Ein knackendes Geräusch, starke Schmerzen – wer schon einmal einen Kreuzbandriss erlitten hat, vergisst diesen Moment nicht wieder. Das ging aktuell auch sechs Wintersportlern so, die eigentlich bei Olympia dabei sein wollten. Von Slalomass Felix Neureuther bis Skicrosserin Heidi Zacher machte das gerissene Kreuzband den Athleten einen Strich durch die Medaillenrechnung.

„Das Material im Skisport ist anspruchsvoller geworden, die Belastung hat zugenommen“, ist der Ärztliche Direktor der Unfallchirurgie am Uniklinikum Ulm, Prof. Florian Gebhard, überzeugt. Deshalb könne es sein, dass der Kreuzbandriss im Wintersport häufiger auftrete. „Im Fußball ist er gefühlt eher gleich häufig geblieben.“

Wenige Bindegewebsstränge halten Ober- und Unterschenkel zusammen. Für Stabilität sorgen dabei unter anderem das vordere und hintere Kreuzband. Reißt eines der beiden, führt das folglich neben starken Schmerzen und Schwellungen zu einer Gangunsicherheit bis hin zu einem Gefühl, dass sich das Kniegelenk verschiebt.

Eher selten kommt es zu Verletzungen am etwas dickeren hinteren Kreuzband. Sie entstehen meist durch äußere Gewalteinwirkung wie bei Fahrrad-, Motorrad- und Autounfällen. Vordere Kreuzbänder reißen dagegen häufiger und ohne Fremdeinwirkung. Zu den Ursachen gehören übermäßiges Strecken oder Beugen, insbesondere bei Ballsportarten oder auf der Piste beim Skifahren.

„Dreht sich bei einer Talfahrt mit Skiern beispielsweise der Unterschenkel nach außen, während die Schwerkraft den Oberschenkel nach unten zieht, kommt es zu einer Überstrapazierung des vorderen Kreuzbands und es reißt“, erklärt der Sportmediziner und Neurochirurg Dr. Michael Eichler, Leiter des Wirbelsäulenzentrums Fulda/Main/Kinzig. Beim Ballsport sorgen schnelle Abbremsungen mit dem Bein am häufigsten für diese Art von Verletzung.

„Wenn das Kreuzband reißt, ist meist der Unterschenkel fixiert – im Skischuh oder beim Fußball durch den Gegner“, sagt Gebhard, „und es müssen hohe Kräfte im Spiel sein“.

„Kreuzbänder wachsen leider nicht von allein zusammen“, erklärt Eichler. Betroffene haben daher nur die Möglichkeit, entweder durch viel Krafttraining die Instabilität des Gelenks auszugleichen oder sich einer Operation zu unterziehen.

„Je jünger und sportlich aktiver die Patienten sind, desto eher wird operiert“, erklärt Gebhard. Ein chirurgischer Eingriff bedeutet für sie langfristig weniger gesundheitliche Risiken, denn eine Instabilität des Kniegelenks kann über die Jahre hinweg zu einem erhöhten Verschleiß führen, der das Gelenk schädigt. „Das kann man nur teilweise muskulär kompensieren“, sagt Gebhard.

„Während bei Rissen am hinteren Kreuzband in vielen Fällen konservative Maßnahmen ausreichen, empfiehlt sich bei einer Verletzung am vorderen Kreuzband besonders bei jüngeren Profisportlern eine Operation“, sagt auch Eichler.

Schlüsselloch-Eingriff

Es gibt mittlerweile viele Techniken der Kreuzband-OP, sagt Gebhard. In aller Regel wird der Eingriff aber arthroskopisch, also in Schlüssellochchirurgie durchgeführt. „Da das Kreuzband nicht wie ein Gürtel von A nach B geht, sondern in sich gedreht ist, handelt es sich um einen anspruchsvollen, komplexen Eingriff, bei dem das Band mit körpereigenem Material wiederhergestellt wird“, erklärt Gebhard.

„Bei dem so genannten Kreuzbandersatzplastikverfahren entnehmen Ärzte über einen nur zwei Zentimeter langen Schnitt zunächst an der Schienbeinvorderseite Sehnenmaterial. Daraus präparieren sie eine Art Kreuzbandersatz und befestigen diesen zwischen Ober- und Unterschenkelknochen“, erläutert Eichler.

Sechs Wochen dauert es, bis das Material eingeheilt ist, sechs weitere Wochen muss die Muskulatur auftrainiert werden. „Frühestens nach drei Monaten sollte ein Athlet wieder mit dem Training beginnen“, rät Gebhard.

Kurz nach einem Kreuzbandriss sollten Betroffene das Bein hochlagern und kühlen. Zusätzlich helfen Druckverbände und Schmerzmedikamente beim Heilungsprozess. In einem zweiten Schritt dienen ausgiebige Physiotherapie und Krafttraining dazu, die Schwellungen zu lindern und die Oberschenkelmuskulatur aufzubauen.

„Alltagstauglich“ könne das Knie mit gerissenem Kreuzband dann auch ohne Operation sein, sagt Gebhard. „Wird nicht operiert, haben Betroffene meist nur bei extremen Belastungen oder beim Treppabgehen Probleme.“

Da die Wintersportsaison relativ kurz ist, müssen sie die verletzten Athleten meist frühzeitig beenden. Schon im November hat sich der beste deutsche Skirennläufer Felix Neureuther im Riesenslalom-Training in den USA das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen. Zunächst hatte der 33-Jährige noch gehofft, dennoch in Südkorea starten zu können. Dann musste doch operiert werden. Vielleicht auch ein Glück: Neureuther nutzte die „freie“ Zeit im Dezember, um seine Freundin Miriam Gössner zu heiraten.

Sie stabilisieren das Gelenk


Die Kreuzbänder heißen so, weil sie sich im Zentrum des Kniegelenks kreuzen. Das vordere Kreuzband verhindert eine Überstreckung, das hintere eine Verschiebung des Schienbeinkopfes. Die Kreuzbänder können teilweise oder ganz reißen. Meist geht dies ohne Knochenverletzung ab.