Frankfurt / ROLF OBERTREIS  Uhr
Schon seit Tagen kaufen Anleger verstärkt deutsche Staatsanleihen, das senkt die Renditen. Der Grund ist die Angst vor dem drohenden Brexit.

Um exakt 9:16 Uhr war es am gestrigen Dienstag so weit: Erstmals in ihrer 44-jährigen Geschichte rutschte die Durchschnittsrendite der zehnjährigen Bundesanleihen mit minus 0,001 Prozent in den negativen Bereich. Im weiteren Verlauf ging es runter bis auf minus 0,004 Prozent. Erstmals legen Käufer bei diesen Anleihen drauf statt Zinsen zu kassieren. „Absurdistan ist jetzt auch bei den Zehnjährigen angekommen“, kommentierte ein Experte die Entwicklung.

Damit werfen die für Versicherungen, Pensionskassen, Fonds und andere Großanleger wichtigsten Anleihen des Bundes keine Rendite mehr ab. Auch Privatanleger trifft das. Halten sie die Papiere allerdings bis zum Ende der Laufzeit, bekommen sie jedes Jahr weiter Zinsen. Bei der jüngsten zehnjährigen Bundesanleihe sind es nur noch 0,5 Prozent, bei der besten, die 2024 ausläuft, aber sogar noch 6,25 Prozent. Freuen kann sich vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Die Ausgaben für Zinsen dürften weiter sinken.

 Für Versicherungen, Fonds und Pensionskassen dagegen wird es immer schwieriger, die notwendigen Renditen zu erwirtschaften. Der Zins für die nächste zehnjährige Bundesanleihe, die die Finanzagentur des Bundes im Auftrag des Finanzministers am 13. Juli auflegt, dürfte niedriger liegen als bei der letzten, die im Januar emittiert wurde. Da waren es auch schon nur 0,5 Prozent.

 98 Prozent der umlaufenden Bundesanleihen mit einem Gesamtvolumen von 65 Mrd. € liegen bei Großinvestoren, sagt Jörg Müller, Sprecher der Finanzagentur. Auf Privatanleger entfallen damit etwa 2 Prozent oder nur 1,3 Mrd. € . Es dürfte noch weniger werden. „Für Privatanleger macht es keinen Sinn mehr, Bundesanleihen zu kaufen“, sagt ein Händler an der Börse. Dabei lobt die Finanzagentur die Bundesanleihen als einen „wichtigen, da sehr sicheren Grundbaustein für die Altersvorsorge“. Dank gleichbleibender Zinszahlungen und der garantierten Rückzahlung zum vollen Nennwert am Laufzeitenden ließen sich Erträge gezielt kalkulieren.

Vor allem die Verunsicherung über den möglichen EU-Austritt Großbritanniens ist nach Ansicht von Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DekaBank, für die Talfahrt der Renditen und Zinsen verantwortlich. „Das treibt Investoren in den sicheren Hafen der Bundesanleihen.“ Immer mehr Versicherungs-, Pensionskassen- und Fondsmanager kaufen die Papiere. Dazu kommen die Notenbanken der Industriestaaten – derzeit vor allem in Europa und in Japan – die mit ihrer, so Kater, „aggressiven Geldpolitik“ und immer niedrigeren Zinsen gegen niedrige und sinkende Inflationsraten und das relativ schwache Wachstum ankämpfen. Und mit Sondermaßnahmen: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit März 2015 Staatsanleihen der Euro-Länder im Volumen von 835 Mrd. € gekauft, allein 191 Mrd. € entfallen auf deutsche Papiere, vornehmlich Bundesanleihen.

Schon Anfang vergangener Woche war die Umlaufrendite aller Bundesanleihen erstmals ins Minus gerutscht. Aktuell werfen nur noch Anleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren eine positive Rendite ab, aktuell gut 0,5 Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen sind für Investoren und den Finanzminister das wichtigste Papier. Sie gelten als absolut sicher und risikolos, schließlich garantiert dafür der deutsche Staat.

 Die erste zehnjährige Bundesanleihe wurde am 22. Oktober 1962 aufgelegt – mit 6 Prozent Zins und 250 Mio. DM Volumen. DM. Heute sind zehnjährige Bundesanleihen weit vor zwei-, fünf- und 30-jährigen Anleihen das wichtigste Refinanzierungsinstrument des Bundes. Aktuell sind 24 Anleihen im Umlauf in Höhe von 481 Mrd. € .

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