Arbeit Zukunftsforscher: „Die Macht liegt in den Händen der Mitarbeiter“

Zukunftsforscher Sven Gabor Jánszky.
Zukunftsforscher Sven Gabor Jánszky. © Foto: 2bAhead
Ulm / DAVID NAU 27.05.2017

Digitalisierung, Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz, Roboter – die Schlagworte für die Welt der Zukunft sind in aller Munde. Doch welche konkreten Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf unser Arbeitsleben? Darüber forscht Sven Gabor Jánszky seit vielen Jahren.

Herr Jánszky, wenn Sie einen Blick in die Arbeitswelt des Jahres 2027 riskieren, welche Berufsbilder werden bis dahin ausgestorben sein?

Sven Gabor Jánszky: Drastisch zurückgegangen sein werden zum einen Berufe, die aus immer wiederkehrenden, handwerklichen Routinen bestehen. Zum Beispiel Taxifahrer, Fernfahrer, Lokführer oder Piloten. Eine künstliche Intelligenz wird eine Maschine viel besser steuern können als der Mensch. Es wird aber immer noch eine kleine Anzahl an Chauffeuren geben, weil es immer noch Menschen geben wird, die sich lieber von einem Menschen chauffieren lassen als von einem selbstfahrendn Auto.

Haben akademische Berufe bessere Überlebenschancen?

Ich spreche lieber von Expertenberufen. Experten sind Menschen, die sich viel Wissen angeeignet haben und deren Tätigkeit darin besteht, dieses Wissen zu aktivieren und anzuwenden. So etwas machen beispielsweise Juristen, Steuerberater oder Ärzte. Diese Berufe werden sich über kurz oder lang damit auseinandersetzen müssen, dass Computer einfach mehr Wissen speichern und auch schneller passgenau anwenden können.

Welche Berufe haben dann überhaupt eine Zukunft?

Alles was mit Daten zu tun hat, wird wahnsinnig gefragt sein, zum Beispiel Datenanalysten oder Programmierer. Eine Zukunft haben aber auch Berufe, die in Zukunft weniger gefragt sein werden. Wir rechnen damit, dass all diese Experten zu sogenannte Coaches werden. Deren Tätigkeit besteht dann darin, andere Menschen zu begleiten. Ärzte werden so beispielsweise zu Gesundheitscoaches.

Was ist der Unterschied zwischen dem heutigen Arzt und dem Gesundheitscoach?

Die Coaches werden sich nicht mehr dadurch definieren, dass sie viel wissen, sondern dadurch, dass sie auf das Wissen noch die menschliche Fähigkeit draufsetzen, andere Menschen zu motivieren, zu Veränderungen zu bringen und zu begleiten.

Sie werden der digitalen Welt also einen menschlichen Touch geben?

Genau. Ich sage immer: Die Produktion von Hardware, also von Gegenständen, übernehmen die Computer. Und die Produktion von Identität, von Zusammengehörigkeit, von Zwischenmenschlichkeit, das machen weiter die Menschen.

Welche Identität soll denn der Facharbeiter, der bisher bei Daimler Autos montiert, künftig konkret produzieren?

Gerade in diesem Bereich wird es tatsächlich etwas schwer. Für diese Mitarbeiter gibt es keine Identitätsform. Sie werden diejenigen sein, deren bisherige Tätigkeit schlicht nicht mehr gefragt sein wird. Wir reden aber nicht von morgen, sondern von den nächsten 10 bis 20 Jahren. Auf lange Sicht müssen wir uns in diesem Land darauf einstellen, dass bestimmte Jobs schlicht nicht mehr da sein werden.

Steuern wir da nicht auf eine große Arbeitslosenwelle zu?

Im Gegenteil.  Wir gehen in unsere Prognosen davon aus, dass in 20 bis 25 Jahren in Deutschland Vollbeschäftigung herrschen wird.

Passt das zusammen: Weniger Jobs, aber auch weniger Arbeitslose?

Das hat einen Hauptgrund. Wir werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren erleben, wie die Babyboomer-Generation massenhaft in Rente gehen wird. Von unten rücken dann geburtenschwache Jahrgänge nach. Rechnet man das gegeneinander auf, kommt man zu dem Ergebnis, dass es ab dem Jahr 2025 in Deutschland 6,5 Millionen Menschen weniger im Arbeitsmarkt geben wird als heute. Zieht man die heutige Arbeitslosigkeit ab, dann bleiben etwa 4 Millionen. Zieht man noch die Jobs ab, die durch Automatisierung verschwinden – wir gehen in den nächsten zehn Jahren von etwa 1 Million Stellen aus – bleiben 3 Millionen. Das heißt, es gibt 3 Millionen Jobs, aber keine Menschen, die diese Jobs ausüben können. Deshalb wird jeder, der in dieser Zeit seinen Arbeitsplatz an die Automatisierung verliert, die Möglichkeit haben, einen anderen Job auszuüben. Das bedeutet aber auch, dass sie neue Kompetenzen erlernen müssen, zum Beispiel Programmieren.

Bedeutet das auch, dass wir immer flexibler werden müssen?

