Respektlosigkeit, ja gezielte Beleidigungen der Obrigkeit, das kann  nicht nur der Satiriker Jan Böhmermann. „Er lügt feierlich und öffentlich und  treibt Unzucht mit einer Hure“ – mit dieser Schmähkritik bedachte der Theologe Roger Williams den englischen König Charles I. bereits Anfang des 17. Jahrhunderts. Verglichen mit Böhmermann, der den türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogans in einem Schmäh-Gedicht kritisiert hat und nun wegen einer Anklage vor Gericht bangt, hat Williams seinerseits deutlich mehr gewagt. Denn sagen zu dürfen, was man denkt, auch wenn es gegen die herrschenden Schichten gerichtet ist, das war damals undenkbar. Dass sich Jan Böhmermann auf so etwas wie „Meinungsfreiheit“ berufen kann, das hat er zu einem großen Teil dem aufmüpfigen und mutigen Roger Williams zu verdanken.

Immerhin trennte Williams und den nicht sehr amüsierten King Charles I. der Atlantik, denn Williams war 1630, mit 27 Jahren, in die neu gegründete „Massachusetts Bay Colony“ ausgewandert. Aber auch in der geistlich-weltlichen Obrigkeit Massachusetts war man schockiert – zumal Williams auch anderweitig unangenehm aufgefallen war.  Denn er nahm generell kein Blatt vor den Mund, er sprach aus, was ihm sein Gewissen auszusprechen gebot. Er war eine Art Rockstar unter den strenggläubigen Puritanern seiner Zeit, der mit seinen Reden  Menschen mitreißen konnte und mit beißender Kritik an Missständen und Autoritäten nicht zurück hielt, sagt John McNiff, US-Ranger beim „Roger Williams National Memorial“. So warf er den Geistlichen vor, sich nicht konsequent genug von der anglikanischen Kirche in England abzusetzen.

Die Regierung von Massachusetts sah wegen der immer größer werdenden Anhängerschaft Williams’ und seiner Kompromisslosigkeit nur den Ausweg, ihn aus Boston zu verbannen – in der Wildnis Nordamerikas fast ein Todesurteil. Williams aber überlebte nicht nur, er gründet schlussendlich die Provinz Rhode Island – in der er als erster weltweit die Meinungs- und Religionsfreiheit in einem demokratischen Regierungssystem einführte. In Providence, der Hauptstadt des heutigen US-Bundesstaates Rhode Island, wird daher das Andenken an den damals umstrittenen Mann hoch gehalten.

Bis es soweit kam, war es allerdings ein weiter Weg. Zugute kam Williams seine Toleranz und Aufgeschlossenheit. Eigentlich war er fest entschlossen gewesen, Indianer zu missionieren. Allerdings nicht mit Gewalt, sondern mit Überzeugungskraft. Er studierte also die Kultur und Sprache des an der Ostküste lebenden Stammes der Narragansett, um mit ihnen kommunizieren zu können. Er knüpfte Kontakte  – und kam zu dem Schluss, dass deren Kultur der englischen ebenbürtig war und gab jegliche Missionierungsversuche auf. Was die Puritaner scharf kritisierten.

Der freundschaftliche Kontakt und das Vertrauen der Narragansett rettete ihm aber zunächst einmal Kopf und Kragen. Er erwarb von ihnen Land, auf dem er mit einigen seiner Anhänger Farmen errichtete – der Kern des heutigen Providence. 1663 wurde die Kolonie vom englischen König Charles II. anerkannt und zu einem funktionierenden Beispiel für die Trennung von Staat und Kirche.

Denn von Anfang an konzipierte Williams das hier entstehende Staatswesen in einer noch nie dagewesenen radikalen Form: Es war sowohl demokratisch organisiert als auch frei in Religions- und Gewissensfragen. Der Staat sollte das Individuum schützen, das allein seinem Gewissen verantwortlich war,  aber auch das Eigentum und ein friedliches Miteinander durchsetzen, erklärt Linford Fisher,  Geschichts-Professor an der Brown-University von Providence. Rhode Island stand mit diesen Ideen im Gegensatz zu allen anderen Staaten dieser Zeit, wo es als unabdingbar galt, dass Staats- und Kirchengewalt verbunden waren. Folglich wurden moralisch-religiöse Gebote mit Hilfe staatlicher Gewalt durchgesetzt. In Massachusetts wurden beispielsweise Leute, die nicht zur Kirche gingen, bestraft. Provokateure wie Quäker, die schon mal nackt durch die Straße spazierten, ließ man auspeitschen oder sogar hinrichten.

Rhode Island lehnte von Anfang an jeden Zwang in Meinungs- und Glaubensfragen ab. Verfolgten wie Anne Hutchinson, die in Massachusetts wegen ihrer religiösen Auffassung als Hure verunglimpft wurde und der die Todesstrafe drohte, bot Williams 1638 Zuflucht. Und das, obwohl er persönlich ihre sehr individualistische Spiritualität, die moralischem Handeln keine Bedeutung zumaß, nicht teilte. Hutchinson und ihre Anhänger, die teils an Williams’ Verbannung beteiligt waren, durften sich südlich von Providence niederlassen: eine beeindruckende Großzügigkeit.

