Medikamente gegen seltene Erkrankungen zu entwickeln, kostet viel Geld, bringt jedoch kaum finanziellen Gewinn. Für Pharmakonzerne sind sie selten interessant.  Mit zwei bis drei Betroffenen von 10000 Einwohnern zählt auch die akute myeloische Leukämie (AML) zu den seltenen Erkrankungen. Das kleine Tübinger Unternehmen Synimmune, 2012 als Ausgründung der Uni entstanden, hat einen Antikörper gegen AML entwickelt. Derzeit wird er in einer klinischen Studie am Menschen getestet.

Bei einer AML wächst die Zahl der Krebszellen so schnell, dass sich die Patienten meist sofort einer Chemotherapie unterziehen müssen.  80 bis 90 Prozent der Patienten sprechen darauf gut an. Doch nur 10 bis 15 Prozent werden komplett geheilt. Im Schnitt sind die Patienten lediglich für 12 bis 18 Monate symptomfrei. Dann kehrt die Leukämie zurück.

Dies will das Unternehmen Synimmune ändern und ein Medikament erproben, das die Krankheit heilen oder zumindest die Rückkehr der Symptome stark verzögern soll. Der Biologe und wissenschaftliche Geschäftsführer von Synimmune, Ludger Große-Hovest, hat dazu einen Antikörper namens „Flysyn“ entwickelt. Dieser muss selektiv wirken, damit keine gesunden Zellen zerstört werden.

Große-Hovest hat sich die Oberflächenstruktur der Leukämiezellen genauer angeschaut und einen Antikörper entwickelt, der nur an diese Zellen andocken und die natürlichen Killerzellen  anlocken soll. Diese so genannten NK-Zellen sind darauf spezialisiert, Bakterien oder Viren zu vernichten. Genau das sollen sie auch mit den Leukämiezellen tun.

Ziel der aktuellen klinischen Studie mit Flysyn ist, dessen Verträglichkeit zu testen und  herauszufinden, welche maximale Dosis optimal verträglich ist. Teilnehmer für die Studie zu finden, ist jedoch schwierig – nicht nur wegen der geringen Patientenzahl. „In den Augen der Ärzte sind die entsprechenden AML-Patienten nach der Chemo gesund“, sagt Große-Hovest.

Nach einer erfolgreichen Chemotherapie sind im Blut unter dem Mikroskop keine Krebszellen mehr zu erkennen. Medizinisch gelten die Patienten in dieser symptomfreien Phase als gesund. Doch so genannte Biomarker können die versteckten restlichen Tumorzellen anzeigen, die im Laufe der Monate für einen erneuten Ausbruch der Krankheit sorgen. Allerdings produzieren den Biomarker nur etwa 70 Prozent der AML-Patienten.

An der laufenden Studie können Betroffene nach erfolgreicher  Chemotherapie teilnehmen. Die meisten AML-Patienten sind jedoch froh, die Behandlung überstanden zu haben und wollen sich  keinem weiteren Prozedere unterziehen. Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Vor oder bei einem erneuten Ausbruch der Krankheit streben Kliniken meist eine Knochenmarktransplantation an, sofern dies dem Patienten gesundheitlich zumutbar ist. „Das ist eine der wenigen Behandlungen, die dem Krankenhaus richtig viel Geld bringen“, sagt Martin Steiner, ebenfalls Synimmune-Geschäftsführer. Während sich Kinder in der Regel gut von dem Eingriff erholen würden, liege die Sterblichkeit der erwachsenen Patienten jedoch bei etwa 30 Prozent.

Das Regierungspräsidium Tübingen hat 2015 grünes Licht für die Herstellung des Antikörpers Flysyn zur Verwendung im Rahmen einer klinischen Studie gegeben. Bereits 2008 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Vorhaben – damals noch der Uni Tübingen – mit 2,7 Millionen Euro gefördert. 2012 wurde Synimmune gegründet und hat weitere 2,7 Millionen Euro an Förderungen vom BMBF erhalten, sowie 1,6 Millionen Euro von Privatinvestoren, die 2015 weitere zwei Millionen Euro in das Unternehmen investierten.

