Selbsthilfe Darm unter Hypnose

Ulm / Iris Humpenöder 13.01.2018

Das Reizdarmsyndrom (RDS) gilt als Volkskrankheit. Die Lebensqualität Betroffener ist oft sehr eingeschränkt, weiß Prof. Martin Storr, Gastroenterologe in Gauting und Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit seinem Doktoranden Björn Babst hat Storr ein Selbsthilfeprogramm entwickelt, das auf Hypnose setzt, um den Reizdarm zu beruhigen.

Was versteht man genau unter einem gereizten Darm?

Unter dem Reizdarmsyndrom werden verschiedene Beschwerden zusammengefasst, die chronisch auftreten und die Lebensqualität beeinträchtigen. Zu den Beschwerden zählen Bauchschmerzen, Blähungen, weicher Stuhl, Durchfall oder Verstopfung, die einzeln oder kombiniert auftreten können.

 Ist das RDS überhaupt eine Krankheit oder nur eine Befindlichkeitsstörung?

Das Reizdarmsyndrom ist eine medizinisch klar definierte Erkrankung, die sich am Beschwerdebild orientiert und für die es medizinische Diagnose- und Behandlungsleitlinien gibt. Leider werden Reizdarmbeschwerden oftmals verharmlost.

Wie wird das RDS diagnostiziert?

Ein Bluttest wäre schön, aber den gibt es leider nicht. Daher haben sich Fachgesellschaften weltweit auf eine klare Definition des Reizdarmsyndroms geeinigt, die auch den Ausschluss von anderen Erkrankungen beinhaltet. Aus diesem Grund entsteht häufig das Gefühl, es handele sich um eine reine Ausschlussdiagnose. Das ist aber nicht der Fall, es gibt eine gebräuchliche Definition der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Welche Ursachen sind bekannt?

Es gibt keine einzelne Ursache, vielmehr kommen mehrere Faktoren zusammen, die ein Reizdarmsyndrom ermöglichen. Dazu gehören unsere genetische Ausstattung, also das Erbgut, die Ernährung, das Darmmikrobiom, also die Beschaffenheit der Darmflora, Umwelt- und Stressfaktoren, die psychische Konstitution, Begleiterkrankungen und diverse Auslöser wie Magen-Darm-Infekte. Das Zusammenspiel solcher Faktoren ist individuell verschieden, weshalb auch die Krankheit von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich verläuft.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Sie ist bei vielen ein zentraler Punkt, der aktiv angegangen werden sollte. Die sogenannte FODMAP-Diät, bei der Fructose, Lactose, Fruktane, Galactane und Polyole reduziert werden, ist bei Reizdarmbeschwerden sehr hilfreich und in klinischen Studien getestet.

Und welche Rolle spielt Stress?

Stressfaktoren können unseren Körper und damit auch unsere Darm-Hirn-Achse schwächen und Beschwerden auslösen oder verschlimmern. Aus diesem Grund sind psychische Verfahren oder Entspannungsverfahren, die in die Tiefe des Darmnervensystems vordringen, wie die selbst angewendete Darmhypnose, sehr gut wirksam. Beides, Ernährungskontrolle und Stresskontrolle, sollte vor einer medikamentösen Therapie zur Anwendung kommen.

Wie kann man sich die Darm-Hirn-Achse vorstellen?

Die Nervensysteme kommunizieren ständig miteinander. Im Darm wahrgenommene Signale wie ankommende Nahrung oder Füllstand des Magens werden nach der Verarbeitung im Darmhirn an das zentrale Nervensystem, ins Rückenmark und Gehirn weitergeleitet. Das funktioniert auch andersherum: Informationen wie etwa eine Stress-Situation werden vom Gehirn an die Nerven im Darm weitergeleitet und beeinflussen so die Verdauung.

Wie wird das RDS in der Regel behandelt?

Die Leitlinien schlagen ein schrittweises Vorgehen vor. Basismaßnahmen sind die konsequente Diagnostik, gefolgt von körperlicher Aktivität, Ernährungsumstellung und stressreduzierende Maßnahmen wie zum Beispiel eine Darmhypnose. Sofern dies nicht ausreichend ist, können medikamentöse Maßnahmen wie Phytotherapeutika, Probiotika, chemische Wirkstoffe und eine therapeutengeführte Psychotherapie dazukommen.

Sie setzen auf Hypnose. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das Spannende an der Darmhypnose ist, dass es die einzige Maßnahme ist, die direkt am Darmnervensystem und der Darm-Hirn-Achse, also an der Ursache ansetzt. Im englischsprachigen Ausland sind Darmhypnosen seit vielen Jahren Basis- und Standardtherapie beim Reizdarmsyndrom. Ich beschäftige mich seit mehreren Jahren damit und habe zusammen mit einem Doktoranden die Methode in einer klinischen Studie überprüft.

Für wen eignet sich die Methode?

Geeignet ist die Methode im Prinzip für jeden mit chronischen Magen-Darmbeschwerden vom Reizdarmtyp. Die Darmhypnose hilft aber nicht jedem, sie ist ja kein Wundermittel. Interessanterweise haben klinische Studien gezeigt, dass gerade Patienten, bei denen viele Therapiemaßnahmen nicht angesprochen haben, auf Darmhypnosen reagieren. Etwa 80 Prozent der Patienten merken zumindest eine deutliche Besserung der Beschwerden. Das ist auch das Ziel. Die Lebensqualität soll sich spürbar bessern.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel