Arbeitswelt Blick auf den Gehaltszettel der Kollegen

Dieter Keller 04.01.2018
Betriebe mit mehr als 200 Mitarbeitern müssen von kommender Woche an Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlech­tern offenlegen. So funktioniert der Auskunftsanspruch.

Oft verdienen Frauen immer noch weniger als Männer – oder sie haben zumindest den Verdacht. Ab Dreikönig können sie in größeren Betrieben herausbekommen, ob er berechtigt ist. Denn am 6. Januar wird das Gesetz zur Lohngerechtigkeit wirksam, das der Bundestag schon vor einem halben Jahr beschlossen hatte. Die Arbeitgeber sollten Zeit haben, sich auf die neuen Regeln vorzubereiten.

Auf den ersten Blick ist die Lohnlücke groß: Männer kamen 2016 im Schnitt auf einen Brutto-Stundenlohn von 20,71 €, Frauen nur auf 16,26 €, also 21 Prozent weniger, so zumindest die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Damit steht Deutschland beim „Gender Pay Gap“, also der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, im EU-Vergleich besonders schlecht da. Allerdings erklären das die Statistiker zum größten Teil damit, dass Frauen häufig in schlecht bezahlten Branchen und Berufen arbeiten, etwa als Verkäuferin oder Friseurin, und selten im Maschinenbau, obwohl der deutlich besser entlohnt. Die um solche Faktoren „bereinigte Lohnlücke“ beträgt 6 Prozent.

Doch das war insbesondere der SPD immer noch ein Dorn im Auge, weshalb sie nach langen Diskussionen in der letzten Legislaturperiode das Gesetz durchsetzte, das jetzt wirksam wird. Hier die wichtigsten Regelungen:

Für wen gilt das neue Gesetz? Nur für Betriebe mit mindestens 200 Mitarbeitern und damit für weniger als die Hälfte aller Beschäftigten. Auch hat keiner das Recht zu erfahren, wie viel der Chef oder ein bestimmter Kollege verdient. Vielmehr gibt es nur einen Auskunftsanspruch nach dem Verdienst einer Gruppe von mindestens sechs Kollegen mit der gleichen oder einer vergleichbaren Tätigkeit wie der Arbeitnehmer selbst, und das auch nur für das andere Geschlecht. Auch Männer können also herausbekommen, ob ihre Kolleginnen besser dran sind, nicht dagegen, wie es bei ihren Kollegen aussieht. Den Anspruch haben auch Beschäftigte im Öffentlichen Dienst, Beamte allerdings nur, wenn sie beim Bund arbeiten. Länder und Kommunen sind dagegen ausgenommen.

Wie funktioniert der Auskunftsanspruch? Am einfachsten geht es, wenn ein Betriebsrat vorhanden ist. Über ihn ist eine schriftliche Anfrage möglich, ohne dass der Arbeitgeber erfährt, wer sie gestellt hat. Dieser muss dem Betriebsrat die nötigen Informationen bereitstellen, etwa durch Einblick in die Lohnlisten. Alternativ kann jeder auch den Weg direkt in die Personalabteilung wählen, aber das geht nicht anonym. Gibt es keinen Betriebsrat, ist dies die einzige Möglichkeit. Der individuelle Auskunftsanspruch besteht alle zwei Jahre.

Was muss der Arbeitgeber verraten? Das Durchschnittsgehalt aller Kollegen mit vergleichbarer Tätigkeit. Dazu gehören auch Zusatzleistungen wie Boni oder Dienstwagen. Zudem muss der Arbeitgeber die genauen Kriterien für die Entlohnung nennen. Für die Antwort haben nicht tarifgebundene Betriebe drei Monate Zeit; für tarifgebundene ist dies nicht festgelegt.

Was passiert, wenn eine Frau erfährt, dass sie weniger verdient als die Männer? Gar nichts. Das Gesetz bringt nur Recht auf Auskunft und nicht auf mehr Geld. Die Arbeitnehmerin kann ihre Erkenntnisse nur bei den nächsten Gehaltsverhandlungen einsetzen – oder klagen. Das war schon bisher möglich, etwa aufgrund des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, das Diskriminierung unter anderem wegen des Geschlechts verbietet.

Wie gut sind Arbeitgeber und Betriebsräte vorbereitet? Es gibt schon erste Anfragen, aber sie rechnen nicht gleich mit einem Ansturm. Die Verbände und Gewerkschaften haben Schulungen und Unterlagen angeboten. Tarifgebundene Betriebe sollten eigentlich keine Probleme haben, schon weil die Tarifverträge nicht zwischen Frauen und Männern unterscheiden. Da ist eher die Einordnung in Tarifgruppen umstritten. Verunsicherungen gibt es, weil viele Begriffe unscharf sind, etwa was gleichwertige Tätigkeiten sind.

Mehr Probleme im Westen als im Osten

Ganz langsam wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen kleiner: 2006 betrug sie 23 Prozent, 2016 noch 21 Prozent. Das ergab die Verdienststrukturerhebung, die das Statistische Bundesamt alle vier Jahre durchführt; dazwischen schreibt es die Zahlen fort. Über drei Viertel der Differenz erklären die Statistiker mit messbaren Faktoren: In typischen Frauenberufen ist die Bezahlung schlecht. Sie arbeiten häufig Teilzeit und haben seltener Führungspositionen. Im Öffentlichen Dienst sind die Unterschiede deutlich kleiner als in der Privatwirtschaft. Dort ist der Lohnabstand im Osten nur halb so groß wie im Westen. dik