Rüstung Nordkoreas Atomtestanlage

Punggye-ri / Egbert Manns 20.07.2018
Ist Nordkoreas Atomtestanlage zerstört, wie Sprengung am 24. Mai glauben machen sollen? Und dann gab es noch Erdstöße.

Groarwumm! Um 3.30 Uhr morgens am 3. September 2017 schüttelt ein gewaltiger Stoß den 2200 Meter hohen Berg Mantap im Nordosten Nordkoreas. Von den Hängen rutscht minutenlang Gestein, später werden Satellitenbilder frische, helle Kies- und Geröllfelder auf dem Südhang zeigen. Ein Beben der Stärke 6,3 registrieren Erdbebenwarten. Achteinhalb Minuten später spüren die Leute, die sich in einem Bunker auf zwei Drittel Höhe des Bergs aufhalten, noch ein Beben, wenngleich ein schwächeres. Sie haben den bisher stärksten nordkoreanischen Nukleartest mitten in dem Berg erlebt.

In den nächsten fünf Wochen werden drei weitere Beben den Mantap erschüttern. Ist die nordkoreanische Atomtest­anlage damit unbrauchbar geworden, wie chinesische Geologen spekulieren? Ist also das Angebot des Diktators Kim Jong-un, auf Nuklearwaffentests zu verzichten, nur aus der Not geboren? Und welchen Wert  haben die Sprengungen am 24. Mai, von denen Nordkorea behauptet, es habe damit die Anlage zerstört?

Das Beben achteinhalb Minuten nach dem Test am 3. September deutet ein chinesisch-tschechisch-griechisches Forscherteam um Liu Junqing in den Geophysical Research Letters (GRL) als ein nicht-tektonisches Beben, als einen Zusammensturz. Es hatte die Stärke 4,1. Dabei dürften zwei Prozesse abgelaufen sein, schreiben Liu und Kollegen: Die Höhle („cavity“), die die Nuklearexplosion in das Granitgestein geschmolzen und gedrückt hat, sei eingefallen. In den Kamin („chimney“), den Hohlraum, der dabei über der Höhle entsteht, sei das von den Druckwellen hunderte Meter weit zerbröselte Gestein nachgerutscht.

Die Nuklearexplosion war mit 6,3 außerordentlich stark. Sie war die stärkste seit 1992, als China die Welt mit einem Nukleartest überraschte, der ebenfalls einem Erdbeben der Stärke 6,3 glich, und stärker als alles, was die USA und die Sowjetunion seit 1976 getestet haben.

Weil niemand weiß, wie tief im Berg die Explosion stattgefunden hat, kann ihre Sprengkraft nicht genau bestimmt werden. Sie wird auf 70 bis 250 Kilotonnen TNT-Sprengstoff geschätzt. Zum Vergleich: Die Bombe von Hiroshima hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen.

Auf die genaue Tiefe der Nuklearexplosion wollen sich Liu und Kollegen nicht festlegen, weil die seismischen Daten das nicht hergäben. Sie liege irgendwo zwischen 500 und 2500 Metern unter der Bergoberfläche.

Die meisten Berichte gehen von einer Tiefe von 700 Metern unter der Berg­oberfläche aus. Das hängt mit zwei Umständen zusammen: Erstens: Der Atomtest ist in einem Stollen ausgeführt worden, der vom Nordtor der Anlage aus in den Mantap getrieben worden ist. Satelliten hatten vor dem Test Aktivitäten an dem Tor fotografiert. Das Nordtor liegt auf 1400 Metern Höhe des an der Stelle 2160 Meter hohen Berges.

Zweitens: Die Atomteststollen führen waagerecht in den Berg und nicht nach unten. Das hat ein Propagandafilm des nordkoreanischen Fernsehens am 8. September 2010 offenbart, und bekannte Satellitenbilder der Anlage zeigen keine Geräte, die für senkrechte Bohrungen gebraucht würden.

Auch eine andere chinesische Forschergruppe (Tian Dongdong und Kollegen) kommt anhand der seismischen Daten zu dem Ergebnis, dass das Nachbeben vom 3. September der Einsturz einer Höhle oder des späteren Kamins da­rüber war. Sie bringen aber, ebenfalls in den GRL, drei weitere, tektonische (echte) Erdbeben mit dem Atomtest in Verbindung: zwei am 23. September und eines am 12. Oktober. Für eines der Beben am 23. September wird keine Stärke angegeben, für das andere 3,6 und für das am 12. Oktober 2,9.

Alle drei Beben haben ihre Herde etwa 8 bis 8,5 Kilometer nördlich des Atomtestgeländes. Die Herde liegen sowohl in der Höhe als auch horizontal maximal 520 Meter weit voneinander entfernt. Ihre Tiefe geben Tian und Kollegen mit 5,3 +/– 2,8 Kilometern an und fassen zusammen: Ein tektonisches Erdbeben sei in der Gegend noch nie beobachtet worden, deshalb sei der Erdbebenschwarm  vom 23. September und 12. Oktober von dem überaus heftigen Nukleartest am 3. September ausgelöst worden.

