Das Herz schlägt schnell, die Hände schwitzen. Susanne Müller (Name geändert) leidet seit einiger Zeit unter starkem Lampenfieber. Als Kind stand sie oft unbefangen auf einer Konzertbühne. Heute tritt die 41-jährige Ärztin ein paar Mal pro Jahr mit einem Laienorchester auf. Wenn sie ein Solo spielt, ist sie manchmal nur noch mit der Kontrolle der Aufregung beschäftigt, um beim Spielen nicht zu zittern.

Alle diese Symptome gehören zu einem automatisch ablaufenden Notprogramm, das die Evolution über tausende von Jahren entwickelt hat. Wie der Mechanismus bis heute funktioniert, hat Claudia Spahn, Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin, in ihrem Handbuch zum Lampenfieber beschrieben: Wenn die Urmenschen plötzlich mit einem wilden Tier konfrontiert waren, wäre es keine gute Idee gewesen, erst mal nachzudenken. Deshalb erlaubt die unbewusste körperliche Reaktion nur zwei Optionen: Flucht oder Kampf.

Die Angst in der bedrohlichen Situation alarmiert dabei den Sympathikus, der im autonomen Nervensystem für Aktivität zuständig ist. Dabei wird unter anderem aufputschendes Adrenalin ausgeschüttet und der Herzschlag beschleunigt, um die Muskeln besser mit Blut zu versorgen. Durch Zittern wird die Körperwärme erhöht. Damit für die Arm- und Beinmuskeln mehr Energie zur Verfügung steht, wird die Verdauung abgeschaltet. Das fühlt sich übel an, vor allem wenn die Nahrung dadurch abrupt einen Weg nach draußen sucht. Als wäre all das nicht genug, kommen als Nebenwirkungen auch noch Harndrang und schweißnasse Hände dazu. Der uralte Automatismus war eine Überlebenshilfe, aber auf einer Konzertbühne, im Fernsehstudio oder an einem Vortragspult ist es in der Regel keine Option mehr, zu flüchten oder die Zuschauer anzugreifen.

Viele nehmen Betablocker

In einer Befragung von Berufsmusikern erklärten 90 Prozent, immer ein bisschen aufgeregt zu sein, bewerteten das aber durchaus positiv. Leichtes Lampenfieber gehört für die meisten dazu, ein Adrenalinstoß hilft, sich zu konzentrieren.

Wenn die Aufregung allerdings so heftig wird, dass Auftritte kaum noch möglich sind, spricht man von Auftrittsangst. Als die Lausanner Wissenschaftlerin Regina Studer für ihre Doktorarbeit 190 Musikstudenten befragte, bekannte sich ein Drittel zu problematischer Angst vor dem Auftritt.

Besonders im Bereich der klassischen Musik gilt es nicht überall als ratsam, sich mit solchen Problemen zu outen, um nicht unprofessionell zu wirken. Dabei gibt es gerade in dieser Szene einen besonderen Druck. Wer etwa Mitglied eines Orchesters werden will, muss ein Vorspiel überstehen, bei dem es Dutzende von Konkurrenten gibt.

Claudia Spahn ist ausgebildete Musikerin und Fachärztin für psychotherapeutische Medizin. Manche Musiker, die wegen Auftrittsangst in ihre Sprechstunde kommen, weigern sich zunächst, ein Video ihres Auftritts anzuschauen – und sind dann völlig überrascht, dass von ihrem Problem von außen nichts zu sehen und hören ist.

Inzwischen gibt es an einigen Hochschulen Kurse zum Umgang mit Lampenfieber. Die Musiker früher ausgebildeter Generationen waren darauf angewiesen, selbst eine Lösung zu finden. Es ist deshalb ein offenes Geheimnis, dass viele Orchestermusiker seit Jahrzehnten Betablocker nehmen, um die Aufregung bei Konzerten zu dämpfen. Auch Susanne Müller behilft sich damit, so das Herzklopfen herunterzuregeln. Allerdings fragt sie sich schon, „ob mir dadurch nicht ein Teil des Erlebnisses beim Auftritt verloren geht“.

„In meine Sprechstunde kommen oft Musiker, die das nehmen und wieder loswerden wollen“, sagt Claudia Spahn. Oft stelle sich dann heraus, dass die Angst auf ein lange zurückliegendes negatives Erlebnis zurückgeht. Gemeinsam mit den Ratsuchenden arbeitet Spahn konkrete Ablaufpläne aus, die beim nächsten Konzert getestet werden. Wichtig sei, sich schon beim Üben die Konzertsituation vorzustellen und sich mental darauf vorzubereiten. Eine große Rolle spielen auch Entspannungsverfahren.

In jedem Fall sei es wichtig, mit dem Klienten ein individuelles Repertoire an mentalen und imaginativen Techniken zu üben, sagt Claudia Spahn. Auch Susanne Müller hat probiert, „auf das Positive zu fokussieren“, indem sie sich vor dem Konzert Sätze sagte, wie „Ich mach‘ das gerne!“ oder „Ich freu‘ mich drauf!“ – und das habe „gleich ein bisschen funktioniert“.

Atemübung und Klopftechnik


Tricks Die Psychotherapeutin Claudia Spahn empfiehlt, sich bei Lampenfieber darauf zu konzentrieren, durch die Nase einzuatmen und durch den Mund langsam ausatmen. „Aufregung führt oft dazu, dass man hektisch wird, und dann hat man das Gefühl, man muss viel zu viel einatmen“, sagt die Expertin. Die Konzentration auf die Ausatmung kann helfen und lenkt auch ein bisschen ab.  Zur Methode des Hannoveraner Psychotherapeuten Michael Bohne, der seit der Jahrtausendwende als Auftrittscoach für Orchester und Fernsehmoderatoren arbeitet, gehört neben der Arbeit am Selbstwertgefühl eine Klopftechnik. Dabei tippt man mit den Fingern auf Hände, Gesicht und Oberkörper, während man sich eine besonders negative Situation auf der Bühne vorstellt. Das Klopfen soll beruhigend wirken und über Nervenimpulse die Routine der schlechten Gefühle stören. cw