Interview Zukunftsberater Gerd Leonhard über die neue Arbeitswelt, ihre Chancen und Gefahren

"Der 5-Stunden-Tag wird kommen" - sagt Zukunftsberater Gerd Leonhard
"Der 5-Stunden-Tag wird kommen" - sagt Zukunftsberater Gerd Leonhard © Foto: CAROLINE STRANG
Ulm / CAROLINE STRANG 11.10.2014
Er hält Vorträge, berät Unternehmen und schreibt Bücher: Gerd Leonhard ist ein Futurist. Für die SÜDWEST PRESSE beschreibt er seinen Job und wirft einen Blick in die Zukunft von Technik und Arbeit.

Herr Leonhard, viele klagen jetzt schon über die Entgrenzung der Arbeit. Wie funktioniert Zeitmanagement in der Zukunft?

GERD LEONHARD: Momentan arbeiten Menschen mehr wegen der Technologie, die Kommunikation ständig möglich macht. Das ist ein temporärer Zustand, der unhaltbar, ungesund und nicht effektiv ist. Wenn die Software und die Maschinen besser werden, werden sie uns diese Arbeit auch abnehmen. Der Trend geht zu weniger Arbeit. Der 5-Stunden-Tag wird kommen. Es entsteht damit auch eine Freizeitökonomie, in der wir uns sozial engagieren können, Bücher schreiben, Dinge tun, die nicht bezahlt sind. Es kann sein, dass wir irgendwann gar nicht mehr arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen.

Das klingt nach einer positiven Utopie mit bedingungslosem Grundeinkommen....

LEONHARD: Das wird noch eine Weile dauern. Aber das System von Konsum, Wachstum und Geld kollabiert irgendwann. Maschinen konsumieren nichts, sie arbeiten umsonst. Die ganze Wertkette des extremen Kapitalismus wird scheitern. Das heißt, wir müssen ein neues Sozialsystem entwickeln. In Kopenhagen werden 3000 Musiker nur dafür bezahlt, dass sie Musik machen. Das sind die ersten Spitzen dieser Entwicklung. Eine neue Sozialethik für ein vernetztes Zeitalter muss entstehen. Wir sind ethisch und sozial 20 Jahre hinter der technischen Entwicklung her. Das erzeugt Probleme wie die Frage nach dem Copyright.

Die zunehmende Vernetzung macht vielen auch Angst...

LEONHARD: Technologie ist immer schlecht und gut gleichzeitig. Wir können sie nutzen oder missbrauchen - zum Beispiel für einen Überwachungsstaat. Wir müssen als Gegengewicht zur explodierenden Technik auch eine explodierende Ethik, eine Art von Übereinkommen haben, wer diese Daten für was nutzen darf. Sonst leben wir irgendwann in einer Maschinenwelt, einem riesigen Gefängnis, in dem wir uns anpassen müssen. Es gibt schon Menschen, die sich danach richten, ob ihre Handlung auf Facebook geliked wird oder nicht. Das ist nur der Anfang des Maschinendenkens. In fünf Jahren heiraten wir dann niemanden mehr, dessen DNA-Profil nicht vorher abgeglichen wurde. Ein Gegenpol zur Technik ist Menschlichkeit. Das umfasst Dinge, die nicht mit Nullen und Einsen zu erfassen sind.

Befürchten Sie einen Daten-Super-Gau?

LEONHARD: Ich sage dazu Daten-Fukushima. Wenn wir in großem Maße betroffen sind - zum Beispiel werden alle Krankendaten veröffentlicht -, dann haben wir einen Konflikt, der bewirkt, dass wir uns Gedanken über Sicherheit und Standards machen. Das wird in den nächsten drei Jahren garantiert kommen. Vielleicht wird der gesamte Flugverkehr durch einen Virus lahmgelegt oder selbstfahrende Autos werden als Angriffswerkzeug genutzt.

Sie haben nun schon einige Entwicklungen angekündigt. Wie kommt man als Futurist auf die Trends?