Solche Folgebeben in der Nähe sind von Atomtestgeländen der USA und der Sowjetunion bekannt. Und tektonische Erdbeben und Beben einer Nuklearexplosion lassen sich gut unterscheiden, sagte Prof. Klaus-G. Hinzen, der Leiter der Erdbebenstation Bensberg, unserer Zeitung. „Nur deshalb ist ja der Kernwaffenteststop zustandegekommen.“

Aus den beiden Forschungsberichten in den GRL hat der Geophysiker Zhao Lianfeng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften geschlossen, dass das Atomtestgelände „unreparierbar zerstört“ sei. Zahlreiche Medien weltweit haben die Aussage aufgegriffen. Andere Forscher bestreiten sie aber.

„Kein ermüdeter Berg“

Das Syndrom des ermüdeten Berges, wie Geologen es nennen, wenn ein Berg von permanenten Erschütterungen so zerstört wird, dass Gas heraus- und Wasser eintritt, könne auf den Mantap nicht zutreffen, wird der US-amerikanische Erdbebenexperte William Leith in LiveScience.com zitiert. So habe es im Degelen in Kasachstan, früher ein sowjetisches Nukleartestgelände, mehr als 200 Explosionen gegeben. Vom Mantap sei nach nur sechs Atomtests „noch eine Menge Berg übrig“.

Der US-amerikanische Militärexperte Jack Liu verweist in 38North.org, der Homepage einer Organisation, die Nordkorea beobachtet, auf Satellitenaufnahmen vom Gelände. Zwar gebe es deutliche Verformungen des Berges östlich des Nordportals. Aber die Oberfläche über den Tunneln vom West- und vom Südportal aus, etwa zwei Kilometer weiter südlich, sei intakt. Außerdem habe es nach dem Test vom 3. September noch enorme Tunnelbohrungen am Westportal gegeben.

Könnte der Zusammenfall der Höhle und des Kamins eine Undichtigkeit im Berg bewirkt haben, durch die Radioaktivität austritt? Bisher ist nichts bekannt geworden, und Liu verneint die Möglichkeit. Beim Zusammenfall werde das kontaminierte Material begraben. Wenn die Explosion tief genug war, trete nichts aus.

Was auch immer Kim Jong-un zur Ankündigung bewogen hat, Nordkorea stelle seine Nukleartests ein: Der Zustand der Testanlage war es der Erfahrung und den Beobachtungen nach nicht. Möglicherweise ist die Anlage hinter dem Nordtor am Mantap unbrauchbar. Aber die anderen Anlagen zeigen oberflächlich keine Anzeichen von Zerstörung.

Kim Jong-un hat mehrere Gebäude und die bekannten Tore am 24. Mai vor den Augen von ausländischen Journalisten sprengen lassen. Dass das die meterdicken und hunderte Meter langen Tunnel im Granit des Berges schwer beeindruckt hat, darf bezweifelt werden.

„Immerhin ist so viel Schaden angerichtet“, schreiben Liu und andere auf 38North.org, „dass für Ausgrabung und Bauarbeiten ein Mindestmaß an Gerätschaften beschafft werden müsste, und solch eine Aktivität würde auf Satellitenfotos zu entdecken sein.“ Wie auch immer: Solange keine ausländischen Experten das Gelände analysieren dürfen, kann nichts als sicher gelten. In keiner Hinsicht.

Politische Gefangene und Radioaktivität

Die Tunnel des nordkoreanischen Atomtestgeländes sind drei und mehr Meter breit und hunderte Meter weit in den Granit des Mantap getrieben worden. Für die Arbeit seien viele politische Gefangene benutzt worden, berichten Überläufer nach Südkorea. 1990 schon hat ein übergelaufener Wärter des Konzentrationslagers Hoeryŏng gesagt, vor allem junge politische Gefangene des Lagers würden zum Bau der Tunnel eingesetzt, heißt es in einem Bericht der südkoreanischen Zeitung „The Chosunilbo“.

Offenbar ist, wenigstens nach den ersten Atomtests, auch Radioaktivität ausgetreten, denn Überläufer haben einem Bericht zufolge vor mehreren Jahren berichtet, die Umgebung sei verseucht und verödet. Um den Ort Punggye-ri auf halber Höhe des Berges, wo Beschäftigte und Soldaten leben, seien 80 Prozent der Bäume tot, Quellen versiegt, Säuglinge deformiert geboren.  Messungen fehlen jedoch. Nur 30 Über­läufer, die nahe Punggye-ri gelebt haben, seien bisher bekannt geworden, schreibt „The Chosunilbo“. An vier von ihnen sei Strahlenbelastung überhaupt messbar. Es sei nicht sicher, dass sie von Atomtests stamme.  ema

200

Meter, so groß wird der Durchmesser der Höhle geschätzt, die die Atomexplosion 2017 in den Mantap gedrückt hat. Im Umkreis von weiteren 200 Metern sei das Granitgestein von den Druckwellen zertrümmert. ema

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