Wie bei den meisten politischen Phänomenen prallen Behauptungen aufeinander, die nicht zusammenpassen. Die Zeitarbeit (Leiharbeit) zählt dazu, die Meinungen könnten verschiedener kaum sein. Die grüne Bundestagsabgeordnete Brigitte Pothmer sagt: "Leiharbeit ist keine Brücke in dauerhafte Beschäftigung, sondern eine Drehtür zurück in die Arbeitslosigkeit." Christian Rauch, Chef der Agentur für Arbeit, Regionaldirektion Baden-Württemberg, sagt: "Zeitarbeit stellt für viele Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt - auch aus Arbeitslosigkeit heraus - dar."

Wer hat recht?

Die Arbeitsagentur hat eine Menge Zahlen erhoben, die das Phänomen im Südwesten Anfang 2014 strukturieren. Neuere Daten liegen nicht vor, allerdings hat die Zeitarbeit im Verlaufe des vergangenen Jahres nicht zu-, sondern abgenommen.

Starke Zunahme Seit der Jahrtausendwende allerdings hat Zeitarbeit in Deutschland und auch in Baden-Württemberg stark zugenommen. Im Jahr 2000 arbeiteten in Baden-Württemberg rund 37.500 Personen in der Verleih-Branche, 2013 waren es mit 88.500 weit mehr als doppelt so viele. Die Beschäftigung insgesamt hat sich in diesem Zeitraum im Südwesten ebenfalls erhöht, aber lange nicht so stark; sie nahm um knapp 10 Prozent auf 4,2 Mio. Personen zu. In Deutschland gibt es aktuell rund 800.000 Zeitarbeiter, das sind etwa 2,5 Prozent aller Arbeitnehmer.

Arbeitslose in Arbeit Als wichtiges Argument für Zeitarbeit wird angeführt, dass sie Arbeitslose in Arbeit bringt. Die konkreten Daten bestätigen dies. Zwar waren die im Juni 2013 gezählten Leiharbeiter Baden-Württembergs zu 37,4 Prozent direkt aus einer Beschäftigung gekommen. Im Umkehrschluss aber bedeutet dies: Knapp zwei Drittel hatten zuvor keinen Job; gut 13 Prozent hatten noch nie eine Beschäftigung.

Klebeeffekt Das zweite Argument für Zeitarbeit wird "Brückeneffekt" oder "Klebeeffekt" genannt. Man meint damit, dass ein Zeitarbeitnehmer entweder von seinem Entleihbetrieb fest übernommen wird (Klebeeffekt) oder aber von einer anderen Firma (Brückeneffekt). Dies hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) im Jahr 2008 bundesweit untersucht. Ergebnis: 12 Prozent der Mitarbeiter, die von einer Firma zeitweise ausgeliehen worden waren, wurden übernommen, 7 Prozent davon nahtlos.

Besser als arbeitslos Der Stuttgarter Regionaldirektionschef Christian Rauch sieht auch das zweite Argument für die Zeitarbeit von den Fakten gedeckt: "Arbeitslose, die Zeitarbeit aufnahmen, haben langfristig bessere Chancen auf eine anderweitige Vollbeschäftigung als Arbeitslose, die die nicht taten." Eine Studie des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung der Arbeitsagentur (IAB) stellt fest, dass Langzeitarbeitslose die Chance via Zeitarbeit verbessern, auch außerhalb der Zeitarbeit einen Job zu bekommen. Leiharbeit ist auch in diesem Fall besser als arbeitslos zu bleiben.

Welche Firmen setzen Zeitarbeit ein? Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen hat eine Umfrage unter Unternehmen in Baden-Württemberg ausgewertet. Leiharbeiter werden demnach zu zwei Dritteln von größeren Betrieben (100 oder mehr Beschäftigte) eingesetzt. 66 Prozent der Entleihbetriebe kamen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, 11 Prozent aus dem Baugewerbe. Im Dienstleistungsbereich spielt Zeitarbeit dagegen kaum eine Rolle.

Mehr als die Hälfte sind Helfer Das mag auch mit der beruflichen Qualifikation der Leiharbeiter zusammenhängen. Sie ist erheblich geringer als die der anderen Arbeitnehmer. Von den Zeitarbeitern im Südwesten waren zum Stichtag der Untersuchung 5 Prozent Akademiker, 55 Prozent mit und 40 Prozent ohne Berufsabschluss. Dementsprechend werden die Ausgeliehenen eingesetzt: 57,5 Prozent als Helfer, 34,7 Prozent als Fachkraft, nicht einmal jeder Zehnte als Spezialist oder Experte. In Baden-Württemberg sind vier von zehn Zeitarbeitern in der Metall- und Elektroindustrie beschäftigt. Diese Branche ist im Land auch stark vertreten.

