Europa steht beim Kampf für Klimaschutz und Artenvielfalt im Jahr 2020 vor Herausforderungen beispiellosen Ausmaßes und noch nie dagewesener Dringlichkeit.

Zu diesem Schluss kommt die Europäische Umweltagentur (EEA) in ihrem am Mittwoch in Brüssel veröffentlichten Fünfjahresbericht zur Lage und zu den Aussichten der Umwelt in Europa. Ein Kurswechsel sei dringend notwendig, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen und letztlich den Wohlstand der Zukunft zu sichern. Es handle sich um die „entscheidende Herausforderung dieses Jahrhunderts“.

Gerade auf dem Weg zu den EU-Zielen 2030 ist die EEA kritisch. Die gesteckten Zielvorgaben würden nicht erreicht, wenn in den kommenden zehn Jahren nicht mit aller Kraft gegen das alarmierende Maß des Artenverlustes, die zunehmenden Folgen des Klimawandels sowie den übermäßigen Verbrauch natürlicher Ressourcen vorgegangen werde, hieß es. Europa mache nicht ausreichend Fortschritte, auch wenn in den vergangenen beiden Jahrzehnten Entscheidendes etwa zur Verringerung der CO2-Emissionen getan worden sei. Auch Luft- und Wasserqualität seien besser geworden. Diese und andere Errungenschaften seien bedeutsam, reichten aber bei weitem nicht aus.

Der EEA-Bericht zeichne ein katastrophales Bild, hieß es in einer Reaktion des Naturschutzbundes (Nabu). Der Zustand der Natur in Europa sei extrem besorgniserregend. „77 Prozent der wichtigen Lebensräume in der EU sind in einen schlechten Zustand, 60 Prozent der in der EU geschützten Arten sind bedroht.“ Dramatische Rückgänge gebe es besonders in der Agrarlandschaft etwa bei Vögeln und Schmetterlingen. „Der Bericht benennt die Landwirtschaft klar als Ursache Nummer Eins für den Rückgang von Arten, Lebensräumen und Ökosystemen“, sagte Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger. „Wir brauchen einen Systemwechsel in der EU-Agrarpolitik, damit sich nachhaltige Produktion auch für die Betriebe lohnt.“

Der Bericht spiegele ein Versagen der bisherigen Umweltschutzpolitik der EU, hieß es auch von der Umweltstiftung WWF. Er belege, dass die EU auf dem Weg sei, die meisten ihrer Umweltziele für 2020 zu verfehlen. „Und die Aussichten für die Jahre 2030 und 2040 sind noch düsterer“, sagte Diana Pretzell, Leiterin Biodiversitätspolitik beim WWF Deutschland. Hoffnungsträger für den Umweltschutz sei der anstehende European Green Deal der neuen EU-Kommission. „Einen großen Teil der benötigten Gesetzgebung gibt es schon, aber die Mitgliedsstaaten setzen diese nur sehr schleppend um“, erklärte Pretzell.

Im Kampf für Umwelt und Klima hake es vor allem bei der Umsetzung bestehender politischer Maßnahmen, sagte auch EEA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx. „Wir sollten besser darin werden, die von uns festgelegten politischen Ziele einzuhalten.“ Die meisten Lösungen dafür lägen bereits auf dem Tisch. Es gehe vor allem um vier große Systeme: das zu viel Kohlendioxid ausstoßende Energiesystem, den Transportsektor, das an vielen Stellen kränkelnde Lebensmittelsystem sowie die Art und Weise, wie Städte mit Faktoren wie Wohnungsbau, Mobilität und sozialen Dynamiken umgingen.

Die Situation der Umwelt habe sich seit dem Erscheinen des vorherigen Berichts vor fünf Jahren insgesamt verschlechtert, der jetzige Ausblick sei uneinheitlich, hieß es in dem Bericht. Es bestehe aber auch Grund zur Hoffnung, da das öffentliche Interesse an Klima- und Umweltthemen sowie einer nachhaltigen Zukunft zugenommen habe. Auch technologische Innovationen, mehr Initiativen und die Aussicht auf den Green Deal für Klimaschutz der EU-Kommission um Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stimmten hoffnungsvoll.

Gerade diese Ankündigung sorgt bei der EEA für Zuversicht: „Der European Green Deal erkennt die Dringlichkeit des Handelns in einem Maße an, wie wir es in Europa vorher nicht gesehen haben“, sagte Bruyninckx. Die neue Kommission spreche ernsthaft über einen Übergang hin zu einem gesunden Planeten. „Erstmals in der Geschichte der europäischen Institutionen steht das hier so weit oben auf der Agenda. Unter von der Leyen ist es Priorität Nummer eins.“

Umwelt, Klima und Gerechtigkeit müssten künftig bei jeder Entscheidung der EU an erster Stelle stehen, betonte Olaf Bandt, Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), in einer Reaktion auf den Bericht. Mit dem Green Deal habe von der Leyen die Möglichkeit, Europa auf einen grünen Kurs zu bringen und der Zerstörung der Lebensräume sowie sozialer Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen. „Europa darf nicht weiter auf quantitatives Wirtschaftswachstum setzen – was wir dringend brauchen sind soziale Gerechtigkeit und eine Verhinderung der Klimakrise.“

Wichtig sei, sich nicht bloß auf diejenigen Maßnahmen zu stürzen, mit denen man am einfachsten die Ziele erreiche, sagte EEA-Direktor Bruyninckx. Vielmehr müsse auf die Initiativen gesetzt werden, die einen langfristig voranbrächten. „Ansonsten führt das in eine Sackgasse.“

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