Vostel Wie ein Start-Up Freiwilligenarbeit organisiert

Stephanie Frost (links) und Hanna Lutz in ihrem Büro in Berlin.
Stephanie Frost (links) und Hanna Lutz in ihrem Büro in Berlin. © Foto: Bianca Frieß
Berlin / Bianca Frieß 10.06.2017

Eine kleine Wohnung im Berliner Stadtteil Neukölln. Den frischgebrühten Kaffee gibt es aus Wassergläsern, im Büro neben der Küche arbeitet eine junge Frau mit ihrem Laptop an einer Art Werkbank. Das Büro des jungen Unternehmens Vostel sieht so aus, wie man sich einen typischen Start-up-Sitz vorstellt. Dabei sind die Unternehmerinnen Hanna Lutz (30) und Stephanie Frost (29) über die erste Gründungsphase schon hinaus. Ihre Freiwilligenbörse im Internet, die Ehrenamtliche an Hilfsorganisationen vermittelt, hat in der Bundeshauptstadt Fuß gefasst. 2014 ging die Plattform online, heute zählt Vostel 3700 Freiwillige, die sich bei den Projekten engagieren.

Das Prinzip ist einfach: Wer mitmachen möchte, gibt auf der Internetseite seine Daten ein: Wo soll das Projekt stattfinden, an welchen Tagen und wie sind die eigenen Deutschkenntnisse. Automatisch schlägt das Programm dann Hilfsaktionen vor, für die Freiwillige gesucht werden – etwa für die Versorgung Obdachloser oder fürs Deutschlernen in einem Sprachcafé. Die Ehrenamtlichen können sich mit ein paar Klicks anmelden. „Und bei Fragen stehen wir als Betreuer zur Seite“, sagt Gründerin Hanna Lutz. Neben den beiden Unternehmerinnen arbeiten sechs weitere Mitarbeiter in Teilzeit bei Vostel.

Die Nutzung der Plattform ist kostenlos. Worin liegt dann aber das Geschäftsmodell des Unternehmens? „Geld verdienen wir mit Corporate Volunteering“, erklärt Lutz: „Unternehmen bezahlen dafür, dass ihre Mitarbeiter sich engagieren.“ Zu den Kunden von Vostel zählen etwa der Energieversorger „Gasag“ und das Tourismusportal „Visit Berlin“. Der größte Kunde ist der Versandhändler Zalando; er bietet seinen Mitarbeitern 16 Stunden Arbeitszeit im Jahr, um sich gemeinnützig zu engagieren.

Vostel organisiert einige dieser Einsätze und richtet „Social Days“ aus, bei denen mehrere Mitarbeiter einen Tag lang ein größeres Projekt bewältigen. „Das sind oft Renovierungsarbeiten“, sagt Lutz. Vor kurzem haben einige Zalando-Mitarbeiter aber auch zusammen mit Flüchtlingen Bewerbungen geschrieben. Wie viel Vostel mit diesem Prinzip verdient, will die Gründerin nicht verraten. Nur so viel:  Je nach Materialaufwand kostet ein Aktionstag für 20 bis 30 Mitarbeiter 1000 bis 1500 €.

Aber zurück zur kostenlosen Ehrenamtsbörse: Das Prinzip soll zwei Arten der Freiwilligensuche zusammenbringen, erklärt Lutz. Bisher gibt es sonst lokale Agenturen, an die sich Ehrenamtliche persönlich wenden – die haben aber keine unbegrenzten Kapazitäten. Auf der anderen Seite gibt es Online-Plattformen, die Projekte nur auflisten. „Wir sind sehr nahe an den Leuten dran, haben aber die technische Lösung dazwischen“, sagt Lutz. Insgesamt stehen auf der Seite immer rund 100 Projekte zur Auswahl.

Viele Anfragen aus München

Die Idee der beiden Gründerinnen trifft auf eine immer höhere Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement in Deutschland: 2014 waren 30,9 Mio. Menschen ehrenamtlich tätig, das entspricht 43,6 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Vor 15 Jahren waren es noch rund 34 Prozent. Das zeigen die Ergebnisse der Freiwilligenumfrage, die das Bundesfamilienministerium alle fünf Jahre in Auftrag gibt.

Besonders viele Anfragen bekam Vostel auch von Freiwilligen aus München. Seit Dezember vergangenen Jahres bietet die Börse neben Berlin deshalb auch Projekte in der bayerischen Landeshauptstadt an. „Dort sind die Grundvoraussetzungen aber ganz anders als in Berlin“, sagt Lutz. Die Organisationen seien nicht so dringend auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen. „Außerdem ist dort noch eher ‚heile Welt‘; viele Leute haben etwa die Obdachlosigkeit nicht so auf dem Schirm wie hier.“

Was den Frauen wichtig ist: Ein Großteil ihrer Projekte muss ohne perfekte Deutschkenntnisse zu bewältigen sein. Denn rund 70 Prozent ihrer Freiwilligen kommen aus dem Ausland. Oft sind es Menschen, die für längere Zeit in eine fremde Stadt ziehen, um den dortigen Lifestyle zu erfahren. Die Kernzielgruppe ist mit 18 bis 34 Jahren außerdem relativ jung. „So wie die Website aufgebaut ist, spricht sie vor allem Digital Natives an“, sagt Lutz.

Lebensmittel sortieren

Die 57-Jährige Christina Heffe ist da eine Ausnahme. Ein paar Mal im Monat steht sie in einer großen Halle und sortiert Paprika, Kartoffeln und Karotten. Schlechte Ware wird weggeworfen, der Rest landet als Lebensmittelspende bei der Berliner Tafel. „Angesichts der in der Welt herrschenden Ungerechtigkeit möchte ich mehr tun als nur finanziell zu unterstützen“, sagt Heffe. Um sich verbindlich bei einer Hilfsorganisation anzumelden, fehle ihr allerdings die Zeit. Über Vostel kann sie kurzfristig engagieren, sie meldet sich für jeden Einsatz extra an. „Das Punktuelle liegt mir“, sagt sie.

Und wie sind die Zukunftspläne des Start-ups? „Der nächste Schritt ist Nordrhein-Westfalen“, sagt Lutz. Dort sei das Freiwilligenangebot nicht so gut, es gebe hauptsächlich analoge Agenturen. Außerdem startet Vostel gerade das Projekt „Volunteergration“, das Geflüchtete ins Ehrenamt bringen soll. „Das hat viel Potential“, sagt Lutz: „Viele Flüchtlinge dürfen noch nicht arbeiten, über das Ehrenamt erfahren sie eine sinnstiftende Tätigkeit.“ Außerdem sei das eine gute Möglichkeit, Menschen kennenzulernen – etwa beim Essen-Sortieren in den Läden der Tafel.

Woher kommt der Name?

Vostel setzt sich zusammen aus Volunteering und Hostel und ist ein Überbleibsel der ursprünglichen Idee der Gründerinnen: Anfangs wollten sie ein nachhaltiges Hostel aufbauen.

Diese Idee wurde nie umgesetzt, aber auch die Freiwilligenbörse war zu Beginn auf Touristen ausgerichtet. Wirklich erfolgreich war das aber nicht, nur wenige Touristen wollten sich in der fremden Stadt ehrenamtlich engagieren. „Diese Zielgruppe ist schon lange nicht mehr der Fokus“, sagt Gründerin Hanna Lutz. bf

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