, für erstrebenswert hält. „Abends, bei einem Spaziergang und dem Blick übers Land kann ich auch entspannen“, sagt sie. Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von Zeitdruck und Terminstress. Doch dies bedeute nicht, dass sie unglücklich sei, bemerkt Iris Mann. „Ich kann auch Glück empfinden, wenn eine Besprechung positiv verläuft.“ Im Übrigen könne auch das Ausbleiben von Zeitdruck und Stress ins Unglück führen, sagt sie. Dann, wenn ein Mensch seine Arbeit verliert und nichts mehr zu tun hat. Spürt sie einen Zwang zum Glück, der sich in der Gesellschaft breitmacht? „Die gesellschaftliche Anerkennung ist oft gekoppelt an eine positiv-glückliche Haltung“, ergänzt Mann. Wer nicht durchgehend gut drauf sei und vor Elan sprühe, werde oft pathologisiert. Da komme schnell der Verdacht einer psychischen Erkrankung auf. Trotz des Fragezeichens im Veranstaltungstitel „Zwang zum Glück?“: Die Ulmer Denkanstöße sollen nicht zu einer eindeutigen Antwort führen. Können sie auch nicht. Denn jeder definiert Glück auf seine Weise. „Durch unsere zahlreichen Aktivitäten im Sozial- und Kulturbereich sorgen wir für dauerhaftes Glück unter Jugendlichen und Erwachsenen“, sagt Martin Hettich, Vorstandsvorsitzender der fördernden Sparda-Bank Baden-Württemberg, „die direkte Hilfe vor Ort ist für uns als regional verwurzelte Genossenschaftsbank sinnstiftend und nicht zweckdienlich.“

Das Streben nach Lebensqualität
Den Eröffnungsvortrag der Ulmer Denkanstöße am Donnerstagabend hält Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Ordinarius für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und ehemaliger Kulturstaatsminister. Das vielfältige Programm bereichern auch Fachleute aus Kunst und Kultur wie Christoph Köck, der Direktor des Hessischen Volkshochschulverbands und der deutsch-österreichische Journalist Wolf Lotter. Weitere prominente Redner bei den 7. Ulmer Denkanstößen sind unter anderem der Literaturkritiker Hellmuth Karasek und der Musiker und Extremsportler Joey Kelly.
 


Wenn Glück zum Suchtmittel wird

Experten raten zu mehr Bescheidenheit
 
Wie viel Glück benötigen wir am Tag? Und was geschieht, wenn wir eine Überdosis davon abbekommen? Fragen, mit denen sich Philosophen noch immer auseinandersetzen.

Mein Haus, mein Auto, meine Yacht – wenn erfolgreiche Geschäftsleute zusammensitzen, dann gehört Prahlen oftmals zum guten Ton. Wer hat mehr Besitz zu bieten? Wer kann die neuesten technischen Errungenschaften vorweisen? Wer hat das dickste Auto? Für diese Geschäftsleute gehört all das zum Glück. Leicht nachzumessen in Größe, Breite, Höhe. „Glück lässt sich nicht quantifizieren“, sagt hingegen Annemarie Pieper, Ordinaria am Jaspers-Lehrstuhl der Universität Basel. Für sie hängt Glück viel eher zusammen mit der persönlichen Freiheit eines jeden Einzelnen. Denn ist die gegeben, dann steigt die Chance auf Glück beträchtlich. „Jeder ist seines Glückes Schmied“: Diese Redensart verwendet die Philosophin gerne. Denn darin enthalten sei die Selbstbestimmung, sagt sie. Und die sei entscheidend für das Glück: „Es ist das, was wir unter Autonomie verstehen.“ Annemarie Pieper ist Schweizerin. Ihr Volk erscheine in Glücksstatistiken immer ganz oben, sagt sie. Nicht ohne Grund: „Bei uns herrscht die direkte Demokratie, wir können in vielen politischen Fragen mitbestimmen.“ Doch wie viel Glück braucht der Mensch eigentlich? Dieser Frage geht Annemarie Pieper in ihrem Vortrag bei den 7. Ulmer Denkanstößen nach. „Die Suche nach Glück hat Suchtpotenzial, weil Glückssuche immer auch Sinnsuche ist.“ Sie meint damit das Streben nach „größer, breiter, höher“. „Da führt dann das Suchen nach Glück leicht ins Unglück.“
Weg vom Spaß, hin zu mehr Sinn: Diese Wandlung macht unsere Gesellschaft derzeit durch, sagt Trend- und Tourismusforscherin Felicitas Romeiß-Stracke, auch eine der Referentinnen bei den diesjährigen Ulmer Denkanstößen. Immer mehr Menschen suchen persönliche Weiterentwicklung. Für die Forscherin stellt dies den Abschied von der Spaßgesellschaft dar.
 
