Das Beiz-Eisen als Meißel in der Rechten, den Knüpfel als Hammer in der linken Hand rückt Harald Fischer dem Werkstück so zu Leibe, dass die Brocken fliegen. Noch ist es ein Stück Stein. Doch irgendwo darin steckt das "Lebenszeichen", das seinem Kunden und ihm vorschwebt. Es muss nur freigelegt werden. "Das Wort Lebenszeichen ist mir lieber als Grabstein", erklärt der Bildhauermeister. "Das hat eine positivere Bedeutung."

Seine Werkstatt ist von einem Außenbereich umgeben, die wie ein Garten angelegt ist. Fischer präsentiert dort verschiedene Arbeiten: Steine und Skulpturen aus Granit, Marmor oder Sandstein, jede in einer anderen Technik bearbeitet. Mal ist die Oberfläche geschliffen, gespitzt oder poliert. Bei den Reliefs herrschen Trauermotive vor: Kreuze und Engel, paradiesische Blumenwiesen und Schmetterlinge. Sie verschmelzen zu einer trostspendenden Einheit, die den Betrachter inspirieren soll.

Sein Heimatort Holzmaden ist bekannt für seine Urweltfunde. Schon als kleiner Junge war sein Spielplatz der Steinbruch. Fischers Familie beschäftigt sich bereits in fünfter Generation mit Stein und Versteinerungen, Vater und Großvater haben hier Steinbrüche betrieben.

Die Vielfalt der Steine und ihre Bearbeitung haben ihn schon immer fasziniert. Daher war es für ihn ganz natürlich, einen der ältesten Handwerksberufe zu erlernen: den des Steinmetz. 1996 schloss er die Meisterschule zum Steinmetz- und Bildhauermeister in Kaiserslautern ab. Seit 1997 betreibt er mit seine Werkstatt in Holzmaden.

Harald Fischers Arbeit besteht darin, die Vorstellung seiner Kunden in Form und Material umzusetzen - von der ersten Idee über das Anfertigen bis zur Aufstellung auf dem Friedhof. Mittlerweile kennt er viele der Friedhöfe in einem Umkreis von 40 Kilometern sehr gut. "Manche haben schon eine grobe Idee, wenn sie mit ihrem Anliegen zu mir kommen", erzählt der Bildhauermeister. Häufig erarbeitet er aber gemeinsam mit den Betroffenen einen Entwurf. Das kann sich über Tage, Wochen oder Monate hinziehen, oft sind mehrere Termine dafür notwendig. Fischer fertigt handgezeichnete Konzepte der Kundenideen an, spricht sie ab, bis man sich auf einen Entwurf einigt.

Das Ergebnis ist in aller Regel ein sehr persönlicher, dem Lebenssinn entsprechender Gedenkstein. "Jeder Kunde ist wie ein Neubeginn. Man weiß vorher nie, was am Ende herauskommt", sagt Fischer. Für die Beratungsgespräche nimmt er sich viel Zeit. Es ist ein Prozess, jeder Mensch ist einzigartig und hat seine eigene Geschichte. "Das Resultat soll schließlich etwas über den oder die Verstorbenen aussagen", betont Fischer. Er erfährt viel über das Leben und bekommt Einblick in die Lebensgeschichten.

In seiner Werkstatt steht ein massiver Block aus indischem Orion-Granit. Name und Lebensdaten hat er in den Stein hineingehauen. "Außerdem habe ich mit einem Drucklufthammer eine Silberdistel herausgefräst", erläutert er. Der Auftraggeber brachte ihm eigens eine Brosche als Vorlage, die er dann auf den Stein übertragen hat. "Es kommt immer wieder vor, das ein Kunde eine feste Vorstellung davon hat, was zu sehen sein soll", sagt der Bildhauermeister. Vieles hat symbolischen Charakter, der sich beim ersten Betrachten nicht erschließt. Auf einem anderen Stein ist etwa das Relief eines Engels mit Posaune zu sehen - nicht nur ein schönes Bild, sondern gleichzeitig auch Ausdruck von Musikalität und Gläubigkeit des Verstorbenen.

Er werde manchmal gefragt, ob es nicht traurig sei, sich dauernd mit dem Tod zu befassen. Menschen zu begegnen, die Eltern, Partner oder gar Kinder durch Krankheit oder Unfall verloren haben, sei immer schlimm, gibt er zu. "Den Schmerz kann ich nicht nehmen. Aber ich kann etwas fertigen, das den Leuten hilft, ihn zu bewältigen." Der Tod gehöre zum Leben. "Diesem Leben eine Erinnerung, ein Denkmal geben zu können - darin sehe ich eine erfüllende Aufgabe", sagt der Bildhauermeister.

Handwerk und Kunst

Regionalität In seiner Werkstatt bearbeitet Harald Fischer immer häufiger auch regionale Steine, da diese ein Gefühl von Heimat und Herkunft vermitteln. Zu den gefragteren Materialien gehören beispielsweise Hessischer Diabas, Maulbronner Sandstein und Gauinger Kalkstein.

Bearbeitung Mehr als 90 Prozent der Grabsteine und Skulpturen entstehen in Handarbeit. Je nach Material werden unterschiedliche Werkzeuge verwendet, vom klassischen Hammer und Meißel in verschiedener Ausführung bis zum Drucklufthammer.

Kunst Es muss nicht gleich ein Grabstein sein: Manche Arbeit kann zu Lebzeiten als Skulptur im Garten stehen, ehe sie auf dem Friedhof eingesetzt wird.