LEONHARD: Ich beschäftige mich mit Zukunftstrends, sammle Informationen, lese viel, rede mit Experten, observiere und versuche Muster zu erkennen. Daraus mixe ich einen Cocktail, der sich zumeist mit den Entwicklungen der nächsten drei bis fünf Jahre beschäftigt. Ich bin eine Art Spiegel für die Unternehmen, die ich berate. Dabei sage ich oft Dinge, die nicht so gerne gehört werden, in Sinne von: Diese Entwicklung kommt in der Zukunft, ob es bei euch in den Businessplan passt oder nicht. Eigentlich könnten das die meisten auch selbst erkennen. Aber sie sind in ihrer Arbeit auf die Gegenwart konzentriert. Viele haben keine Zeit, die Entwicklungen zu betrachten oder sie wollen sie gar nicht sehen. In der Musikbranche war schon vor zehn Jahren klar, dass die Musik in die Wolke, ins Internet zieht. Aber das wollten viele nicht sehen.

Eine ungewollte Zukunft könnte auch sein, dass - wie Sie sagen - 65 Prozent der heutigen Berufe gefährdet sind. Welche denn?

LEONHARD: Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Die Technik ist weit genug, um einfache Arbeiten zu übernehmen. Eigentlich braucht man im Lebensmittelladen niemanden mehr, der an der Kasse sitzt. In Zukunft wird jede Packung Kekse einen eigenen Radiochip haben. Da müssen sie den Artikel nicht mal mehr einscannen, sondern das Bezahlen funktioniert im Vorbeigehen. Genauso braucht man bald keinen Buchhalter mehr, weil man entsprechende Software nutzt. Berufe mit mehr oder weniger roboterartigen Tätigkeiten, automatisierbare Jobs, werden ersetzt. In fünf Jahren geht das rauf bis zu komplexen Dingen wie Finanzanalyse. Dann hat man einen virtuellen Steuerberater.

Dann entstehen auch neue Jobs?

LEONHARD: Die Zahl der Jobs, die mit Technologie zu tun haben, wird explodieren. Da entstehen Millionen von neuen Stellen und Berufen. Genauso werden Millionen neue Jobs entstehen, die helfen, sich gegen die neue Technik zu behaupten. Zum Beispiel werden Leute die Privatsphäre ihrer Kunden managen, Therapeuten sorgen dafür, dass ich nicht abhängig werde von meinen mobilen Geräten. Diese Leute pflegen das Offline-Leben, das Menschliche und sind damit die Gegenbewegung zur Digitalisierung. Wir werden viel mehr Firmen mit kreativen eigenen Ideen haben - wie einen virtuellen Reiseleiter. Der geht mit einer 3-D-Brille mit mir auf Reisen. Weil alle vernetzt sind, über Telearbeit, werden diese Jobs überall verfügbar sein. Wir werden viel mehr freiberuflich, viel selbstbestimmter und wahrscheinlich wesentlich kreativer arbeiten.

Wird es denn in Zukunft noch Futuristen geben?

LEONHARD: Alle Firmen und Organisationen, die die Schnelligkeit überleben wollen, werden ihre Futuristen haben. Früher waren das Strategen. Ich sehe eine gute Zukunft für meine Kollegen. In Deutschland ist der Bezug zu allem, was heute zählt, stark. Was nicht nächste Woche in Geld umgewandelt werden kann, ist nicht denkenswert. Damit sind wir immer zu spät.

Musiker und Pionier

Zur Person Gerd Leonhard hat Theologie studiert und mehr als zehn Jahre lang als Musiker und Produzent in den USA gearbeitet. Als Jazz-Gitarrist gewann er 1985 den Quincy Jones Award. Mitte der 90er Jahre startete er sein erstes Internet Start-Up. Allerdings sei er mit seinen Ideen zu früh dran gewesen, sagt der 53-Jährige heute. 1997 hat er ein ähnliches Geschäftsmodell wie Spotify, einen Internet-Musikdienst, gestartet. "Bei meinen 14 Start-ups war ich viel weiter als die meisten anderen, ich habe zu weit vorausgedacht", berichtet der Schweizer. 2002 sei die Internetblase dann geplatzt - "und wir sind alle pleitegegangen." Leonhard kehrte nach Europa zurück und schrieb ein Buch, das zum Beststeller wurde: Die Zukunft der Musik. Danach hätten viele nach seine Meinung als Zukunftsberater gefragt. Seine Themenwahl wurde breiter. Das Wall Street Journal bezeichnete ihn 2006 als einen der führenden Medienfuturisten der Welt.

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