Wegen solcher Hilfsaktionen drohten der jungen Kolonie allerdings immer wieder Strafmaßnahmen der benachbarten Provinzen: Rhode Island wurde als Sammelbecken der Unruhestifter angesehen, das beseitigt werden müsse. Und innerhalb der Kolonie blieben Konflikte nicht aus – immer wieder wollten etwa Männer das noch wackelige junge Staatsgebilde ausnutzen, um Land oder Macht an sich zu reißen. Williams suchte in der Diskussion fairen Ausgleich. Er ging mit gutem Beispiel voran, teilte sein von den Indianern erhaltenes Land gerecht auf, führte ein repräsentatives Wahlsystem und Gerichtsbarkeit ein.

Dabei kamen ihm seine Offenheit gegenüber Indianern und sein Wissen über sie zugute. Mit dem Buch „Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas“ über die Sprache und Kultur der Indianer landete er 1644 in London einen Bestseller, der ihm das englische Parlament gewogen machte, so dass es ihm schließlich die Zustimmung zu seinem Experiment eines Staates mit Gewissens- und Religionsfreiheit gewährte. In dem Buch wirbt Williams für eine differenzierte Sicht auf die Indianer, die von den Meisten als Wilde gesehen wurden: „Dein Bruder, der Indianer, ist durch Geburt genauso gut, er handelt manchmal sogar eher wie ein Christ als die Engländer.“

Linford Fisher hat vor kurzem Kommentare von Williams herausgebracht, die zeigen, wie vehement dieser die damals gängige Praxis ablehnt, Indianer mit Geschenken, Druck oder Gewalt zum christlichen Glauben zu bekehren. Vielmehr war er vom toleranten Umgang der Indianer in Glaubensfragen untereinander beeindruckt und ließ sich davon inspirieren. Er schloss Freundschaft mit wichtigen Häuptlingen, wurde zu ihrem Vermittler.

Das Buch „Das blutige Prinzip der Verfolgung aufgrund des Gewissens“ (The Bloody Tenant of Persecution, for cause of Conscience) ist die Ursache dafür, dass die Statue von Williams neben neun anderen Statuen großer Reformatoren an der bekannten „Reformations-Mauer“ in Genf steht. Nie zuvor war die Trennung von Kirche und Staat und die Gewissensfreiheit so umfassend begründet worden, schreibt der amerikanische Publizist John Barry.

Williams nutzte Argumente aus der Bibel, aber auch der Vernunft und der Erfahrung. Der Geistliche erklärte, dass es für fehlbare Menschen unmöglich sei, aus der Bibel Gottes Wille genau herauszulesen: Diese Überheblichkeit habe dazu geführt, dass tausende Menschen anderer Überzeugung blutig umgebracht wurden. Die enge Verknüpfung von Staat und Kirche, wie sie im Alten Testament für Israel positiv beschrieben wird, wies er mit Verweis auf Jesus zurück. Das Buch wurde vom englischen Parlament verboten und öffentlich verbrannt, später aber nahm etwa der Philosoph und Vordenker der Aufklärung John Locke (1632 – 1704) viele Argumente daraus auf.

Für Linford Fisher besteht Williams‘ einzigartige Leistung darin, dass er in Rhode Island allen Menschen ausnahmslos die Gewissensfreiheit zugestand – auch Atheisten, Moslems, Katholiken  und Juden. Durch das geglückte Experiment Rhode Island mündeten Williams Freiheitsideen in einen immer stärkeren Chor von Stimmen, die sich im 18. Jahrhundert für die Trennung von Kirche und Staat einsetzten. Diese wurde schließlich in der amerikanischen Verfassung verankert – viele Länder folgten.

Williams arbeitete bis ins hohe Alter in verschiedenen Positionen seines Staates. Mit rund 70 Jahren ruderte er mit seinem Kanu noch über 20 Meilen, um führende Quäker in öffentlicher Diskussion zu überzeugen. Um die Wahrheit müsse mit Vernunft, Wort und Schrift gerungen werden, niemals mit staatlicher Gewalt, so war seine Überzeugung.

Beachtet wurde das nach seinem Tod nicht immer. US-Staatsregierungen verfolgten Andersgläubige trotz der Bundesverfassung teilweise noch bis 1870. Heute geht es in den USA wie in Deutschland in Diskussionen um Freiheitsrechte eher um die Frage, wo die Grenzen der Religions- und Meinungsfreiheit liegen, weil Persönlichkeitsrechte anderer verletzt werden. Ganz nach Williams Idealen muss das jeweils im Einzelfall diskutiert werden – wie jetzt im Fall Böhmermann.

Kurzbiographie

Leben Roger Williams ist in London wohl 1603 geboren und starb 1683 in Providence/Rhode Island. Er gilt als Vorkämpfer der Gewissens- und Meinungsfreiheit und der strikten Trennung von Staat und Kirche. Nach seinem Studium in Cambridge wurde er 1629 zum Priester der anglikanischen Kirche geweiht, schloss sich aber bald puritanischen Gruppen an. Später wurde er Mitglied der ersten „Baptist Church“ von Amerika. Von 1631 bis 1635 lebte er in Boston, Plymouth und Salem in Massachusetts. 1636 gründete er Providence, wo er mit seiner Frau und sechs Kindern lebte. Die Stadt wurde zur englischen Kolonie und zum US-Bundesstaat Rhode Island.

Bücher Für Aufmerksamkeit sorgte die Entschlüssung eines nach 1679 geschriebenen Essays Roger Williams’, das 2014 von Linford Fisher u.a. in dem Buch „Decoding Roger Williams“ herausgegeben wurde.  Einen  Überblick über „Roger William and The Creation of the American Soul“ gibt  John Barry.