Die spannendste Frage beim Daimler-Konzern beantwortete der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff gestern gleich zu Beginn der Hauptversammlung in Berlin: Es sei "aus heutiger Sicht die absolute Absicht des Aufsichtsrats", den Ende 2016 auslaufenden Vertrag von Konzernchef Dieter Zetsche um weitere drei Jahre zu verlängern. Damit könnte er den Stuttgarter Konzern über seinen 66. Geburtstag hinaus leiten. Die rund 5000 Aktionäre quittierten dies mit Beifall. Nach dem Aktienrecht können Vorstandsverträge frühestens ein Jahr vor Ablauf verlängert werden.

Zetsche, seit Anfang 2006 im Amt, ist heute schon der dienstälteste Autoboss in Deutschland. Seit Monaten war spekuliert worden, ob der promovierte Elektroingenieur länger am Steuer bleiben darf. Noch 2013 hatte ihn der Betriebsrat ausgebremst und im Aufsichtsrat eine Verlängerung nur um drei statt um fünf Jahre durchgesetzt. Jetzt steht auch die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat hinter den Plänen, "weil wir das Unternehmen auf einem guten Weg sehen", wie Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht betonte.

Die Erklärung ist einfach: "Der Stern strahlt wieder", lobten gleich mehrere Aktionärsvertreter. Die Stuttgarter haben gegenüber den Dauerkonkurrenten in der Oberklasse, Audi und BMW, deutlich aufgeholt, auch wenn sie diese noch nicht überall eingeholt haben. Davon profitieren Mitarbeiter und Aktionäre: Die Stammbelegschaft bekommt einen Rekord-Bonus von 4350 EUR, die Dividende wird auf 2,45 EUR je Aktie erhöht.

"Ich habe erstmals Studenten, die sagen: Mercedes ist ein tolles Auto", berichtete Roland Klose von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz über einen Stimmungsumschwung bei jungen Leute. Er fragte allerdings auch, ob das "Feuerwerk neuer Ideen", das Zetsche präsentiert hatte, nachhaltig sei. Der Konzernchef versuchte ihn zu beruhigen: Bis Ende des Jahrzehnts seien allein 10 neue Modelle geplant, die keinen Vorgänger hätten. Insgesamt seien 40 Fahrzeuge in der Pipeline. Mit der Modelloffensive ist es noch lange nicht vorbei.

Die hatte er schon bei seiner Einleitungsrede in den Mittelpunkt gestellt und nicht die Erfolge des vergangenen Jahres. Die Botschaft: Daimler gibt Gas und will die Konkurrenten BMW und Audi überholen, bei den Stückzahlen wie beim Gewinn, auch wenn er keine Prognosen für Umsatz und Ertrag abgab. Allein für dieses Jahr verspricht er 8 neue oder überarbeitete Pkw-Modelle. Auf der Bühne stand das neue GLE Coupé, das am gleichen Tag in New York offiziell vorgestellt wurde, ein bulliger Kompaktwagen und für Zetsche der Beleg, warum 2015 für Mercedes-Benz das "Jahr der SUVs" ist: Fast das ganze Angebot an sportlichen Geländewagen, die sich in den USA derzeit besonders gut verkaufen, wird erneuert.

Von einem mittelgroßen Pickup, einem Pkw mit offener Ladefläche, zeigte Zetsche nur ein Foto. Das Modell soll "noch vor 2020" auf den Markt kommen. Diese Fahrzeuge seien weltweit zunehmend gefragt, und Daimler steige als erster Premium-Hersteller in diesen Markt ein - "die Zeit ist reif".

Auch bei der Spitzen-Technologie will Daimler auf der Überholspur bleiben. Beim CO2-Ausstoß soll 2016 das Ziel von 125 Gramm pro Kilometer erreicht sein. Weniger ist mit Verbrennungsmotoren kaum zu schaffen. Daher setzt Daimler auf Plug-in-Hybridantrieb, also die Kombination von Elektro- und Benzinmotor. Bis 2017 sollen 10 Modelle im Angebot sein und für flottes Vorwärtskommen sorgen: "Wir wollen attraktive Technologieträger, keine Verzichtsmodelle."

Zurückhaltend äußerte sich Zetsche zu Gerüchten, Apple und Google wollten eigene Autos bauen: Ihm bereite das keine schlaflosen Nächte, sondern bestätige, dass die Autoindustrie eine Zukunftstechnologie sei. Daimler sieht er da besonders gut aufgestellt.

Auffällig war das nachlassende Interesse der Aktionäre an der Hauptversammlung: Den Weg in den neuen Citycube, der das marode ICC als Konferenzzentrum abgelöst hat, fanden mit maximal 5000 Aktienbesitzern deutlich weniger als in den vergangenen Jahren. Ein Manager erklärte das mit den fehlenden Problemen. Nach Stuttgart zurück will der Vorstand mit dem Aktionärstreffen nicht: Das Messegelände dort hält Finanzchef Bodo Uebber für nicht geeignet.

Zu wenig Spannung

Standspur "Elektromobilität ist unser Ziel", lautet die Vision von Daimler-Forschungschef Thomas Weber. Doch in Deutschland kommt sie ihm viel zu langsam voran. Das Ziel von 1 Mio. Elektroautos im Jahr 2020, um Deutschland zum Leitmarkt für diese Technik zu machen, werde ohne zusätzliche Anreize schwierig zu erreichen sein, kritisierte er. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 8600 Elektroautos neu zugelassen; Anfang 2015 betrug der Bestand knapp 19 000 Pkw.

Kommentar von Dieter Keller: Kronprinz gesucht

Was für ein Unterschied: Nur zwei Jahre ist es her, dass spekuliert wurde, Dieter Zetsche werde schon bald als Daimler-Chef abgelöst, weil der Stuttgarter Nobelautobauer deutlich hinter Audi und BMW zurückgefallen war. Jetzt soll sein Vertrag bis Ende 2019 verlängert werden, also über seinen 66. Geburtstag hinaus, und alle klatschen Beifall - die Aktionäre und auch der Betriebsrat.

Für sie ist diese Entwicklung positiv. Mindestens einer wird sie eher besorgt verfolgen: Wolfgang Bernhard. Der ehrgeizige Manager, derzeit für die Nutzfahrzeuge zuständig, ist dann 59. Daher schwinden seine Chancen, Zetsche zu beerben. Genau aus diesem Grund hatte Andreas Renschler den Vorstand vor einem Jahr verlassen: Er rechnete sich bei VW bessere Chancen auf den Chefsessel aus.

Der Blick auf den achtköpfigen Daimler-Vorstand zeigt, dass der Altersdurchschnitt schon jetzt recht hoch ist. Zwar gehören Spitzenmanager Ende 50 noch nicht zum ganz alten Eisen. Doch ein künftiger Chef muss die Chance haben, den Konzern für eine geraume Zeit zu lenken und so für Kontinuität zu sorgen. Daher müssen Zetsche und der Aufsichtsrat schon bald für neue Köpfe sorgen und einen Kronprinzen - oder eine Prinzessin - aufbauen. Sonst sehen die Stuttgarter bald alt aus.