Als zweites klinisches Zentrum ist das Uniklinikum Ulm hinzugekommen. Die derzeitige Studie ist auf eineinhalb Jahre angesetzt. Sie besteht aus vier Patientengruppen, die eine ansteigende Dosis des Antikörpers erhalten. Treten in einer Patientengruppe keine starken Nebenwirkungen auf, erhalten die Patienten der nächsten Gruppe jeweils die dreifache Dosis. Nach Bestimmung der optimal verträglichen Dosis des Antikörpers wird diese Patientengruppe auf 19 Patienten erweitert, um die erste Wirksamkeit von Flysyn zu belegen.

Die Patienten werden durch die Ärzte engmaschig überwacht. Schreitet die Leukämie voran, scheiden die Betroffenen aus der Studie aus und erhalten eine andere Behandlung.  Die ersten Ergebnisse der Studie stimmen optimistisch: „Wir sind sehr zuversichtlich“, sagt Steiner, „außerdem haben wir bislang keine Nebenwirkungen beobachtet.“  Sollte sich der Antikörper auch bei den notwendigen Folgestudien als wirksam herausstellen, könnte eine Marktzulassung beantragt werden.

Vier verschiedene Formen der Krankheit


Leukämiezellen sind nicht funktionierende Vorläufer der weißen Blutkörperchen, die sich im Knochenmark ausbreiten und die Blutbildung behindern. Es gibt im Wesentlichen vier Formen der Krankheit: akute und chronische (je nach Verlauf) sowie lymphatische sowie myeloische Leukämien (je nach Art der Leukämiezellen).

Patienten, die an AML erkrankt sind und sich für eine Teilnahme an der Studie in Ulm oder Tübingen interessieren, finden nähere Informationen unter http://www.uniklinikum-tuebingen-studien.de/aml-studie mw

Ein neues Medikament soll Heilungschancen verbessern


Unter Beteiligung von Wissenschaftlern des Uniklinikums Ulm ist ein Medikament geprüft worden, das die Teilung der leukämischen Zellen verhindert und die Chancen auf Heilung verbessert. Ende April ist „Midostaurin“ von der US-Arzneimittelbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) zugelassen worden. Für Europa wird die Zulassung in den nächsten Monaten erwartet, teilt Prof. Hartmut Döhner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin III am Uniklinikum Ulm mit. Eine Einschränkung gibt es allerdings: „Midostaurin ist nur für Patienten zugelassen, bei denen Mutationen des FLT3-Gens vorliegen. Hiervon sind ungefähr 25 bis 30 Prozent der AML-Erkrankten betroffen“, so Döhner.  Midostaurin ist ein so genannter Kinase-Hemmer. Das heißt, es bindet an eine Gruppe von Enzymen, so genannte Kinasen, die an der Ausbreitung von Krebs­erkrankungen im Körper beteiligt sind. Midostaurin blockiert unter anderem die Weiterleitung von Signalen des Wachstumsfaktor-Rezeptors FLT3 und vermindert somit die Teilung der leukämischen Zellen.

Ergebnisse Das Arzneimittel wurde im Rahmen der so genannten Ratify-Studie unter Federführung von Prof. Döhner und Prof. Richard Stone vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston geprüft. Die Ergebnisse sind kürzlich im renommierten Fachjournal New England Journal of Medicine publiziert worden. In dieser Studie konnten die Autoren zeigen, dass sich die mittlere Überlebenserwartung von 25,6 Monaten auf 74,7 Monate verbessert, wenn das neue Medikament Midostaurin mit einer Chemotherapie kombiniert wird. An der Studie nahmen 717 nicht vorbehandelte AML-Patienten teil, in deren Tumorzellen Mutationen im FLT3-Gen nachgewiesen worden waren. ih