 

Interview

Ungebremst in die Suche nach dem wahren Glück

Hans Holzbecher ist ein preisgekrönter Schauspieler, Kabarettist, Regisseur sowie künstlerischer Berater und Autor.
Hilmar Pfister hat das Allroundtalent mit dem „kabarettistischen Adrenalin“ zum Gespräch getroffen.
 
Herr Holzbecher, Ihr Kabarettprogramm, mit dem Sie bei den Ulmer Denkanstößen auftreten heißt „Risiko Leben“. Ist das Leben ein Risiko?
HANS HOLZBECHER: Auf jeden Fall! Für mich gibt es auch keine Antwort, wie wir dieses Risiko mindern können. Ich weiß auch nicht, ob wir das überhaupt können. Manche Häfen der Sicherheit stellen sich irgendwann selbst in Frage. Dann wird die Suche nach Sicherheit wie ein Springen von einer Eisscholle zur nächsten.
 
Sie sind ja ein künstlerisches Allroundtalent. Sie singen, schauspielern und machen Kabarett. Bei welcher Tätigkeit empfinden Sie selbst am meisten Glück?
HOLZBECHER: (lacht) Auch darauf habe ich keine Antwort. Es ist schön, dass ich all diese Dinge miteinander kombinieren kann. Diese Frage ist wirklich schwer zu beantworten. Ich bin immer der, der ich bin. Spaß bringen alle diese Tätigkeiten.
 
Die Ulmer Denkanstöße tragen in diesem Jahr den Titel „Zwang zum Glück?“ Fühlen Sie selbst manchmal den Zwang zum Glück?
HOLZBECHER: Glück und Liebe gehören ja mittlerweile zum Prekariat der Begriffe. Die beiden Bezeichnungen haben sich nie die Frage gestellt: Wer sind wir eigentlich? Sie haben aber mittlerweile keine Ruhe mehr und sehen sich verschiedenen Ansprüchen ausgesetzt. Ich habe manchmal das Gefühl: Wer heutzutage immer noch nicht kapiert hat, was Glück und Liebe bedeuten, für den bleiben nur noch Hirschhausen, parship.de oder das Oktoberfest. Aber diesen Zwang zum Glück lasse ich nicht an mich heran. Wenn ich in einer Buchhandlung stehe und all diese Ratgeberbücher im Regal sehe, dann empfinde ich diesen Zwang schon lächerlich.
 
Hat sich die Vorstellung vom Glück über die Jahre verändert?
HOLZBECHER: Ich war Ende der 70er-Jahre jung und bin damit in einer Zeit großgeworden, als es noch andere Dinge gab, wegen derer Menschen glücklich waren.
 
Ist es heutzutage schwerer geworden, glücklich zu sein?
HOLZBECHER: Nein, auf keinen Fall. Man muss das Glück auch suchen. Manche Menschen suchen nur das Unglück, das Leid, sie setzen sich in jeden Misthaufen.

Weitere Informationen unter: 
www.ulmer-denkanstoesse.de
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