Ja, aber die Flexibilisierung, die heute oftmals als arbeitnehmerfeindlich gilt, wird sich genau umdrehen. Wenn ich über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in der Zukunft rede, dann ist diese arbeitnehmerfreundlich.

Das müssen Sie erklären.

Das kann man in einem ganz einfachen Bild beschreiben: Wenn in der Zukunft eine befristete Stelle endet, dann hat der Arbeitnehmer 10 bis 20 neue Angebote vor sich auf dem Tisch liegen. Er kann sich das herausforderndste oder das am besten bezahlte aussuchen. Dann empfindet dieser Mensch die Befristung als Freiheit. Die Grundangst der Deutschen vor Arbeitslosigkeit wird Schritt für Schritt verschwinden. Man sieht das heute bereits in den jungen Generationen in vielen Branchen. Es entsteht eine gewollte Nicht-Bindung an ein Unternehmen.

Werden wir also die neue Macht des Arbeiters erleben?

In einem Markt sind immer die Akteure im Vorteil, die knapp sind. Die Macht liegt sozusagen in den Händen der Mitarbeiter und nicht mehr in die Händen der Unternehmen. In so einem Umfeld kann ein Mitarbeiter seine Vorstellung von Arbeit durchdrücken. Ich bin sicher, dass der Mitarbeiter selbst definieren wird, wie er arbeitet, wann er arbeitet und wo er arbeitet.

Und was passiert mit den sozial Schwachen, die schlecht ausgebildet sind?

Ganz einfach: Für sie gibt es den Sozialstaat. Wir haben eine Bundesagentur für Arbeit, die dann nichts mehr zu tun hat, weil es schlicht keine Arbeitslosigkeit mehr gibt. Mit dem Geld, das heute einen großen Teil des Bundeshaushaltes ausmacht, kann man Weiterbildung, Kompetenzentwicklung und Umschulungen finanzieren. Wenn man das clever macht und kein Geld verschwendet, dann wird man dieses Problem ganz klar lösen.

Klingt ja nach fantastischen Zuständen. Geht diese Entwicklung dauerhaft weiter?

Wir Zukunftsforscher rechnen damit, dass ab dem Jahr 2050 Computer massenhaft menschliche Arbeit ersetzen werden. Das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem künstlich intelligente Computer an die menschliche Durchschnittsintelligenz herankommen werden. Ab diesem Zeitpunkt werden Computer nicht nur in der Fertigung und in der Automatisierung, sondern auch bei den Wissensarbeitern massenhaft Arbeitsplätze ersetzen. Dann wird wahrscheinlich die Arbeitslosigkeit steigen. Bis dahin müssen wir in der Gesellschaft eine Möglichkeit gefunden haben, dem zu begegnen.

Was können wir denn konkret tun?

Es gibt zwei Hauptpunkte, über die man reden muss. Zum einen die Frage, wie Menschen dann ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Zum anderen die  Frage, was die  Menschen mit ihrer Zeit anfangen.

Haben Sie Vorschläge?

Wir Zukunftsforscher und auch die CEOs der Technologiefirmen von Google über Amazon bis Telekom sind uns einig, dass die Frage des Geldes gar nicht die entscheidende Frage sein wird. Bis dahin werden wir ein bedingungsloses Grundeinkommen haben. Innerhalb der nächsten 20 Jahre werden wir da eine Lösung gefunden haben.

Und der zweite Punkt?

Der ist schwieriger zu beantworten. Die einen sagen, das wird toll. Wenn die Menschen Geld haben und nicht mehr dafür arbeiten müssen, dann werden sie kreativ. Die anderen sagen, wenn Menschen Geld haben und nicht mehr arbeiten müssen, dann werden sie faul. Wahrscheinlich ist beides richtig. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Erwerbsarbeit nicht mehr der Hauptmittelpunkt des Lebens sein wird, sondern andere Dinge. Hobbys, die Familie oder selbst gesuchte Arbeit. Wir müssen sie in der Gesellschaft  nur mit einem entsprechenden Wert versehen. Das ist eine Kulturfrage.

Wir müssen also keine Angst vor der Zukunft haben?

Nein! Ich bin da ganz klar. Wir reden über eine Zeit von einschneidenden Veränderungen, wahrscheinlich Veränderungen, die es selten in der Geschichte der Menschheit in dieser Geschwindigkeit gegeben hat. Wir haben aber die historische Sondersituation der Demographie. Unterm Strich wird es weniger Arbeitnehmer geben als Jobs. Deswegen werden auch die Verlierer dieser Veränderungen nicht wesentlich verlieren.

Zukunftsforscher und Journalist

Zur Person Sven Gabor Jánszky ist Zukunftsforscher und Gründer des Thinktanks „2b Ahead“. Auf Einladung des gelernten Journalisten treffen sich seit 15 Jahren alljährlich 300 Vorstandsvorsitzende und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft. Unter seiner Leitung entwerfen sie Zukunfts-Szenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden zehn Jahre. Sein Forschungsinstitut gibt regelmäßig Studien und Trendanalysen zu den Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten der Zukunft heraus. Jánszky war 1988 Vize-Jugend-DDR-Meister im Schach und hat zwei Mal den Kilimandscharo bestiegen. dna

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