Armutslöhne“ und „tiefgreifende Verstöße gegen Arbeitsgesetze und Menschenrechte“ bei seinen Zulieferbetrieben wirft die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign, CCC) dem schwedischen Modekonzern Hennes & Mauritz vor. H&M betreibt keine eigenen Textilfabriken, sondern kauft seine Ware bei 800 formal unabhängigen Lieferanten überwiegend in Südostasien oder Osteuropa ein.

Bei H&M-Zulieferern in Bulgarien, der Türkei, Indien und Kambodscha führten Rechercheure der CCC ausführliche Interviews mit 62 Arbeitern. Die Ergebnisse seien schockierend, sagt Bettina Musiolek. Die Mitbegründerin der deutschen Sektion der CCC koordinierte die Recherchen in sechs Fabriken: „Arbeiterinnen und Arbeiter in allen vier Ländern berichteten, dass Sonntagsarbeit bei ihnen normal ist.“ Die Löhne lägen oft noch unter den jeweiligen nationalen Mindestlöhnen, selbst mit Überstunden lebten viele der Befragten mit ihren Familien unterhalb der Armutsgrenze. In einigen Fabriken komme es regelmäßig zu Ohnmachtsanfällen.

Am schlimmsten ist es laut Studie nicht in Fernost, sondern bei H&M-Zulieferern im EU-Mitgliedsstaat Bulgarien. Beschäftigte hätten geschildert, dass sie durchschnittlich zwölf Stunden am Tag arbeiten – an sieben Tagen die Woche. „Wir betreten die Fabrik um 8 Uhr früh, aber wir wissen nie, wann wir gehen dürfen. Manchmal wird es 4 Uhr morgens“, berichtet eine bulgarische Näherin.

Ausufernde Überstunden

Das durchschnittliche Nettoeinkommen in der regulären Arbeitszeit liegt bei 98 €. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestnettolohn betrug zum Zeitpunkt der Recherche im vergangenen Frühjahr 204 €. Selbst mit teils ausufernden Überstunden und Zuschlägen erreichten die Befragten nicht einmal die nationale Armutsgrenze, die in Bulgarien bei 269 € liegt – geschweige denn den von Gewerkschaften errechneten existenzsichernden Lohn, der Ausgaben etwa auch für Gesundheitsversorgung, Miete, Ernährung und Bildung berücksichtigt (das sind umgerechnet mehr als 1100 €).

Doch auch in den anderen drei Ländern lagen die Nettolöhne (ohne Überstunden) laut CCC-Studie weit unter den Existenzlöhnen (siehe Grafik). „Die Löhne sind so niedrig, dass wir ohne Überstunden nicht einmal unsere Grundbedürfnisse decken könnten”, wird eine indische Arbeiterin zitiert.

In allen untersuchten Fabriken würden die Beschäftigen „schwerwiegende Konsequenzen“ befürchten, wenn sie sich in Gewerkschaften organisieren, so Musiolek. „Vor allem in Osteuropa war es extrem schwer, überhaupt jemand für Interviews zu finden.“ Viele hätten Entlassungen befürchtet oder Angst vor anderen Repressalien gehabt.

Mit der Kampagne „Turn Around, H&M!” („Krieg die Kurve, H&M!“) will CCC die weltweit zweitgrößte Mode-Kette an ihre Ankündigung von 2013 erinnern. Unter dem Eindruck von weltweiten Protesten und kritischen Medienberichten in Folge der Rana-Plaza-Katastrophe in Bangladesch mit über 1100 Toten stellte H&M seinerzeit eine „Roadmap hin zu fairen Existenzlöhnen in der Textilindustrie“ vor: Alle „strategischen Zulieferer“ von H&M sollten bis 2018 Vergütungsstrukturen eingeführt haben, um 850 000 Textilarbeiterinnen Existenzlöhne zu zahlen.

„Demokratisch gewählt“

Fünf Jahre später ergibt sich dieses Bild: „H&M erreicht fast eine Million Arbeiter mit seiner Strategie für faire Existenzlöhne“, verkündete der schwedische Konzern. In 594 Zulieferbetrieben mit 840.000 Mitarbeitern würden derzeit demokratisch gewählte Beschäftigtenvertretungen eingerichtet, „die den Dialog am Arbeitsplatz und die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen stärken sollen“. In etlichen Textilfirmen würden zudem „transparente Lohnverwaltungssysteme“ eingeführt.

Und die versprochenen Existenzlöhne? Mitte Juli hatte H&M auf die Frage, wie weit die H&M-Zulieferer bei der Umsetzung der „Roadmap“ sind, geantwortet: „Unsere Rolle als Marke und Einkäufer ist es nicht, Löhne festzulegen. Stattdessen sollten diese von den einzelnen Parteien des Arbeitsmarktes verhandelt werden.“

Die „Roadmap“ vom November 2013 findet sich mittlerweile nicht mehr auf der Firmenwebseite.

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