Nein, Französisch muss jetzt keiner der WMF’ler lernen, antwortete Firmensprecher Kai Hummel auf halb scherzhafte, halb ernste Fragen der Mitarbeiter. Die SEB-Gruppe sei zwar ein französischer, vor allem aber ein internationaler Konzern. „Die Firmensprache ist Englisch.“

Der Randaspekt weist auf den Kern des Ganzen. Was wird aus der Traditionsfirma unter einem französischen Eigentümer? Zwar ist die WMF schon lange nicht mehr das schwäbische Unternehmen, sondern gehört seit Jahrzehnten Aktionären, die mit schwäbischer Tradition wenig und mit Geislingen gar nichts im Sinne haben. Dafür mehr damit, die bekannte Marke unternehmerisch nach vorne zu bringen. Dem US-Großinvestor KKR ist das seit 2012 gelungen – zumindest wenn man den Wert des Besteck- und Kaffeemaschinenherstellers zum Maßstab nimmt.

Finanzinvestoren engagieren sich immer nur auf Zeit bei einem Unternehmen. Deshalb war seit Monaten klar, dass KKR einen Käufer für die WMF sucht. Zuletzt wurden eine Reihe von Namen gehandelt, unter anderem auch der chinesische Mischkonzern Haier. Den Zuschlag bekommt jetzt die französische SEB-Gruppe mit Sitz in der Nähe von Lyon. Zusammen mit den Pensionsverpflichtungen, welche die Franzosen übernehmen, legen sie rund 1,7 Milliarden Euro auf den Tisch.

Was ist ihnen an ihrem künftigen Tochterunternehmen so viel wert? Und was bedeutet dies für die Mitarbeiter und das Management um den WMF-Chef Peter Feld? Zumindest auf die erste Frage sind die Antworten bekannt. Nach eigenem Bekunden ist SEB vor allem daran interessiert, „eine führende Position auf dem sehr attraktiven Markt der Profi-Kaffeemaschinen zu erlangen“, wie es wörtlich in der Pressemitteilung heißt. Die Geislinger sind hier mit einem Anteil von 28 Prozent unangefochtener Weltmarktführer. Daneben verspricht man sich einen besseren Zugang auf den deutschen Markt. Und auch die so genannten Synergien – ein Fachwort dafür, dass Kosten bei Fusionen gesenkt werden können. Jedes Jahr sollen so 40 Millionen Euro eingespart werden.

Aus Sicht der WMF macht die Allianz vor allem deshalb Sinn, weil man mit dem größeren Partner die Internationalisierung vorantreiben kann. SEB ist dort stark, wo die WMF nach Einschätzung der Branchenexperten in der Vergangenheit nur unzureichend Fuß gefasst hatte: allen voran in China, aber auch in den USA oder in Brasilien.

Nicht umsonst unterstreicht WMF-Chef Peter Feld, dass „unser Auslandsanteil im vergangenen Jahr erstmalig bei 50 Prozent lag“. Die stärkere Internationalisierung war eines der Ziele, die Feld vor drei Jahren formuliert hatte. Der Neuausrichtung der Logistik fielen seither 400 Stellen zum Opfer, allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen. Gleichzeitig rief Feld den Standort Geislingen als „Wiege der WMF Group“ aus, der mit Millioneninvestitionen aufgewertet wird.

Streng genommen sind beide Konzerne Konkurrenten – beide haben die ähnlichen Produkte im Portfolio. Beide betonen aber auch, dass sie sich nicht überschneiden, weil man auf unterschiedlichen Märkten vertreten ist und zudem unterschiedliche Preisklassen bedient: SEB eher den Massenmarkt, WMF die hochwertige Schiene. „Wir sind Premium-Hersteller“, sagt Pressesprecher Kai Hummel.

SEB-Chef Thierry de La Tour d’Artaise seinerseits schwärmt: „Wir schätzen WMF und seine Mitarbeiter sehr und teilen unsere Kultur und unsere Werte.“ In Geislingen wird man das gern hören – und als Bestätigung dafür interpretieren, dass von einer Konkurrenz nicht die Rede sein könne.

Ganz ausgeräumt sind diese Bedenken freilich nicht, so lange nicht bekannt ist, wie die Mutter die Zusammenarbeit mit der Tochter organisieren wird. „Wir wissen nicht, was der neue Eigentümer mit uns macht“, sagt Betriebsratschef Frank Schnötzinger. Aber er sagt auch: „Grundsätzlich sind wir positiv gestimmt, weil wir am Stück verkauf wurden.“

Mutter und Tochter

WMF Die Württembergische Metallfabrik ist ein deutsches Traditionsunternehmen. Die Firma wurde 1853 in Geislingen gegründet. Neben Bestecken, Kochtöpfen und Kleingeräten für die Küche hat sich WMF auf Kaffeemaschinen vor allem für die Gastronomie spezialisiert. Die WMF betreibt rund 200 Fachgeschäfte im deutschsprachigen Raum betrieben und beschäftigte weltweit rund 5700 Mitarbeiter, davon 3800 in Deutschland. Hergestellt werden die Produkte in Deutschland, China, Indien, Tschechien und der Schweiz. Der Umsatz lag zuletzt bei 1,1 Milliarden Euro.

SEB Der Konzern sieht sich selbst als Weltmarktführer für kleine Haushalts-Ausstattung. SEB produziert wie WMF auch Kochgeschirr und Elektrokleingeräte, von der Fritteuse zum Waffeleisen.  Der Konzern – dessen Vorläufer 1857 im Burgund gegründet wurde – ist in rund 150 Ländern präsent. SEB vereint bekannte Marken wie Krups, Tefal, Rowenta und Moulinex unter einem Dach. Der Umsatz Im vergangenen Jahr mit 26.000 Mitarbeitern betrug 4,8 Milliarden Euro, der Gewinn  206 Millionen Euro.

Ein Kommentar von Miriam Kammerer: Diesmal etwas Besonderes

Ein neuer Eigentümer bei WMF – das ist zunächst nichts Bedeutendes. Der Besteckhersteller, Teil des  Tafelsilbers württembergischer Wirtschaft, gehört schon seit den 80er Jahren unternehmensfernen Eignern, zuletzt dem US-Finanzinvestor KKR. Der französische Konzern SEB ist aber keine Geldanlage-Gesellschaft, sondern so etwas wie ein Konkurrent. Daher ist die Übernahme jetzt etwas Besonderes.

Sie wirft die Frage auf, was die Franzosen mit ihrer deutschen Tochter vorhaben. Der Einstieg der Finanzinvestoren hatte früher auch reflexhafte Ängste ausgelöst, die sich als vollkommen unberechtigt herausstellten. WMF ist unter ihnen größer, internationaler und erfolgreicher geworden. Künftig werden in Geislingen also keine Finanzprofis, die sich aus dem operativen Geschäft heraushalten, das Sagen haben, sondern ein Konzern aus der eigenen Branche. Die Vermutung, dass er im Notfall französische Interessen vor deutsche stellt, ist berechtigt.

WMF ist aber kein Notfall, sondern ein internationaler Player. SEB bezahlt ja keine 1,7 Milliarden Euro, um etwas ins Haus zu holen, das man selber schon hat. WMF wird mit der französischen Mutter nicht schwächer werden. Ob und wie die Franzosen WMF organisatorisch ausrichten werden, ist noch unklar. Bis dahin herrscht Spannung in Geislingen an der Steige.