Baden-Württemberg Zweitälersteig – Im Südschwarzwald durch das Elztal und Simonswäldertal wandern

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Baden-Württemberg / HUBERT KALTENBACH 23.05.2013
Gute Kondition und Trittsicherheit sind nötig – nicht in den Alpen, sondern auf dem 108 Kilometer langen Zweitälersteig im Südschwarzwald. Der Qualitätswanderweg verbindet das Elztal mit dem Simonswäldertal.
Touristische Regionen stehen unter dem Druck, sich mit allen Raffinessen vermarkten zu müssen. Auffallende Symbole, neue Wortschöpfungen – die Werbestrategen schlagen Purzelbäume, um eine Region mit einem so genannten Alleinstellungsmerkmal hervorzuheben. In diesem Sinne ist im Elztal und im Simonswäldertal im Naturpark Südschwarzwald vor zwölf Jahren das „ZweiTälerLand“ entstanden, in dem sechs Gemeinden sich gemeinsam auf einen neuen touristischen Weg machten: Biederbach, Elzach, Gutach im Breisgau, Simonswald, Waldkirch und Winden im Elztal. Bringt die gekünstelte Schreibweise den einen oder anderen Sprach-Ästheten zum Stirnrunzeln, so treibt der Zusammenschluss die Touristiker vor Ort immer wieder zu neuen Ideen an.

So wurde im „ZweiTälerLand“ im vorigen Jahr der Zweitälersteig – diesmal glücklicherweise ohne holperige Großbuchstaben – eröffnet. Der 108 Kilometer lange, vom Deutschen Wanderverband zertifizierte Qualitätswanderweg ist bereits ein neues Ass im touristischen Angebot: Der herausfordernde Steig findet bei Wanderern großen Anklang.

Es ist Mittagszeit. Einige Wanderer sitzen auf der Terrasse des Berggasthauses „Plattenhof“ auf der Plattenhöhe. Im weiteren Umfeld stehen sieben Windräder. Für Wanderführer Primus Schuler vom Schwarzwaldverein Simonswald ist das inzwischen schon ein gewohnter Anblick. Über das rund 1000 Meter hoch gelegene offene Plateau fege immer ausreichend Wind, um die Rotoren in Schwung zu bringen, sagt er der kleinen Wandergruppe, die er auf einer Etappe auf dem Zweitälersteig, „einem der wildesten Abschnitte“, begleitet. Dass die Gewinnung von Energie im Schwarzwald schon immer eine Rolle spielt, zeigt der kleine künstlich angelegte Plattensee in der Nähe, wo das Wasser bereits seit 1924 Turbinen zur Stromgewinnung antreibt.

Am Langeckerhof lässt Schuler innehalten. Er zückt eine Fotografie des „Plattewiibli“ aus dem Rucksack, einer „Altledigen“ mit faltigem wettergegerbten Gesicht, die ihren Schlafplatz auf der Ofenbank des Hofes hatte. Sie galt als Pfeife rauchendes Original, das jede Gelegenheit nutzte, um an das nötige Kleingeld für Tabak zu kommen. Vergessen ist das 1932 gestorbene „Plattewiibli“ in ihrer schlichten Bauerntracht bis heute nicht. Sie lebe als Fastnachtsfigur in Gütenbach weiter, erzählt Schuler.

Plötzlich wird der Weg schmaler, feuchter und das Rauschen lauter – die Zweribach-Wasserfälle stürzen über zwei Felskanten spritzend in die Tiefe. Über enge Kehren und einen Steg können die Wanderer das Naturschauspiel voll auskosten. Kurze Zeit später tauchen auf einer Lichtung die Überreste des Brunnenhofes auf. Zwei Wanderinnen sitzen auf einer Bank und genießen die Sonne und den Blick ins Tal. Der Hof wurde im 16. Jahrhundert mitten in der Wildnis als Holzfällerhütte errichtet. Für die Schmelze der im Schwarzwald errichteten Eisen-, Silber-, und Glashütten wurde eine Unmenge von Holz gebraucht, das in Klusen, schmalen Wasserkanälen, ins Tal geflößt wurde. „Das war Schwerstarbeit“, sagt Schuler.