Länger als ein halbes Jahr Unter den Leiharbeitern sind drei Viertel auch nach einem halben Jahr noch beschäftigt - ob weiterhin in der Zeitarbeitsbranche oder in "normalen" Arbeitsverhältnissen ist aus den Daten nicht zu ersehen.

Arbeitsplatzrisiko Zeitarbeiter haben ein deutlich höheres Risiko, wieder arbeitslos zu werden. Es ist bei beruflich qualifizierten Leiharbeitern sechs Mal so hoch, bei Leiharbeitern ohne Berufsabschluss noch größer. Im Monatsdurchschnitt haben sich in Baden-Württemberg 3400 Zeitarbeitnehmer arbeitslos gemeldet. Im Jahresdurchschnitt 2013 hatten rund 13 Prozent der Arbeitslosen im Land vorher einen Job in der Zeitarbeit, in ganz Deutschland waren es 11,4 Prozent.

Stärkere Dynamik Im vergangenen Jahr haben Baden-Württembergs Zeitarbeitsunternehmen im Monat 10 500 freie Stellen angeboten. Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 waren es nur halb so viele gewesen. In den vergangenen sechs Jahren hat sich dieser Trend gezeigt: In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit fällt die Zeitarbeit auf das allgemeine Niveau ab; zieht die Konjunktur aber wieder an, nimmt Zeitarbeit unverhältnismäßig stark zu. Im Jahresdurchschnitt 2013 kamen immerhin 44 Prozent der neu gemeldeten Arbeitsplätze aus der Zeitarbeitsbranche.

Die Branche Zum Stichtag der Studie im Dezember 2013 hatten 2413 Verleihfirmen ihren Sitz in Baden-Württemberg. Damit hat das Land einen Anteil von 13,6 Prozent der Zeitarbeitsbranche in Deutschland. Mehr als drei Viertel der baden-württembergischen Verleiher haben weniger als 50 Mitarbeitern auf ihrer Lohnliste, knapp 42 Prozent sogar weniger als zehn Mitarbeiter.

Fazit Baden-Württembergs Arbeitsagenturchef Rauch bilanziert: "Die Zeitarbeit hat sich seit mehr als 40 Jahren als feste Größe etabliert. Sie ist eine Möglichkeit für die Betriebe im Land, sich flexibel dem weltweiten Wettbewerb zu stellen, ohne die Stammbelegschaft größeren Risiken auszusetzen." Es gehe darum, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, "dass die berechtigten Interessen der Zeitarbeitnehmer, der Zeitarbeitsunternehmen und der Entleihbetriebe in einer guten Balance stehen".

Begriffe und Befindlichkeiten

Arbeitsrecht Die Zeitarbeit ist ein arbeitstechnischer und -rechtlicher Begriff. Zu den Vertragspartnern Arbeitnehmer und Arbeitgeber kommt ein Betrieb (Entleiher) hinzu, an den die Zeitarbeitsfirma ihren Mitarbeiter verleiht. Der Zeitarbeiter wird von seiner Zeitarbeitsfirma bezahlt - unabhängig davon, ob er aktuell verliehen ist oder nicht. Seit 1972 ist die Zeitarbeit gesetzlich geregelt. In der Zwischenzeit wurden mehrere Regelungen getroffen, welche die Zeitarbeit erschwert oder erleichtert haben.

Arbeitsentgelt Das Arbeitsentgelt ist in der Zeitarbeit deutlich niedriger. Nach einer Studie des IAB verdienen Zeitarbeitnehmer im Schnitt knapp 17 Prozent weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen der Stammbelegschaft in der jeweiligen Lohn- und Berufsgruppe. Das Median-Bruttoentgelt betrug zuletzt 1693 Euro, das sind rund 48 Prozent weniger als das Durchschnittsentgelt aller Branchen. Median bedeutet allerdings nicht Durchschnitt, sondern den Wert in einer Zahlenreihe, der genau in der Mitte liegt.

Arbeitszufriedenheit Arbeitslose, die eine Stelle in der Zeitarbeit bekommen, empfinden dies als Mehr an Lebensqualität - je länger der Arbeitsvertrag läuft, desto größer ist die Zufriedenheit; auch die Chance, danach übernommen zu werden, erhöht die Motivation der Leiharbeiter. Wörtlich heißt es in der Studie der Stuttgarter Arbeitsagentur: "Die Arbeitszufriedenheit hängt wesentlich von der subjektiv wahrgenommenen Arbeitsplatzsicherheit ab, nicht von der Beschäftigungsform (Zeitarbeit, befristete Arbeit)."