Hinunter geht es ins Tal, wo auf den Hangwiesen entlang der Wilden Gutach Jungvieh weidet. Kurz hinter der Brücke geht es in der Teichschlucht schon wieder bergauf. Über Kaskaden fließt hier der Teichbach ins Tal. Umgestürzte Bäume, riesige Felsblöcke und ein grüner Pflanzenteppich bilden eine abwechslungsreiche Naturkulisse. Es sind solche Eindrücke, die den Reiz eines Qualitätswanderweges ausmachen.

Dann knickt der Weg an einem mächtigen Felsen ab und windet sich über eine Geröllhalde hoch zur Hintereckhütte. „Früher war der beschwerliche Pfad durch die Teichschlucht einer der Verbindungswege für die Uhrenträger ins Rheintal“, berichtet Schuler.

Auch die Hintereckhütte, an Wochenenden von einer „schlagkräftigen Gruppe“ von Schwarzwaldvereinsmitgliedern betrieben, hat eine bewegte Geschichte, wie Lorenz Wiehl, Vorsitzender der Gütenbacher Ortsgruppe erzählt, während er eine Runde Selbstgebrannten auf den Tisch stellt. Auf alle Fälle können hier Wanderer in Matratzenlagern übernachten – für 13 Euro mit Frühstück. Eine Anmeldung ist ausdrücklich erwünscht. Ganz in der Tradition als ehemalige „Flaschenbierhandlung“ können Wanderer an nicht geöffneten Tagen sich im Schuppen selbst ein Getränk holen. „S’Kässle steht im Schopf.“

Derartige Zuwendungen sind nicht der Grund, weshalb die Einheimischen den Zweitälersteig auch „Herzle-Weg“ nennen, wie Ulrike Schneider, Geschäftsführerin der Tourismusgesellschaft „ZweiTälerLand“ meint. Die liebevolle Bezeichnung beziehe sich auf die Umrisslinien eines roten Herzens, das auf einer grünen Raute als Wanderzeichen den Weg weist. Das Herz ist aus der gespiegelten Zahl 2 geformt, die für die beiden Täler steht.

Das Herz zum Pochen bringt der Qualitätswanderweg allemal. Auf den fünf Etappen sind über 4000 Höhenmeter an Auf- und Abstiegen zu bewältigen. Der Kandel ist mit 1241 Meter Höhe die höchste Stelle der Tour. Wer in Waldkirch beginnt, muss bis zu seinem Gipfel auf Anhieb 1000 Höhenmeter bewältigen. Wohl deshalb ist im „Tourenführer“ die für den Weg erforderliche Kondition mit sechs Sternen – der Höchstzahl – versehen.

Auf der dritten Etappe liegt der Hörnleberg (905 m), auf dem die Wallfahrtskapelle „Unserer lieben Frau“ thront. Samstags und sonntags pilgern bis in den Herbst hinein Scharen von Gläubigen zu Fuß zur Kapelle, die mehrfach abgebrannt ist, deren Gnadenbild geraubt und von einem elsässischen Schnitzer wieder geschaffen wurde. Letztlich ist es der örtlichen Pfarrgemeinde zu verdanken, dass die Kapelle heute noch – gegen den Willen der Erzdiözese Freiburg – als Pilgerstätte intakt ist, wie Pirmin Wießler sagt, Vorsitzender des Hörnlebergausschusses.

Von der Kapelle führt ein Kamm- und Waldweg, immer wieder unterbrochen von beeindruckenden Aussichtspunkten, zum „Schänzle“. In der einst von einem ledigen Schreiner im Schwarzwaldstil gezimmerten Hütte serviert heute Anton Hettich lokale Köstlichkeiten: Speck, Wurst, Käse. Stets mit einem freundlichen „Du“ auf den Lippen. In der Abgeschiedenheit spielen Rang und Namen keine Rolle.

Ein Bett zu finden ist nach den anstrengenden Wanderungen, die längste Etappe ist 26 Kilometer lang, nicht schwer. Manchmal befinden sich die Wanderer sogar auf den Spuren berühmter Dichter. So in Wittenbach im „Rössle“, über dessen Kost und Wirtsleute sich Ernest Hemmingway (1899 – 1961) einst abfällig ausließ, nachdem er von einem Bauern mit der Mistgabel vertrieben wurde, weil er unerlaubt gefischt hatte. Käme er heute wieder vorbei, würde er sich wohl über die gute badische Küche freuen. Wie alle Wanderer, bekäme er am Morgen vom Wirtspaar Bettina und Artur Vogt für die nächste Etappe ein Lunchpaket mit auf den Weg. Da ist wildes Angeln gar nicht mehr nötig.